Seit wann kennst du sie?

OROSMIN:

Seit acht Tagen, seit ich hier in der Stadt bin. Ich traf sie gleich auf dem Bahnhof. Sie war mir vorbestimmt, zweifellos. Was sonst als mein Schicksal hätte mir eingeflüstert, in diese Stadt zu fahren, gerade hierher, wo ich keinen einzigen Bekannten habe . . . Was, es ziemt mir nicht, von all diesen Dingen zu reden. Ich will nur von ihr reden, an sie denken, alles andere ist ja so überflüssig. — Nur das eine sage ich dir noch, damit du mich nun endlich verstehst. Früher war ich ein vielbeschäftigter Mensch, ich hatte einen Wandkalender und einen Taschenblock für Notizen und tägliche Besorgungen, ich strich die einen durch, schrieb neue, manche blieben wochenlang unerledigt und quälten mich unsäglich. Immer hatte ich Briefe vor oder Bücher, Bilder, Besuche, Satiren, Angriffe. Oft, wenn ich an eine Sache dachte, stieg verhüllt eine andere Gedankenkette in mir auf, ein ganzes System, in sich geschlossen wie Bergland und gar nicht mit dem zusammenhängend, was ich gerade arbeitete. Es wollte in mein Bewußtsein, es war da, zum Beispiel: »Die Ansichten Ruskins über die Welt«, ich fühlte seinen Druck wie von dunklen Wassermassen in der Nacht, hinter einer Schleuse . . . nur so im allgemeinen, ohne daß ich die einzelnen Gedanken sehn konnte . . . in sternenloser Nacht . . . Und da entstand dieses unleidliche nervöse Gefühl des Komplizierten, Unübersehbaren in meinem Leben. Als sei ich verpflichtet, zugleich mit meiner Arbeit den ganzen Ruskin und überhaupt alles in der Welt parat im Kopf zu haben, so daß ich es sofort jedermann erklären könnte. Unmöglich erschien mir das, verzweifelt und doch so nötig. Warum nötig, das wußte ich nicht — ich fühlte es unmittelbar, eben diesen hydraulischen Druck im Gehirn, flüssige, glatte, lastende Flächen . . . Gottlob, wie ist das jetzt vorbei, alles vorbei. Ich war wahnsinnig, jetzt bin ich gesund. Ich war tot, jetzt lebe ich . . .

KLÜGRIAN (trocken):

Und wie lange wird das dauern?

OROSMIN:

So etwas dauert nicht, merke dir’s. — So etwas trägt die Zeit in sich und alle Dinge der Welt kannst du fragen, wie lange sie, an meiner Liebe gemessen, dauern werden; nicht aber meine Liebe an ihnen gemessen. — Unseliger, du begreifst mich nicht. Aber ich habe ja alle Trümpfe so in der Hand, ich bin so im Recht, ich könnte dich so leicht vollständig überzeugen. Es ist eine Wollust, so vollständig im Recht zu sein . . . Sprich doch etwas Vernünftigeres, damit ich mich nicht zu sehr überhebe . . .

KLÜGRIAN (lacht und klopft ihm auf die Schulter):

Jetzt genug der Imagination. Ich würdige deine poetische Laune vollkommen, aber sie scheint mir nicht zeitgemäß . . . Über die fürstliche Einladung selbst ist ja weiter nichts zu reden. Siehst du ihre Vorteile nicht sofort jetzt ein, so wirst du sie allmählich einsehn . . . Ich wäre auch nicht dagesessen und hätte mit dir von allem möglichen geplauscht, wenn nicht alles Wichtige schon längst besorgt wäre . . . Wir soupieren jetzt, dann benützen wir den Nachtzug in die Residenz, deine Koffer haben wir schon vorausgeschickt, deine Hausfrau hat sie freundlichst gepackt. Die Wohnung ist bezahlt und gekündigt. Hier überreiche ich dir noch ein Schreiben deines Vaters, der es sich nicht nehmen lassen wollte, dir zu deinem außerordentlichen Glück selbst zu gratulieren. Hier ist ein Kreditbrief (er überreicht die Schriften, die Orosmin nimmt und vor sich säuberlich auf dem Tisch aufschichtet), hier persönliche Empfehlungen an den Khedive. Der Hofmarschall bringt dir weitere; in eigener Person, zu höchster Ehre holt er dich ab . . . Hier ist er . . .

— — —