Der Minister raffte sich nun zusammen und setzte sich gewaltsam gerade auf. Seine erste Bewegung war, die Kompresse abzunehmen, die für sein Gefühl den guten Ton einer Privataudienz gröblich verletzte. Dann sagte er, schon ganz kaltblütig geworden: „Sie müssen mir aber Ihren Namen nennen, Ihren Namen.“

„Namen“, wiederholte das Gespenst, als suche es mit aller Anstrengung sich etwas klarzumachen. „Namen . . . Namen . . . Was ist das nur; Namen?“ Die Stimme klang jetzt nicht mehr verschlafen, sondern rein und hoch, nur etwas zu vibrierend, um menschlichen Stimmbändern anzugehören. Ein Unterton von großer Schüchternheit und Demut war in ihr unverkennbar.

Der Baron sah wieder an der Gestalt empor, musterte sie von Kopf bis zu Fuß, vielmehr bis zum Knie — denn sie stak immer noch teilweise unter dem Parkett. Wiederum trat eine Pause ein, in welcher nicht nur der Baron sich bequemer zurechtsetzte, sondern auch die Erscheinung zum erstenmal zu erkennen schien, daß sie Arme habe, — zumindest sah sie jetzt mit erstauntem Blick an ihren Seiten herab und löste, ungläubig und zögernd, die Gliedmaßen von den Hüften, hob sie ein wenig und ließ sie wieder sinken. Dabei schien sie auch über die Bewegung ihres Kopfes, die sie jetzt zum erstenmal machte, in Staunen, sogar in Schrecken geraten zu sein, denn ihr Gesichtsausdruck wurde von Minute zu Minute ängstlicher, und die Starrheit der Kontur verfestigte sich nach diesen Bewegungsversuchen für die nächste Weile nur noch mehr.

Der Baron konnte, wie es seine engeren Parteifreunde nannten, unter Umständen „ganz ekelhaft madig“ werden. Ein solcher Moment der Offensität war auch jetzt gekommen. Als wolle er sich für die knapp überwundene Kleinmütigkeit schadlos halten, fuhr er den Gast mit voller Stimme an: „Nun, zum Teufel, Sie müssen doch wissen, wie Sie heißen, wer Sie sind, was Sie hier wollen und wie Sie eigentlich hergekommen sind.“

Bei dem rauhen Klang dieser Worte schien sich die Erscheinung nun energisch zusammenzunehmen. Ein alter Mann, der sich auf etwas besinnen will, der ängstlich die weißen Augenbrauen zusammenzieht — nicht viel anders sah das Gespenst jetzt aus. Doch brachte es nicht mehr hervor als die gezwitscherten Worte: „Ich glaube, ich bin eben hier hereingestorben.“

„Hereingestorben, — was ist denn das?“

Wieder eine Pause.

„Sie — was das ist, frage ich.“

„Ja, wenn ich das selbst wüßte, mein Herr“ erwiderte der Greis. „Haben Sie Mitleid mit mir. Ich bin erst soeben gestorben, vor einem kleinen Weilchen, und ich habe so viele Sünden begangen. Wie soll ich mich da schon auskennen. Ich bin ja noch ganz benommen. Glauben Sie mir, eine Kleinigkeit ist es nicht.“ Und nach diesen ersten wenigen zusammenhängenden Sätzen schloß er wieder die Augen, gleichsam ganz erschöpft von so viel Anstrengung.

„Merkwürdig“ sagte der Baron „ganz eigentümlich . . . hm, hm. Das ist mir ganz neu.“ Wie hilfesuchend griff er um sich und packte den Schirm seiner Schreibtischlampe. Diese Berührung schien ihn auf einen Einfall zu bringen. Den Schirm wie einen Stützpunkt festhaltend, drehte er sich im Sitzen herum, in den grellen Lichtkreis der Stehlampe und entzog damit zum erstenmal wieder das Gespenst seinem Blick. Plötzlich begann er krampfhaft zwischen den aufgehäuften Papieren und Büchern zu wühlen. Das waren doch seine ganz normalen Arbeiten, seine gewohnten Gedanken und Vorstellungen. Er suchte sich an einzelnen Worten und Ziffern, die er las, anzukrallen, festzusaugen, — doch sie verschwammen vor seinem aufgeregten Blick, nichts konnte er entziffern. Immerhin dachte er nach einer Weile sich so weit zur Vernunft gebracht zu haben, daß er sich wieder ins Zimmer hinter sich umschauen zu dürfen glaubte. Langsam wagte er es und wandte sich wieder in die vorige Richtung. Da lag der dunkle, ins Unendliche verschwimmende Saal, in dem die elektrische Lampe nur den nächsten Umkreis, nahezu nur bis zu seinen Füßen, erhellte. Und knapp vor ihm schon wieder dieser langaufgeschossene Patron, der übrigens, was wirklich grauenhaft aussah, die Zwischenpause nicht dazu benützt hatte, um sich in eine bequeme Stellung zu arrangieren, sondern statt dessen starr und mit tiefem Ernst, wie in völliger Selbstvergessenheit eine Antwort des Ministers abzuwarten schien.