Wo Ceres nicht sitzet,
Wo Bacchus nicht hitzet,
Da Venus nicht schwitzet.

sagt eine alte Priamel.

Gleich Tübingen war Jena als Universität berühmt, und der Jenaer Student das Ideal des deutschen Burschen.[286] Die liberalen Institutionen dieser neuen »zur Erhaltung und Fortpflanzung der evangelisch-lutherischen Lehre und aller guten Zucht und feinen Künste« 1548 gestifteten Universität, die dem Rektor und Senat bei allen »nicht peinlichen Fällen«, die unter Todesstrafe standen, die Gerichtsbarkeit zusprach, lockte viele Hochschüler nach der freundlichen Saalestadt, denen es anderswo zu beschränkt zuging. Diese Freiheiten lockerten aber auch die Sitten in bedenklicher Weise. Reiche Adelige erklärten unumwunden, nicht des Studiums, sondern nur der Liederlichkeit wegen in Jena zu weilen. Vergebens untersagten die Statuten das Einbrechen in die Weinberge, die tumultarischen Aufläufe, die Völlerei und das kommentmäßige Trinken. Die dabei zu beobachtenden Regeln sind in einem »Zech- und Saufrecht« aufgezeichnet, das ich auszugsweise nach Schluß dieses Kapitels wiedergebe, als vielleicht ganz willkommenes Gegenstück zu den nun üblichen Kommenten. Aus dem genannten Büchelchen geht hervor, daß besonders ausgepichte Kehlen Kerzen und Lichter mit dem Wein zusammen vertilgten, »denn es stehet geschrieben: trink' was fließend und feucht ist«. Saufbolde warfen ungewässerte Heringe in das Bier, andere Tollköpfe endlich zerbissen nach dem Schmollistrank die Gläser, wenn sie nicht renommierend Bier oder Wein aus »unflätigen Geschirren« tranken. Von den jenensischen Trinkgebräuchen verlautet: »Es wird uns berichtet, daß dort Deputationen zu Ehren des Bacchus gehalten wurden, wobei die Zuhörer kleinere Becher, der Opponent einen Humpen hatte, womit er in dreifachem Schluck das jus objectionis darstellte, der Respondent durch dreimaliges Trinken diesen nassen Syllogismus annahm, der Präses das übrige austrank.«[287] Aus Jena, besser gesagt aus Lichtenhain bei Jena, stammt auch die Würde des Fürsten von Thoren, die nur ein ganz trinkfester Bruder Studio einnehmen konnte. Nach einer Tradition soll es einst einer dieser Fürsten auf achtzehn Stübchen auf einem Sitz gebracht haben, ein ganz nettes Quantum, da ein Stübchen fast vier Liter enthielt. Je weiter das Mittelalter der Rüste zuging, desto mehr verschlechterten sich, wie bei allen Ständen, so auch die Sitten der akademischen Jugend, bis sie während und nach dem großen Religionskrieg die höchste Stufe der Verwilderung erreichten. Der »alamode« Student war ein Konglomerat der edelmännischen, soldatischen und bürgerlichen Sittenlosigkeit. Hans Michael Moscherosch, nach Grimmelshausen der bedeutendste Sittenschilderer aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, läßt sich im sechsten Gesicht »Höllenkinder« seines Hauptwerkes[288] über »Rüpel und Studenten« also aus: »Sie sind von ihren Eltern geschickt, um den Professoren mit Gehorsam und Demut entgegenzugehen und ihrer Lehre mit Fleiß und Ernst zu horchen; aber sie bringen die meiste Zeit im Luder hin und jagen das sauer erworbene Gut ohn Erbarmen durch …«

Im Verlauf seiner Geschichte zeichnet Philander von Sittewald eine Studenten-Kneiperei wie folgt:

»Als ich auf Ermahnung des Geistes – Philanders Führer – näher hinzutrat, sah ich, daß die Vornehmsten an einer Tafel saßen und einander zusoffen, daß sie die Augen verkehrten, wie gestochene Kälber oder geschlachtete Ziegen. Aber bei der Schenke bemerkte ich einen in grausamer Gestalt, der ihnen heimlich Schwefel und brennendes Pech unter den Wein mengte, wovon sie erhitzt wurden, als ob sie voll höllischen Feuers wären. Einer brachte dem andern eins zu aus einer Schüssel, aus einem Schuh: der eine fraß Gläser, der andere Dreck, der dritte trank aus einem verdeckten Geschirr, darin allerhand Speisen waren, daß einem davor gruselte. Einer reichte dem andern die Hand, fragten sich unter einander nach ihren Namen und versprachen sich ewige Freunde und Brüder zu sein mit Hinzufügung dieses üblichen Burschenspruches: ›ich tue, was dir lieb ist, ich meide, was dir zuwider ist‹, dann band einer dem andern eine Schleife von seinen Schlotterhosen an des anderen zerfetztes Wams … Die aber einander nicht Bescheid tun wollten, stellten sich teils wie Unsinnige, teils wie Teufel, sprangen vor Zorn in die Höhe, rauften vor Begierde, solchen Schimpf zu rächen, sich selbst die Haare aus, stießen einander die Gläser ins Gesicht, mit dem Degen heraus und auf die Haut, bis hier und da einer niederfiel und liegen blieb. Und diesen Streit sah ich auch unter den besten und Blutsfreunden selbst mit teuflischem Wüten und Toben entbrennen. Ich hörte einen hinter mir, der sprach: Das sind die Blüten der Sauferei, das sind die Früchte des Pennalismus![289] worüber ich seufzend bei mir sprach: Mein Gott! ist es möglich, daß der Teufel etwas ärgeres unter den Menschen hätte aufbringen können als dieses, daß auch die besten Freunde wegen eines Glases Wein, wenn sie einander nicht Bescheid tun wollen, nicht mögen oder können, sich so entzweien, zanken, neiden, plagen und placken! und was das ärgste ist, daß sie sich die bäurischen gröbsten Gedanken machen, als ob Ehre und Reputation deswegen in Gefahr stände!

Andere waren da, die mußten aufwarten, einschenken, Stirnknuffen und Haarrupfen aushalten, neben vielen anderen Narreteien. So saßen die anderen Esel auf diesen wie auf Pferden und soffen eine Schüssel Wein auf ihnen aus; andere sangen Bacchuslieder dazu oder lasen Bacchusmesse: »O edler Wein, o süße Gabe«. Die Aufwärter wurden von den andern genannt: Bacchanten, Pennäle, Haushähne, Spulwürmer, Mutterkälber, Säuglinge, Quasimodogeniti, Offskys, junge Herren; und sie sangen über diese ein Lied, dessen Anfang war:

Prächtig kommen alle Pennäle hergezogen,
Die da neulich sind ausgeflogen.
Und haben lang' zu Haus gesogen
Von der Mutter usw.

Das Ende lautete:

So tut man die Pennäl agieren,
Wenn sie sich mal imaginieren
Und die Studenten despectieren
usw.

Endlich nach Beendigung dieses Geplärrs schoren sie ihnen das Haar ab, wie den Nonnen, wenn sie das Gelübde ablegen. Daher heißen diese Schoristen[290], Agierer, Pennalisierer; unter sich selbst aber titulieren sie sich: frische Kerls, fröhliche Burschen, freie, redliche, tapfere und herzhafte Studenten.