Aber alle diese holden Weiblichkeiten waren Waisenkinder gegen folgende Antiabstinenzlerinnen der Vorzeit. So überliefert Herolds Chronik von Schwäbisch-Hall ein Bravourstück dreier weiblicher Kneipgenies unter dem Titel: »Drei wohlbesoffene Weiber«. Die Stelle lautet: »Anno 1532 sind drei adelige Geschwistrig, die Friederichen genannt, von Elfershofen bürtig, nach Johannistag im Sommer gen Untermünckheim von Hall in des Mühl-Michel's Hauß kommen, allda des besten Weines 32 Maß ohne die Kost ausgetrunken, die Zech bezahlt und sein ruhig vor Nachts wieder mit einander gen Hall gegangen.« Es gibt sicherlich manchen Bruder Studio von heute, der es mit diesen drei Edelfräulein von Elfershofen nicht aufnehmen kann.[279] Die Herren Studiosi werden auch vor der Gräfin Anna von Stollberg, Äbtissin von Quedlinburg, beschämt die Waffen strecken, denn diese Dame bedurfte zur »Erquickung und Labung« alljährlich nur drei Fuder Wein. Die Nonnen von St. Himmelpforten in Wien nahmen sich, wie ich schon früher erwähnte, ein Beispiel an dieser Glaubensgenossin aus der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts.

Alle diese stellte noch Prinzessin Anna von Sachsen, Tochter des Kurfürsten Moritz, die Enkelin des Landgrafen Philipp von Hessen in den Schatten.

Der große Oranier, Wilhelm der Schweigsame (1533 bis 1584), warb als Witwer von fünfundzwanzig Jahren um die Prinzessin, und im August 1561 fand in Leipzig die Hochzeit statt. Die Festlichkeiten waren so glänzend, die Zahl der Gäste so groß, daß die für die damalige Zeit außergewöhnlich hohe Mitgift von siebzigtausend Talern kaum ausreichte, die Kosten zu bestreiten. Die Tante der Prinzessin, die Frau des Kurfürsten August, bat den Prinzen von Oranien recht herzlich, er, der damals noch Katholik war, möchte doch ihre Nichte nicht »vom Wege der wahren Religion«, d. h. vom Protestantismus, verführen, worauf der Prinz erwiderte: »Sie soll sich mit solch melancholischem Zeug gar nicht zu schaffen machen. Statt der Bibel soll sie den Amadis und ähnliche kurzweilige Bücher lesen, die de amore handeln, und statt zu nähen und zu stricken, soll sie eine Galliarde tanzen lernen, und andere Courtoisien, wie sie schicklich und landesbräuchlich.« Allein die junge Frau lernte mit schicklichen und sehr unschicklichen »Courtoisien« auch das – Saufen! »Es ließ ihr auch die Frau Prinzessin offtmals eyer gahr hardt im salltz sieden, darauf tringkt sie dan edtwan zuvil und werde ungeduldig, fluche alle böße Flueche und werfe die speiße und schussel mit allem von tisch. Und die Frau Prinzessin, wie sie es genannt, den tollen man, nemlich ein guedte Flasche zu abendts und abermals ein guedte Flasche zu abendtszeit mehr dan ein maß haltend bekumen, welches ihr sambt einem Pfund Zuckers bei sich zu nemen nicht zu vil sey.« Der Prinz schied sich von der Säuferin, deren Delirien zuletzt unerträglich wurden, und das unglückliche Weib, völlig wahnsinnig geworden, verstarb, in Dresden von ihrem Oheim in Gewahrsam gehalten, im Jahre 1577.

Dieses bedauernswerte Geschöpf bildete natürlich eine Ausnahme, immerhin aber war die holde Weiblichkeit der Vorzeit ebenso wie im Essen, so auch im Trinken unserem zarter gewordenen Geschlechte bedeutend über. Wenn am Hof Ernsts des Frommen z. B. die Fürstin und die Prinzessin das bereits angegebene Quantum Flüssigkeit mühelos vertilgten, so standen ihnen die Hofdamen und das Gesinde keineswegs nach. »Die Mägdgen« erhielten für den Tag jede eine Maß Bier und dreieinhalb Maß Landwein; »vors gräfliche und adelige Frauenzimmer« am Tage vier Maß und abends »zum Abschenken« drei Maß Bier.

Als vollgewichtiger Entschuldigungsgrund für diesen Riesendurst darf die mittelalterliche Küche gelten, die scharfe Gewürze im Übermaß anwandte.

Wir selbst geben diesen Entschuldigungsgrund an, einerseits weil dies unsere Gerechtigkeitsliebe verlangt, andererseits um zu beweisen, daß man beim Trinken stets eine Entschuldigung zur Hand hat – einst und jetzt!


7. Studenten und Professoren.

Der kühle Wein
macht gut Latein.