In die Bergstädte, wo Arbeiter mit ihren Familien aus allen Weltrichtungen hinströmten, war mit anderen lockeren Sitten auch die Trunksucht verschleppt.

Die »Kirchen-, Schul- und Spitalordnung der Bergstadt Joachimsthal in Böhmen«, von dem Luther-Biographen Mathesius (geb. 1508) 1551 zu Papier gebracht, besagt: »Die Weiber halten auf ihre Bierörter, die Jungfrauen lernen das Zechen. Knecht und Magd säuft mit, man wäscht die Beine in Wein, bis es heißt Fuimus Troes.«[273] Über das Trinken der Bauernmädchen klagt auch ein Artikel im 142. Band der Krünitzschen Encyklopädie, der sich auf die Sitten des endenden achtzehnten Jahrhunderts auf dem Lande bezieht, und von den Kölnerinnen behauptet ein altes Sprichwort: »Watt der Mann verdeent, versüfft das Wif«. Immerhin scheint die Lust an einem »guten deutschen Schluck und Trunk« bei den deutschen Damen der höheren Stände ungleich verbreiteter gewesen zu sein, als unter den Bürgerinnen und Bäuerinnen. So wollte denn auch Heinrich IV. von Frankreich keine deutsche Fürstentochter zur Frau, »weil er dann immer glauben würde, eine Weinkanne um sich zu haben«. Das Abstoßende einer trunkenen Frau empfand man übrigens auch im Mittelalter. Kaiser Friedrich III., nach ehemaligen Begriffen ein Temperenzler von reinstem Wasser, da er nur zum Abendessen und nur mit Wasser vermischten Wein trank, haßte die Trinkerinnen derart, daß er erwidert haben soll, als die Ärzte seiner unfruchtbaren Gattin Wein verordneten, er wünsche lieber eine unfruchtbare als eine weintrinkende Gemahlin zu haben.[274]

Die Weibesbild auch heben an,
Einander zü zütrinken:
Volle vnd halbe wie die Mann,
Mein hertz wil mir entsincken.
Wenn ich bedenck die sünde schwär,
Vnd allen schaden so folgt her,
Auß überfluß deß trinckens

läßt sich ein anonymer Dichter aus dem Jahre 1562 vernehmen.[275]

Es mußte schon stark hergehen, ehe man eine Frau von damals des »Trinkens« bezichtigen konnte, denn die holde Weiblichkeit verstand sich keineswegs auf das Nippen. Eine ätherisch-sezessionistische Jungfrau von heute würde sich entsetzen vor dem Paßglas, das die holde, so viel gefeierte Philippine Welser zu leeren gewohnt war – zum Entzücken ihrer Anbeter, denn der Hals der Dame war so fein, zart und weiß, daß man ihr das rote Getränk innen die Kehle hinabgleiten sah.[276]

Die schöne Augsburgerin eröffnete auch in dem Trinkbuch von Schloß Ambras in Tirol, in das sich diejenigen mit Namen und Sprüchlein einzuzeichnen pflegten, die den Inhalt des drei Maß haltenden Willkommenhumpens um ein Erkleckliches verringert, im Jahre 1567 den Reigen der Frauen.

In der bereits erwähnten »fürtrefflichen« Hofordnung Ernsts des Frommen vom Jahre 1648 heißt es in § 7: »vor unsere junge Herrschafft und Fräulein, soll er jede Mahlzeit geben, insgesamt zwei Maaß Wein und fünffthalb Maaß Bier.« Da unter den »Fräuleins« junge Mädchen im zartesten Alter zu verstehen sind, so nötigt die Getränksmenge dieser Dämchen selbst einem gewiegten Trinker alle Achtung ab. Sieben Maß pro Tag – das bringt heute höchstens eine Münchnerin fertig.

Einige Jahrhunderte früher, anno 1062, erhielt eine Hofdame der Kaiserin täglich, wenn sie mit ihrer Gebieterin auf Reisen war, ein Maß Met, 1½ Maß Wein, 5 Maß Bier, 1 Semmel, 1 Eierbrot und eine Metze Futter für ihren Zelter, jährlich 2 Röcklein und 2 Schleier.

Auf einer Hochzeit in Goldberg in Schlesien war Hans von Schweinichen Tischherr einer jungen Dame. »Sonderlich erhub mich dieses, daß des Herrn Bocks Tochter, Jungfrau Käthlein, etliche Worte lateinisch konnte reden, und wann sie mir eines Lateinisch zutrank, daß ich ihr antworten konnte«[277], also eine kommentmäßige Jungfrau, auf die aber hoffentlich das alte Sprichwort nicht paßte:

Ein Mägdlein, das gern Wein trinket
Ein Junggesellen mit den Augen winket,
Und scharret mit den Füßen auf der Erden,
Ist's keine »Dirn«, so wird sie eine werden.[278]