Der junge Offizier errötete vor Bewegung. „Ich danke Ihnen, Herr Baron. O wieviel Dank schulde ich Ihnen schon, seit Sie sich in der fremden Stadt meiner angenommen haben. Sie machen mich zu einem Menschen. Ohne Sie könnte ich nicht mehr leben.“
„Sie haben sich nur an mich gewöhnt, lieber Freund. Alles ist Gewohnheit!“
„Nein, ich liebe Sie, Sie sind meine einzige Stütze“ erwiderte Crudenius feurig. „Ich habe es schwer ertragen, schwerer als Sie ahnen, aus meiner Heimatstadt herausgerissen zu werden, von meinen Eltern weg, die ich verehre, aus dem Kreis lieber Kameraden, hierher an einen, sagen wir es offen, steifen, zeremoniösen Hof, dessen Sprache ich kaum verstand. Sie haben mich oft dieser Sentimentalität wegen ausgelacht . . .“
„Ja, das tue ich noch heute. Die Welt ist doch gleich, hier wie dort, die moderne Welt zumindest. Überall gibt es Schlafwagen, Badezimmer, Untergrundbahnen, Beton, Asphalt, dieselben eleganten Damenkostüme, sogar dieselben Parfüms. Der moderne Mensch findet überall das, was seinen Gewohnheiten entspricht. Ich sehe, von geographischer Länge und Breite abgesehen, gar keine Unterschiede zwischen unseren heutigen Großstädten.“
„Aber doch zwischen den Völkern. Sonst gäbe es ja keinen Krieg.“
Der Minister warf sich mit humoristischem Schreck in seinem Sitz herum: „Wehe mir! Sind das die Erfolge meines Nüchternheitskursus, den ich Ihnen seit Monaten vordoziere? — Auch Sie fallen also immer noch auf solche Phrasen herein, wie die vom verschiedenen Geist der Völker, verschiedenen Ethos der Rassen? Nein, nein, gerade gegen solche Unterstellungen zu protestieren, das ist ja der bescheidene, aber doch vielleicht nicht ganz unwesentliche Sinn meines Lebens. Lernen Sie doch endlich, mein Herr, daß die Notwendigkeit dieses Krieges nicht beruht auf Völkerverschiedenheiten, die ich ja in mikroskopischen, wirkungslosen Ausmaßen zugebe, sondern gerade auf der unerbittlichen Gleichheit aller Völker, die mit ihren identischen Lebensnotwendigkeiten einander immanenterweise den Raum, die Entfaltungsmöglichkeit streitig machen müssen. Gleiche Bedürfnisse widerstreben einander eben, solange die Erdoberfläche nicht mehrmals übereinander, wie Orgelklaviaturen, solange sie nicht so oft, als es Völker gibt, vorhanden ist. Weil jedes Volk in einem fernen Zeitpunkt die ganze Erdoberfläche für sich allein brauchen wird. Und das umso schneller, je besser und stärker es ist, je entwicklungskräftiger, je sittlicher. Und dann kommt irgend so ein armer Teufel gesprungen und verlangt von mir emphatisch, ich solle „den Feinden Gerechtigkeit widerfahren lassen“. Das tue ich ja, habe ich stets getan. Meinen Sie, ich billige die abscheulich verhetzende und unanständige Sprache, die unsere Tagespresse gegen die Gegner führt? Höchstens als Kampfmittel, um die Energie unseres Volkes wachzuhalten, na ja, da ist sie unentbehrlich, ebenso unentbehrlich wie Minen und Flammenwerfer, die ja an sich auch nicht gerade sympathische Dinge sind. Aber es ist doch naiv zu glauben, daß wir von der Regierung aus das auch wirklich denken, was wir da über „Barbaren“ und „Heuchler“ schreiben lassen. Nein, wir sind gerecht, wir erkennen den Wert und das Recht der Feinde vollkommen an. Aber eben je gerechter wir sind, desto klarer erkennen wir ohne jeden Haß und jede Verbitterung, daß auch wir Wert und Recht auf unserer Seite haben, daß es eben, Gott sei es geklagt, nicht ein Recht, sondern zwei und mehrere Rechte auf der Welt gibt, daß unsere realen handgreiflichen Interessen (und nur auf die kommt es an, nicht auf irgend welche Erdichtungen) mit den ebenso handgreiflichen Interessen der Feinde kollidieren, daß die Völker kämpfen müssen, weil sie atmen müssen und solange sie eben atmen wollen. Ebenso wie auch der gerechteste und gutmütigste Schornstein nicht umhin kann, Ruß zu erzeugen. Ist denn wirklich jemand so kurzsichtig, der das nicht einsieht, diese ganz reale, unumstößliche Tragik des menschlichen Daseins? Ich muß sagen, wer das nicht einsieht, der ist auch ein schlechter Christ. Der Leim, aus dem wir gebildet sind, ist schon verdammlich, sagt Luther. Die Essenz des Menschseins ist nun eben nichts als böse Begierde, ist Erbsünde, und mir erscheint sehr oberflächlich, wer den traurigen Zustand der Menschheit auf ephemere Regierungsfehler, Unehrlichkeit, Beschränktheit, Eroberungssucht einzelner zurückführen will, statt auf diesen dunklen Urgrund alles Menschlichen, auch des bestgemeinten und wohlwollendsten. Sehn wir doch der Wirklichkeit ganz sachlich ins Auge! Der Kirchenmann entsagt der ganzen Welt auf einmal. Das ist ein Weg. Der Staatsmann aber, dem dieser Weg nicht erlaubt ist, weil er ja das Weltliche in der Welt lenken soll, und der dabei ein ebenso guter Christ sein will, wie der weltflüchtige Asket, muß sich ganz klar darüber sein, daß seine Maßnahmen niemals Aufhebung des Krieges, überhaupt des menschheitlichen Leidens und Unglücks bezwecken können, sondern nur — wie soll ich es nennen — eine bessere intensivere Organisation des Unglücks. Mehr nicht.“
Sie waren am Botschaftspalast angelangt. Der Offizier verabschiedete sich. — „Ich muß sagen“ schloß der Minister „mich hat gerade der Krieg dieses richtige, tödlich ernste Christentum gelehrt, die erhabene Religion des Leidens. — A propos, Sie kommen doch heute nach zehn Uhr noch zu meiner Bridgepartie? Die schöne Gabriele wird da sein, auch Ihr Nannerl hab ich eingeladen.“
Im Ministerium harrte eine lange Reihe vortragender Räte. — Baron von Klumm, dessen Fleiß und Sorgfalt geradezu sprichwörtlich waren, pflegte nach Parlamentsitzungen die verlorene Zeit, wie er sagte, nachzuholen und gönnte sich dann oft bis spät in die Nacht keine Ruhe. So lösten einander auch an diesem Abend in seinem Büro Referenten, Konzipienten, telephonische Anrufe und Diktate ab. Eine Abordnung aus dem eroberten Gebiete wurde empfangen, brachte Bitten und Wünsche vor. Der Baron notierte einige Bücher und Broschüren, die hiebei mehrmals erwähnt worden waren. Noch um neun Uhr nachts schickte er den Diener in die Ministerialbibliothek und endlich, auf der Heimfahrt in seinem Auto, versenkte er sich noch in die Lektüre eines der empfohlenen Werke, das die schwierigsten Geld- und Währungsfragen behandelte.
Gabriele, erste Tänzerin der Hofoper, wartete bereits mit den übrigen Gästen in der Privatvilla des Barons und entzückte die Tafelrunde durch die lustige Unbefangenheit, mit der sie sich die Rolle der Hausfrau angemaßt hatte. Die Gesellschaft war reichlich gemischt: Schauspieler, die unaufgefordert für Unterhaltung sorgten, indem sie mehr oder minder gewürzte Anekdoten zum besten gaben, ein paar Landräte, in ewige Jagdgeschichten vertieft, zwei bis drei ironische Causeure aus der Diplomatie, ein jüdischer Schriftsteller, der zu allererst betrunken war und sich dann in revolutionären Reden gefiel, worüber man sich sehr belustigte. Nannerl, eine offensichtlich aus dem untern Volke stammende, noch gar nicht entdeckte Chansonette, entzückte den Militärattaché durch ihren feschen Dialekt, den er bezaubernd natürlich fand, obwohl ihm jede Redewendung erst in die Schriftsprache übersetzt werden mußte, worauf er sie, von niemandem angehört, nur für sich, in die Sprache seiner Heimat übertrug und in Erinnerungen an die Felder und Bäuerinnen zu Hause schwelgte. Seiner bei diesem schleppenden Umweg des Gefühls erklärlichen Schüchternheit half der Minister durch eine geschäftsmäßige Feststellung ab. Schließlich glich der Kartentisch alle Leidenschaften aus. Gabriele, für die stets einige Zimmer in der Villa vorbereitet waren, hatte sich schon längst zu Bett begeben, als die letzten Gäste über knisternde Scherben der Champagnergläser hinweg, von schlaftrunkenen Lakaien unterstützt, sich zur Türe hinaustasteten. —
Baron von Klumm ließ sich von seinem Leibdiener eine kalte Kompresse um die Stirn winden. Er wollte, ehe er sich zu Gabriele begab, noch ein wenig arbeiten. Die von dem ökonomischen Buche angeregten Gedanken hatten ihn während des ganzen Soupers nicht verlassen, wie es überhaupt eine seiner Haupteigenheiten war, stets vollständig von gewichtigen Dingen bis zum Rande ausgefüllt zu sein, auch mitten in seichter Unterhaltung.