Der junge Eldart führte uns zuerst auf einen Hügel zu den Ueberresten eines alten Heidentempels, von welchem gegenwärtig nur mehr einige sehr exakt gearbeitete Lava-Quaderblöcke vorhanden sind. Dann nahmen wir ein Bad in einem äusserst malerisch zwischen steilen Felsen gelegenen warmen Tümpel, »Wai wela wela« (Wasser warm warm) genannt. Farnkrautbüschel und Pandanen hängen von oben über die Wände der Schlucht herab. Das angenehm laue Wasser ist wunderbar blaugrün und so klar, dass man jedes Steinchen des Grundes sieht, obwohl er so tief ist, dass es keinem von uns gelang ihn tauchend zu erreichen. Eine Viertelstunde entfernt ist noch eine andere von den Mächten der Göttin Pele geheizte Badegelegenheit, welche wir am Nachmittag besuchten. Wir stiegen durch eine Kluft 20 Meter ins Innere der Erdkruste hinab, nachdem wir uns oben entkleidet und Stearinkerzen angezündet hatten. Dann nahm uns ein schmales Wasserbecken auf, etwas wärmer als jenes oberirdische Wai wela wela, in welches wir etwa 200 Schritt hineinschwammen, indem wir von Zeit zu Zeit Lichter an den Wänden befestigten. Man soll eine Meile weit hier unten fortschwimmen können.
Dies werden wohl die beiden »heissen Quellen« sein, welche auf Karten bei Kapoho angegeben sind. Ich habe sonst nichts dergleichen zu erfragen vermocht.
Auf dem Rückweg lernte ich eine sehr interessante Pflanze kennen, welche hier in Menge vorkommt und bei den Einwohnern englischer Sprache »Air Plant« heisst. Wenn man ein einziges Blatt davon mit einer Stecknadel am Fenster oder sonstwo anspiesst, so stirbt dasselbe ab, aus einer Stelle seines Randes aber wächst ein neues Pflänzchen hervor, dem das Gewebe des alten Blattes als nährender Boden dient.
Wir hatten Sonntag, und es war sehr öde und menschenleer in Kapitän Eldarts Ranch. Nur die Kinder und das Schiessen von Truthähnen und Hühnern für unseren Tisch, die sich sonst nicht so leicht hätten ergreifen lassen, gewährten einige Unterhaltung. Bier oder Schnaps gab es hier nicht, da diese Artikel im Hawaiischen Königreich überhaupt, ausgenommen in Honolulu, verboten sind. Hingegen besass der halbchinesische Diener unseres Wirthes eine Lizenz zur Bereitung und Verabreichung von Awa, welche monatlich 25 Cents kostet. Und da wir nichts Besseres wussten, liessen wir uns am Abend Awa vorsetzen. Wer dieselbe zurechtgekaut hatte, wurde uns diskreter Weise nicht verrathen. Die schmutzig graubräunliche Flüssigkeit, in Schoppengläsern kredenzt und ohne den romantischen Zauber der Yankonagelage auf Viti, machte mir keinen sehr verlockenden Eindruck. Aber getrunken wurde sie doch. Sie schmeckte ganz ähnlich der Yankona, nur etwas schärfer seifenartig und konzentrirter. Auch an der Pflanze, die man uns zeigte, konnte ich keinen Unterschied von dem Piper methysticum Kandavus wahrnehmen. Es stellten sich indessen bei vieren von uns sehr unangenehme Folgen in Form von Ergüssen aus beiden Enden des Tractus Alimentationis ein, welche uns einen erheblichen Theil der Nachtruhe raubten.
An demselben Abend ass ich zum ersten mal Brotfrucht. Auf Kandavu waren sie gerade nicht reif gewesen, und auch diese war nur ein kleines, faustgrosses Individuum. Sie wurde uns in gekochtem Zustand aufgetragen, ihr Geschmack ähnelte dem junger noch etwas seifiger Kartoffeln.
Die letzten 24 Meilen am folgenden Tag, die wir bis Hilo zurückzulegen hatten, waren nicht angenehmer als die vorhergegangenen. Während die anderen noch sattelten und packten ritt ich langsam voraus. Ich war eben an der Schule eines weiter abwärts gelegenen Dorfes angelangt, in welcher die Kinder gerade ihr Morgengebet beteten, da kam hinter mir Kapitän Eldart nachgejagt, um sich den Namen einer Arznei aufschreiben zu lassen, den ich ihm gestern gesagt, den er jedoch mittlerweile wieder vergessen hatte. Der Schulmeister, ein Kanaka, brachte Papier und Tinte heraus, mit ihm seine ganze kleine Heerde.
Je mehr wir uns Hilo näherten desto mehr hofften wir, der Weg möchte doch endlich einmal besser werden. Er blieb aber gleich niederträchtig bis zum Schluss. So wie die Wegmacherei im Hawaiischen Königreiche betrieben wird, ist es kein Wunder wenn die Wege schlecht sind. Es wird dem Einzelnen freigestellt, die Steuer dafür durch Arbeiten abzuverdienen, und dieser begnügt sich gewöhnlich damit, alle Monat ein Häufchen Erde zusammenzukratzen und auf den Weg zu schütten.
Die Pandanusdickichte wurden lichter und machten stellenweise einem dünnen Wald von Ohiabäumen Platz, an denen sich Kletterpflanzen mit schönen rothbraunen Blüthen emporrankten. Zuweilen liess sich die schnalzende Stimme eines Vogels vernehmen, das einzige mal dass ich derlei auf Hawaii hörte.
Durchnässt von Regen und Schweiss und übermüde des quälenden Knirschens der Lava sprangen wir frohlockend im Hotelgarten zu Hilo aus dem Sattel. Unsere Pferde hatten keine Eisen mehr, und wir selbst waren mehr oder weniger mit Blut gezeichnet.