Andere sah ich blinzelnd herum schwärmen, als ob sie im Finsteren wären, jeder mit einem bloßen Degen in der Faust; damit schlugen sie in die Steine, daß es funkelte, schrieen in die Luft wie Pferde, wie Esel, wie Ochsen, wie Katzen, wie Hunde, wie Narren, so daß es den Ohren wehe tat; stürmten mit Steinen und Knütteln an die Fenster und riefen: heraus Pennal! heraus Feix![291] heraus Pech! heraus Raup'! heraus Schurk'! heraus Ölberger[292] und dann ging es bald an ein Reißen und Schmeißen, an ein Rennen und Raufen, an ein Hauen und Stechen, daß mir darob die Haare zu Berge standen …« »Andere wieder soffen einander zu auf Stühlen und Bänken, auf dem Tisch oder auf dem Boden, auf den Knieen, den Kopf unter sich, über sich, hinter sich, vor sich. Andere lagen auf dem Boden und ließen sich den Wein einschütten durch einen Trichter. Andere lagen und schnarchten; andere nickten und tranken sich zu; andere stimmten mit schwerer Zunge dem Gesange der Genossen bei; andere lagen lang auf dem Tische, das Kinn in die hohle Hand gestützt. Nun gings über Tür und Ofen, über Trinkgeschirr und Becher und mit ihnen zum Fenster hinaus mit solcher Unsinnigkeit, daß mir grauste.
Andere lagen da, spieen und kotzten wie die Gerberhunde; und wenn sie sich genugsam in dem Unflat besudelt hatten, dann kamen ein paar häßliche Geister und trugen sie zu Bett …« In Dürers Studentenroman »Geschichte Tychanders«, erschienen 1668, erzählt der Held von seiner Pennalzeit: »Ich verbrachte solch Probejahr nach gewöhnlicher Pennalweise, ohne Gott, ohne Gewissen, ohne Gebet in lauter wüstem heidnischen Fastnachtleben. Zwar was sag ich heidnisch? Wo ist bei Heiden ein solch verteufelt Leben jemals geführt worden? Fressen, saufen, passaten gehn, sich mit Steinen balgen, Fenster einwerfen, Häuser stürmen, ehrliche Leute durchhecheln, neue Ankömmlinge vexieren, beschmausen – (ihnen das von Hause mitgebrachte Geld abnehmen) und recht räuberischer Weise ihrer armen Eltern Schweiß und Blut helfen durch die Gurgel jagen, war meine tägliche Arbeit; um das Studieren bekümmerte ich mich nicht, ich hatte genug andere Possen zu tun«.[293] Sapienti sat!
Ein Saufgelage, einen »Jen'schen Abschiedsschmaus« im 18. Jahrhundert schildert, allerdings in Übertreibung, J. F. W. Zachariä (1726–1777) in seinem berühmten komischen Studenten-Heldengedicht »Der Renommist« im ersten Gesang:
… setzt euch, ihr Narren, und trinkt!
Und trinkt, und trinkt, schrien auch die andern um die Wette,
Und sauft, und saufet euch bis morgen in das Bette …!
… Und alsobald füllt er das große Glas mit Bier,
Und säuft dem ersten zu aufs Wohlsein der Scharmante,
Ein Mädchen, welches er dem Namen nach kaum kannte.
Den Schlüssel von der Tür hielt er, dem Zepter gleich,
Als Hospes, in der Hand, und gab in seinem Reich
Ein heiliges Gesetz, ohn' Abziehn auszutrinken.
Oft ließ sein Richterarm den schweren Schlüssel sinken;
Weh dem, der dies Gesetz als ein Rebelle brach!
Wenn er das Donnerwort, pro poena, zu ihm sprach,
So mußt' ein neuer Strom in seine Kehle fließen;
Sonst stand er in Gefahr sein Mädchen einzubüßen.
Das Bier bewies die Kraft, der falsche Witz fing an,
Und alle prahlten nun Schandtaten, nicht getan …«
Außer den gewöhnlichen Kneipereien, gab es an den Universitäten auch eine ganze Zahl von Gelegenheitsschmäusen, bei denen sich die Trinklust der Musensöhne Genüge leisten konnte. Da waren in erster Linie die Depositionen, deren sich jeder neu zugezogene Student, der Beanus d. h. hec jaune = Grünschnabel, unterziehen mußte, um ein Pennal zu werden.
Eine ausführliche Beschreibung der diesen Orgien eigentümlichen »groben Bacchantereien« und den dabei geübten Unflätereien und Rohheiten steht in Scheibles Schaltjahr[294], kurz gibt sie Cornelius Relegatus, der Herausgeber des 1608 in Straßburg erschienenen Speculum Cornelianum[295] wie folgt:
Der Depositor examinirliche auch daneben
Woher das Monstrum komme eben,
Cornelius Antwort behendt
Dann man ihn seiner Gestalt nach köndt
Urtheilen, wie daß er fürwahr
Ein beßlich Thier sey ganz und gar,
Begabt mit zwey Hörnern groß
Dern er begehrt zu werden loß;
Dern ganz und gar so unbekandt
Der löblich Mann Student genandt.
Drauff wird er von ihm Deponirt
Behawen, behobelt, wol abgeschmirt,
Beschoren nach dem alten Brauch
Ein Zahn ihm ausgerissen auch usw.
Alles was der angehende Student bei sich trug, selbst seine guten Kleider, wurde ihm abgenommen und in Getränke umgesetzt, die durch die Kehlen der Deponenten gejagt wurden.[296]