Wenn einer will schlafen gehen, dem ist auch unnütz nach dem Essen zu trinken, von wegen der vorgemeldeten Ursach; es wäre denn ein natürlicher Durst und nicht trughaft von wegen vieler Einnehmung von Speis und Trank, oder daß er natürlich wäre in einem Menschen, der ein Cholericus ist, dem soll das Trinken zugelassen werden, wenn die Ursache des Dursts nicht herkommt von der Viele des Trinkens. Man soll auch die jungen Kinder und die, so cholerischer Complexion sind, nicht lassen Durst leiden, zumal in Sommerszeiten, damit sie nicht ausdorren.
Es spricht Rasis, daß die Menschen mittelmäßigen Fleisches, nicht zu feist noch zu mager, haben eine große Begierde zu trinken: diese mögen ohne Furcht Wasser trinken. Auch ein Durst von wegen überflüssigen Trinkens ist trughaft und nicht von nöthen, daß einer darauf trinke. Auch soll niemand nüchtern trinken, weder Wein noch Wasser. Das Wasser, so über dem Tisch getrunken wird, soll kalt sein, und nicht gemacht mit Schnee, auch nicht Schneewasser.«[80]
Ein anderer Medicus empfiehlt:
»In dem Winter sollt du deinen Wein nit kalt trinken, dann er viel schädlich ist und ferbläuet den Menschen inwendig; du sollt ihn lau machen. Oder sonst ein gemeine Lehre sollt du hie merken: die Speis sollt du gar wohl und klein zerbeißen in dem Mund und den Wein klein, gleich als ein Faden, hinein schlinden. Das ist ein Sach der Gesundheit und des langen Lebens.«[81]
Alle diese medizinischen Vorschriften würden natürlich in sich zusammenfallen, wenn sich die auf deutscher Erde seßhafte Menschheit des Trunkes gänzlich entschlagen wollte. Ein überaus kluger Kopf, dem die Mit- und Nachwelt eine, leider längst vergessene Podagraschrift verdankt, hat diesen geistvollen Gedanken schon vor ein paar hundert Jahren gehabt und ihn noch prägnanter als Luther in seinem
Wer zum Tischtrunk Fischtrunk nimmt,
Selten dem die Fußgicht kimmt
dahin ausgesprochen:
Liessen wir die Güß,
So liessen vns die Flüß!
Ob der Mann recht hat!