Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Das Arbeitszimmer war, wie eben in einem rechten Junggesellenheim, sehr weiträumig und zentral gelegen. Es füllte mit seiner Front von vier Fenstern den größten Teil des ersten Stockwerkes, eigentlich mehr ein Saal als ein Zimmer zu nennen. Drei hohe Wände, bis zur Decke mit Bücher- und Aktenrücken austapeziert, verloren sich im Dunkel, vor den Fenstern breitete sich im sausenden Nachtwind die mondbeschienene Schneekette des nahen Hochgebirges aus.

„Du hast hereinschneien lassen, Peter.“ Der Baron wies auf einen hellen weißen hügeligen Fleck auf dem Parkettboden.

Der Diener zuckte verständnislos die Achseln, griff an die Fensterklinken, um zu zeigen, daß alle geschlossen waren, strich aber dann trotzdem mit einem rasch herbeigeholten Wischfetzen über den Fußboden an der vom Baron immer noch mit ausgestrecktem Finger bezeichneten Stelle hin, allerdings mit der gekränkten Miene eines Mannes, dem ein schrullenhaft umständlicher Auftrag erteilt wird und der ihn nur aus Gutmütigkeit ausführt.

Dann ging er.

Der Baron begann zu lesen, bald aber störte ihn ein leises Knistern. Trat er immerfort noch auf Scherben? Er sah auf. — Zu seinem größten Erstaunen war der weiße Fleck im Zimmer, der übrigens ganz jenseits des Mondlichtstreifens im Schatten eines Kastens lag, nun zu einem richtigen Hügel emporgewachsen, ja er rückte wie ein unnatürlich aufschießender Pilz sichtlich weiter in die Höhe. — Nein, das war allerdings kein Schneehaufen, das bewegte sich ja. — Plötzlich kam die Erkenntnis. Das ist ein menschlicher Kopf.

Im Augenblick hatte sich der Baron gefaßt, den Revolver ergriffen, den er immer bei sich trug, und auf den Kopf abgefeuert. „Ich wußte gar nicht, daß es Falltüren in meiner Villa gibt.“ Er repetierte. Sechs Schüsse, dann war der Revolver leer.

Die Schüsse hatten offenbar nicht getroffen, sondern brachten eine andere ganz unerwartete Wirkung hervor.

„Ja, jetzt gehts“ rief eine wie aus dem Schlaf gesprochene, ungelenke, verschleimte Stimme, und sofort schwebte mit einem Ruck wie ein straff gefüllter Gasballon die ganze, sehr lange Gestalt der Erscheinung empor, merkwürdigerweise ohne den Fußboden dabei merklich weiter aufzureißen. Es war ein stattlicher weißhaariger alter Herr, der mit geschlossenen Augen, die Arme fest an die Seiten des Körpers gepreßt, emporstieg. Der befreiende Auftrieb schien aber plötzlich nachzulassen, so daß die Füße und Unterschenkel des seltsamen Wesens unter dem Fußboden stecken blieben, ohne daß dies auf den Beschauer oder auf das Wesen selbst eine besonders befremdende Nebenwirkung ausgeübt hätte.

Dem Baron sträubten sich die Haare unter der Kompresse. Er fiel in seinen Lehnsessel zurück, aus seinen Beinen war jede Kraft, ja jedes Gefühl entwichen, so daß er sich wie mit eisernen Reifen um die Hüften in eine Art sitzender oder halbliegender Stellung festgeklammert fühlte, ohne ein Glied rühren zu können. Er war aber nicht der Mann, sich ohne Widerstand durch ein Gespenst oder vielmehr durch irgendeinen übermütigen Bubenstreich aus der Fassung bringen zu lassen. Gewohnheitsmäßig rang er nach einem einleitenden Gesprächsthema, doch über seine Lippen kam nur etwas Speichel, dann ein Gurgeln und Labern wie es Säuglinge ihren ersten Artikulationsversuchen vorausschicken. Endlich konnte er sich verständlich machen: „Ihr Name ist . . .?“

Die Erscheinung hatte jetzt ihre Augen geöffnet, große schöne braune, gar nicht unheimliche Augen, mit denen sie freundlich und still ungefähr in der Richtung auf den sich abquälenden Minister herabsah. Der Minister erwiderte, wie er es stets zu tun pflegte, diesen Blick mit Strenge und Festigkeit, trotz seiner kraftlos ausgestreckten Lage im Sessel, zwischen dessen Lehnen seine obere Körperhälfte wie auseinandergeworfen, ungeordnet, gleichsam auf den Misthaufen hingeschmissen herumlag. „Ihr Name ist . . .“ sagte er nun schon sicherer und machte den Versuch, durch heftiges Augenzwinkern die Herrschaft über seine erstarrten Glieder wiederzuerlangen. Schließlich aber sah er die Aussichtslosigkeit dieses Versuches ein und wurde ganz still, da er fürchtete, sich vor dem Geist lächerlich zu machen. Daß er es mit einem wirklichen und nicht bloß gespielten Geiste zu tun hatte, war inzwischen seinem rastlos arbeitenden Gehirn klar geworden. — Schon die Dimensionen der Erscheinung sprachen dafür. Sie war nämlich mehr als zweimal so groß wie ein irdischer Mensch, überragte also sogar die üblichen Panoptikumriesen, dabei gaben ihre Proportionen den gewohnten an Ausgeglichenheit nicht nach, hatten also durchaus nicht das Gewaltsame, Rohe, das uns jene Monstren auf dem Jahrmarkt so unheimlich macht. Unheimlich war hier nur, daß die seltsame Gestalt, wie zum Ausgleich für ihre Größe, aus einer merkwürdig lockeren Materie zu bestehen schien, durch welche man das hinter ihr liegende Fenster und sogar den das Mondlicht widerspiegelnden Gebirgskamm in der Ferne ganz matt durchschimmern sah. Ein erstaunlicher Anblick, der, wie sich von Klumm mit wissenschaftlicher Präzision eingestand, durch keinerlei Hokuspokus hervorgebracht sein konnte. Das Unerklärlichste aber blieb dabei, daß die Figur langsam und ganz allmählich einzuschrumpfen, in sich zusammenzusinken schien, wobei sie auch immer festeren Inhalt bekam, ohne übrigens ihre Umrisse oder Gesichtszüge im mindesten zu verzerren. Es wurde nur alles zierlicher, vertraulicher, gleichsam menschlicher an ihr. Überhaupt schien es dem Phantom, wie man jetzt deutlich merkte, durchaus nicht darum zu tun, Schrecken einzujagen. Es machte vielmehr (vielleicht war dies Sinnestäuschung, vielleicht aber eine richtige Beobachtung des immer mehr zur Besinnung kommenden Staatsmannes) ganz im Gegenteil den Eindruck, als wolle es Vertrauen gewinnen, ja binnen kurzem bot es den ganz unglaublichen Anblick eines Gespenstes, das sich selbst am meisten fürchtet, das bescheiden und ängstlich in die Ecke treten möchte, um nicht zu stören, und nur leider nicht von der Stelle kann, wodurch es in eine recht verlegene und verwirrte Stimmung gerät.