Wieder glitten die hell blinkenden, gefurchten Wände von Diamond Head, die uns auf jener denkwürdigen nächtlichen Bootfahrt so gespenstig entgegengegrinst, vorüber. Je mehr wir von der feuchten Passatseite Oahus zu sehen bekamen, desto grüner wurde die Insel, desto mehr wichen die dürrgebrannten Flächen aus der Landschaft. Immer undeutlicher wurden die Palmen und die struppigen Hütten am Ufer, der eigenthümliche Silberglanz der Kukuibüsche auf den Höhen. Bald waren nur mehr die blauen Umrisse der Berge sichtbar. Rechts hinter uns tauchte noch auf kurze Zeit die gewaltige Pyramide des Haleakala aus den Wolken, aber rasch legte sich ein feiner duftiger Schleier über ihn und verbarg ihn. Mit dem wehmüthigen Gefühl, dass ich wohl nie mehr diese glücklichen Inseln betreten sollte, blickte ich zurück, bis sie entschwunden waren. Es ging jetzt wieder nach Nord, einem rauheren Klima, dem Zwang europäischer Uebertünchtheit entgegen, und es war mir zu Muth wie ehemals als Schuljungen am Ende der Ferien.

Die Kajüte hatte sich in Honolulu aussergewöhnlich stark gefüllt. Mehrere kindergesegnete Strohwittwen von Offizieren der so lange dort stationirt gewesenen und nun abberufenen amerikanischen Fregatte Lackawanna und einige auf Hawaii ansässige Kaufleute und Plantagenbesitzer, die der jüngst abgeschlossene Zuckervertrag nach San Francisco führte, waren mit eingestiegen. Nicht minder machten sich auf Deck für tausend Dollars Bananen aus Honolulu bemerklich und schmälerten den ohnehin schon hinlänglich knappen Raum. Alle Geländer, Kommandobrücken, Gallerien und Rettungsböte hingen voll von meterlangen in Blättern verpackten Aehren derselben.

Die Verpflegung war jetzt unter englischer Flagge wieder erträglich und jedenfalls sehr viel besser als die niederträchtige Knauserei unter den amerikanischen der Cities of New York und of San Francisco, obgleich die Küche englischer Schiffe im allgemeinen sich keiner grossen Berühmtheit erfreut. Man bekam jetzt wenigstens wieder ein ordentliches Stück Fleisch, anständigen Thee und reines, gekühltes Wasser. Die Zealandia war überhaupt das beste Schiff unter den dreien, mit denen ich den Pacific kreuzte, wenn sie auch nicht so amerikanisch bombastisch aufgeputzt war wie die anderen. Sehr schnell lief sie freilich ebenfalls nicht, und wir erreichten auch mit ihr nie 300 Seemeilen im Tage. Die Mannschaft bestand zum grössten Theil aus Weissen. Nur die Heizer, diese unglückseligen Sklaven der Maschinenhölle, waren lauter Chinesen. Die Stewards liessen an Aufmerksamkeit nichts zu wünschen, die weissen wenigstens. Die zwei unwirschen Chinesen, die darunter waren, durften nicht bis an die Tische kommen. Beständig zankten sich ihre boshaften Mongolengesichter. Das ganze Schiff, welches in Greenock das Licht der Welt erblickt hatte, sprach für die Ueberlegenheit englischer Schiffsbaukunst über die amerikanische. Der Salon lag zwar auch hier im Zwischendeck, war aber ausgezeichnet ventilirt und hatte eine grossartig aussehende Kuppel, die durch die beiden oberen Decke emporragte.

Nur Schade, dass man im Salon eigentlich nie Ruhe hatte um zu lesen oder zu schreiben. Denn den ganzen Tag sassen musikbeflissene Ladies am Piano und klimperten und sangen, um sich für die täglichen Abendkonzerte vorzubereiten. Nirgends mehr auf dem Erdball ist man vor dieser Modemanie schlechter Musizirerei sicher.

Unsere Gesellschaft bestand zum grösseren Theil aus australischen Engländern, zum kleineren aus Amerikanern. Auch ein paar deutsche Landsleute waren vorhanden. Den Mittelpunkt des Salons bildete eine auffallend blondhaarige Operettensängerin aus San Francisco, die als schöne Hellena gepriesen wurde und eben von einer australischen Kunstreise befriedigt zurückkehrte. Sie hatte einige sehr verfängliche Augenblitze, ein noch verfänglicheres Lächeln bei halbgeschlossenen Lidern und eine vielsagende Bewegung des Beines, mit der sie die rauschende Schleppe herumwarf und die an das geschlitzte spartanische Gewand erinnerte, in ihrem Repertoir, wodurch sie auf einige ältere Herren eine bedeutende Anziehungskraft übte. Nur an dem einen echt englisch begangenen Sonntag ruhten alle ihre Künste, und während des Gottesdienstes, den der Kapitän dirigirte, war es interessant die blonde Schlange zu beobachten, wie sie zerflossen in heiliger Inbrunst magdalenenhaft sich hinwarf und, vollständig entrückt in höhere Sphären, aufzustehen vergass, als die Feier zu Ende war.

Die Abendandacht dieses Sonntags musste der Schiffsarzt leiten, ein alter weissbartiger Mann von sechzig Jahren. Man sagte, er sei früher in Victoria ein wohlhabender Squatter und mehrere tausend Schafe werth gewesen, aber unglückliche Spekulationen hätten ihn ruinirt und genöthigt, als nautischer Aeskulap sein kümmerliches Brod zu verdienen, da er in seiner Jugend Medizin getrieben. Am Morgen war vom Kapitän Musterung der ganzen Mannschaft wie auf einem Kriegsschiff abgehalten worden.

Als ziemlich isolirter Salonpassagier befand sich ein feiner Chinese aus San Francisco an Bord, der sich bald an uns anschloss, als er sah dass wir freundlich mit ihm waren. Dies geschah unsererseits weniger aus allgemeiner Menschenliebe, als hauptsächlich in der schnöden Absicht, durch ihn in die Geheimnisse des Chinesenviertels von San Francisco eingeführt zu werden. Er war anfangs ein wenig schüchtern, mit der Zeit aber wurde er dreister, und schliesslich legte er im Rauchzimmer seine Beine mit demselben Bewusstsein auf den Tisch als ob er ein Eingeborener der Vereinigten Staaten gewesen wäre.

Im Zwischendeck trieb sich eine schon ziemlich verwitterte Weibsperson herum, welche meine Aufmerksamkeit erregte, indem sie viel mit den chinesischen Heizern verkehrte und geläufig das englisch-chinesische Kauderwälsch zu sprechen schien. Sie war das Urbild von Gemeinheit und Smartness und gehörte zu einer besonderen Varietät des pazifischen Europäerabschaums. Es sollen nämlich hier nicht selten weisse Frauenzimmer von einer Insel zur anderen vagabundiren, um sich bei heterogenen Rassen einem gewissen kosmopolitischen Erwerbszweig hinzugeben, nachdem sich ihre nur mehr im Kontraste der Hautfarbe bestehenden Reize sonst nirgends mehr verwerthen lassen. Unsere Reisegefährtin nun hatte eben die hawaiische Inselgruppe in solcher Art bereist und rühmte sich, glänzende Geschäfte bei den Kanakas gemacht zu haben. Vorher hatte sie in Peru und in China geabenteuert. Welch interessante Geschichte stak in dieser Person.

Die meisten der männlichen Passagiere vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen um hohe Einsätze, und ein alter knurriger Kauz rannte beständig von einem zum anderen, um Lotteriezettel zu verkaufen und Gewinnste zu verloosen. Da ich an diesen Unterhaltungen keinen Geschmack fand, und weder Lektüre noch Ruhe zum Schreiben vorhanden war, fühlte ich die Langweile des Schiffslebens doppelt empfindlich, und das Reisen zur See wurde mir wieder recht sauer. Wie ganz anders war es auf der Euphrosyne gewesen, als ich meine eigene Kammer, meine Bücher und sonstigen Sport hatte, trotz dem ewigen Salzfleisch. Jetzt musste ich die kleine Passagierkabine mit einem Anderen theilen, und dieser Andere hatte die leidige Gewohnheit, Abends wenn wir zu Bett gingen immer betrunken und redselig zu sein und die ganze Nacht unausstehlich zu schnarchen.

Man sprach viel von einem möglicherweise bereits ausgebrochenen Krieg zwischen England und Russland, da die letzten Nachrichten aus Europa, die die Zealandia von Sydney, ihrem letzten Telegraphenpunkt, erhalten hatte, sehr kriegerisch lauteten. Alle erdenklichen Konjekturen wurden von der müssigen Phantasie so vieler Müssiggänger daran geknüpft, und manche sahen schon ganz Europa in Flammen. Wir Deutsche wussten allerdings nicht, ob es noch der Patriotismus erlaubte, in das stereotype »God save the Queen«, welches jeden Abend das Konzert beschloss, mit einzustimmen. Der Wunsch, sie »glorious« zu sehen, konnte bereits Vaterlandsverrath sein.