„Ich weiß nicht, was ich an Ihnen mehr bewundern soll,“ sagte Herr von Crudenius, der Militärattaché einer verbündeten Macht, der bald hierauf mit Herrn von Klumm in dessen Wagen zur Botschaft fuhr — die versammelte Volksmenge brach in Hochrufe aus — „Sie stellen Ihre Verehrer vor allzu schwere Aufgaben, — Ihre heutige Rede im Repräsentantenhaus, die ein oratorisches Meisterstück war, Ihr schlagfertiges geistvolles Aperçu an den Unbekannten oder den erstaunlich sicheren Takt, mit dem Sie die Wiedergabe dieses Aperçus sofort unterdrücken.“
„Routine, lieber Herr von Crudenius, nichts als Routine. Natürlich Routine nicht im schlechten Sinne des Wortes, etwa als Gewissenlosigkeit, Herzlosigkeit. Nein, ich will mich nicht überflüssigerweise heruntermachen, bin auch durchaus nicht der Bescheidenste im Land. Ich will nur sagen: man lernt das, man gewöhnt sich daran, wie man sich an alles gewöhnt. Neunzehn Zwanzigstel unseres Lebens sind blinde bewußtlose Gewohnheit.“
„Dasselbe sagten Sie eben auch im Parlament, Herr Baron. Ich staune über Ihren Mut. Den Beifall der konservativ-nationalistischen Gruppe haben Sie sich gleich anfangs verscherzt, als Sie gegen jede Prestigepolitik sprachen. Und zum Schlusse forderten Sie wiederum die sogenannten Fortschrittsparteien zum Widerspruch heraus, indem Sie das Stehenbleiben auf Sitte und Tradition rühmten.“
„Nicht rühmten,“ unterbrach der Baron, dessen kluger Kopf keine Spur von geistiger Abgespanntheit zeigte, wie es nach der anstrengenden fünfstündigen Sitzung eigentlich begreiflich gewesen wäre. „Ich rühmte nicht. Ich stellte nur fest. Stellte, wenn Sie wollen, sogar mit Bedauern fest. Ich bin nun einmal, so weit kennen Sie mich ja, ein fanatischer Anbeter von festgestellten Tatsachen und Wahrheiten. Ich fühle mich verantwortlich für das Wohl und Wehe des Reiches, in des Wortes schwerster Bedeutung vor meinem Gewissen verantwortlich. Als verantwortlicher Mann muß ich nüchternste Realpolitik treiben und bin ein abgesagter Feind aller Ideologien, mögen sie nun von rechts oder von links kommen, mögen sie chauvinistisch mit dem Säbel klirren oder aufgeklärt mit der Friedenspalme rasseln. Wahrhaftig, lieber Herr von Crudenius, Ideologen, Utopisten, unverantwortliche Phantasten halte ich für die Ärgsten, die einzigen Feinde der Menschheit.“
Der Attaché lachte: „Und wenn man’s genau nimmt, haben Sie immerfort mit solchen Leuten zu tun, Sie Bedauernswerter. Der Mann auf der Treppe — und die Volksmänner drinnen, denen Sie die wahre sittliche Würde des Krieges erklären mußten — ist es nicht, im Grunde genommen, immer ein und derselbe Feind. Verkehrtheit und überspannter Idealismus gegen die gesunde Menschennatur.“
„In Ihre Hand würde ich den Auftrag, meine Biographie zu schreiben, mit Beruhigung legen,“ sagte der Minister nicht ohne leise Ironie. „Sie haben mich sozusagen heraus. — Mit der einen Einschränkung vielleicht: Ich bin kein Freund Ihres Handwerks.“ Er zeigte auf den troddelgeschmückten Säbelgriff seines Nebensitzenden. „Wiewohl ich heute manches derartige gesagt habe, weil ich es sagen muß. Ich bin überhaupt nichts weniger als ein Freund dieses Krieges, der nun schon das zwanzigste Jahr lang andauert.“
„Aber Sie sagten, unter dem Entrüstungssturm der Sozialdemokraten, daß man sich an den Krieg gewöhnt hat.“
„Das sagte ich, weil es wahr ist, einfach unbestreitbare Tatsache. Bester Beweis: ebendieselben Sozialisten bewilligen uns jedes Jahr glatt unsere Kriegskredite. Aber zwischen Gewohnheit, und Freundschaft liegt doch wohl noch so manches, nicht wahr? Man hat auch üble Gewohnheiten, und ich stehe nicht an, den Dauerkrieg als eine solche üble Gewohnheit Europas zu bezeichnen. — Aber wer wagt es ernstlich zu bestreiten, daß wir den Krieg restlos in die Reihe unserer sozusagen instinktiven Lebensfunktionen mit eingereiht haben? Kein Wunder, die meisten von unserer repräsentativen Generation waren noch schulpflichtige Kinder, als der Krieg begann. Wir sind mit dem Krieg aufgewachsen und werden zweifellos nicht so lange leben wie er. Die heutige Jugend weiß gar nicht, was dieser sagenhafte Zustand „Frieden“ bedeutet, den sie nie erlebt hat. Ja, wenn man es genau nimmt, hat es eigentlich noch niemals Frieden gegeben, so wie es meiner festen Überzeugung nach auch nie einen geben wird. Es war nur Nicht-Krieg, ein durch geschäftsmännische Heuchelei und künstlich errechnete Verträge überkleisterter Zustand gegenseitiger Feindschaft und übelsten Ressentiments zwischen den Staaten. Ein Schriftsteller, der den Ausbruch des Krieges als reifer Mann miterlebt hat, also die Zustände vorher und nachher als Zeitgenosse wohl miteinander vergleichen konnte, ich meine Max Scheler — der auf meine Anordnung hin jetzt in den Schulen gelesen wird — hat das damals sehr gut dargestellt. Der Unterschied zwischen dem versteckten und offenen Krieg, der dann nur das vorhandene Haßverhältnis enthüllte, ist nach diesem Autor gar nicht so bedeutend gewesen. Ich stimme ihm in diesem Punkte vollständig bei. Anders wäre es ja auch gar nicht erklärbar, daß wir den Krieg so gut vertragen und ihm unsere Organisation wirklich lückenlos anpassen konnten. Es war eben immer Krieg, seit die Welt besteht. Krieg ist der natürliche Zustand der Menschheit, nur seine äußere Form wechselt. Schauen Sie doch um sich, lieber Herr von Crudenius. Sieht diese belebte Straße, dieser Andrang vor dem Theater, diese Menschenströmung um die Warenhäuser herum und in sie hinein wie etwas Abnormales aus? Unsere Wirtschaftsmaschine arbeitet nach Überwindung einiger anfänglicher Störungen, die uns heute kindlich anmuten, tadellos. Der Export hat aufgehört, der innere Markt hat sich dafür erschlossen. Und mit welchem Erfolg, das sagen Ihnen die nie dagewesenen Dividendenhöhen unserer Aktiengesellschaften. Die Vernichtung von Werten wird durch die angeregte Erfindertätigkeit und Nutzbarmachung neuer Rohstoffe mehr als wettgemacht. Wir nähern uns dem Ideal des Fichteschen geschlossenen Handelsstaates. Die Umschichtung der Berufe ist leicht und radikal vor sich gegangen. Der Mann ist Krieger, die Frau zu jeder Art bürgerlicher Arbeit erzogen, mit ihr das Heer der Alten und Untauglichen. Gewiß bedauert es niemand mehr als ich, daß jährlich einige hunderttausend junge Leute an der Grenze fallen müssen, aber ist denn im sogenannten „Frieden“ niemand gestorben? Wir haben es ja durch eine zielbewußte Bevölkerungspolitik, durch energische Kinderversorgung im Staatswege, Aufhebung der Monogamie, regulierte Mannschaftsurlaube zu Fortpflanzungszwecken, durch Bodenreform, Einfamilienhaus, Kriegerheimstätte, Gartenstadt und andere vernünftige Maßnahmen, deren Durchsetzung man früher für einen Traum hielt, dahin gebracht, daß die Bevölkerungszahl sogar einen prozentuell höheren Jahreszuwachs zeigt, als jemals und daß der allgemeine Gesundheitszustand sich konstant bessert. Infolge Rückgangs der Säuglingssterblichkeit ist sogar die jährliche absolute Sterbeziffer samt allen Kriegsverlusten um etwas, allerdings nicht viel, kleiner, als die vor dem Kriege. Bitte, das ist statistische Tatsache. Wir züchten heute sozusagen Volk, während der Staat früher unbegreiflicherweise geradezu volksfeindliche Tendenzen wie den Großgrundbesitz und unhygienische Fabrikationsmethoden begünstigte.“
„Und wie erklären Sie dann trotzdem diese allgemeine Unzufriedenheit, dieses nicht überhörbare dumpfe Grollen in der Welt, das sich zum Beispiel in solchen peinlichen Auftritten wie heute entlädt?“
„Gewohnheit ist noch nicht Zufriedenheit. Sagte ich es nicht schon vorhin? Der Mensch gewöhnt sich auch ohne jede Zufriedenheit an das Furchtbarste, weil ihm keine andere Wahl bleibt. Wir haben uns ja sogar an den Tod gewöhnt. Lachen Sie nicht. Ich meine das ganz im Ernst. Wir als Geschlecht, als genus humanum, machen uns gar nichts mehr aus dem Tod. Und doch ist es, wenn man so allein, als Einzelner darüber nachdenkt, ein entsetzlicher, ja unfaßbarer Gedanke, zu sterben, von einem bestimmten Moment an nichts mehr zu fühlen, nichts zu denken, einfach für alle Ewigkeit, nicht etwa vorübergehend, nicht mehr zu existieren. Wie mag es eine Stunde nach dem Tode in unserem Kopfe ausschaun? Und fünf hunderttausend Jahre nachher? Und dabei ist dieser unendlich lange Zustand des Nichtseins doch für jeden von uns sicher, unausweichlich, nicht etwa ein böser Zufall, dem man vielleicht entgehen könnte, wenn man Glück hat, und diese absolute, unbedingte Sicherheit des Sterbens eben ist das Gräßlichste an der Sache.“