Unter dreissig Grad nördlicher Breite, als es bereits ziemlich kühl war, erschienen zu meinem grössten Erstaunen ganz unzweifelhafte Albatrosse draussen über dem Wasser. Ich war immer der Meinung gewesen, dass diese Vögel auf die südliche Hemisphäre beschränkt seien, und in fast allen zoologischen Büchern wird dies behauptet. Es waren deutlich und unverkennbar Albatrosse, die dicht hinterm Schiff nach Abfällen spähend hin und her kreuzten. Ganz derselbe zusammengesetzte Schnabel, dasselbe Profil, derselbe Flug, dieselben kurzen schwach geknickten Flügelspitzen, mit denen sie die Kämme der Wellen ritzten. Sie gehörten einer etwas kleineren Spezies an, braun mit schwarzen Flügeln, weissliche Ringe um die Augen und um den After. Als ich in San Francisco Woodwards Museum besuchte, fand ich ausgestopfte Exemplare die mich überzeugten, dass ich mich nicht getäuscht.

Ein grosser Ball, gegeben vom Kapitän und den Offizieren, sollte das Ende der Reise, dem wir uns näherten, am 18. September festlich begehen. Der Salon war aufs Prächtigste mit Flaggen ausgeschlagen, alle Tische und Bänke waren entfernt, und die Ladies hatten sich mit den heitersten Farben geschmückt. Aber das Wetter verdarb den Abend. Die See wurde unruhig, und das Schiff begann in einer Weise zu rollen, dass es den Klavierspieler von seinem Sitze warf, und die tanzenden Paare sich begnügen mussten in stehender Umarmung gegen die Bewegungen des Bodens anzukämpfen, was übrigens nicht ohne Reiz sein mochte.

Am Nachmittag des 19. September begrüsste uns ein echt kalifornischer Nebel und hielt uns auf, so dass wir erst einen Tag später als wir gehofft nach San Francisco kommen konnten.

Wir waren nahe den Farrallones Inseln, und Alles lag voll von Fischern. Am Morgen hatten wir einen solchen passirt, als er eben beschäftigt war, einen erbeuteten Walfisch zu zerlegen. Es war ein kleines Thier, wahrscheinlich ein Pottwal. Der seiner Haut entblösste blutige Körper schwamm neben dem Fahrzeug, mit Tauen und Ketten an dasselbe befestigt, und zwei Männer standen auf ihm und hieben mit langen Messern die Speckschwarten los. Das einzige mal, dass ich im Stillen Ozean von dem einst so blühenden Walfischfang etwas zu sehen bekam.

Die Dampfpfeife flötete in den Nebel hinaus, und wir steuerten langsam unseren Kurs. Hie und da antwortete uns eine ferne Trompete hinter dem grauen Schleier.

Gegen Mitternacht wurde es heller. Wir warfen Raketen, und bald darauf kam der Lootse in seinem Schuner durch die Finsterniss herangespenstert. Die Ankunft des Lootsen bei Nacht hat immer einen eigenthümlichen Zauber. Die Seereise ist zu Ende, man ist in gehobener Stimmung. Die Maschine stoppt, eine befremdende wohlthuende Stille tritt ein. Die Schritte der Offiziere, die über das Deck eilen, klingen so seltsam, unten plätschern die Wellen, ringsum herrscht tiefes Dunkel. Wir mühen uns vergebens, draussen auf dem Wasser einen Gegenstand zu erspähen. Da taucht ein Licht auf und taucht gleich wieder unter. Wir hören Ruderschläge, die näher kommen, und plötzlich fährt in undeutlichen Umrissen gespensterhaft und riesengross das Segel des Lootsenschuners ganz nahe am Hintertheil vorüber. Der Lootse steigt aus seiner Jolle die Jakobsleiter herauf, und wir bestürmen ihn um Neuigkeiten und Zeitungen.

Es war noch kein Krieg ausgebrochen. Das Wichtigste, was die San Francisco Blätter wussten, war eine grosse Pockenepidemie im Chinesenviertel.

Als ich am frühen Morgen des 20. September erwachte, fuhren wir eben in das Goldene Thor. Die Fahrt von Honolulu hierher hatte somit ziemlich genau acht Tage gedauert.

In Amerika darf man sich nicht von jedem hochtönenden Wortschwall täuschen lassen und ja nicht glauben, dass dahinter auch jedesmal etwas Entsprechendes stecke. Diese Lehre gab mir gleich dieses »Goldene Thor«, die Einfahrt zum Hafen der »Metropole des Westens«. Links und rechts öde, kahle, gelbliche Felsen von gewöhnlichen Formen, ohne den Schmuck der Vegetation oder der Architektur, die nächsten Kanten über und über mit den weissschimmernden Exkrementen Tausender von Wasservögeln bespritzt, an der einen Seite oben ein Leuchtthurm, in der Mitte die schmutzig gelbe Fluth, die sich nach innen wälzt – das ist das »Goldene Thor«. Trüb und kalt lag das Land im grauen Morgenlicht. Nirgends ein grüner Fleck. Ich kam aus dem Paradiese der Südsee, und der erste Anblick Kaliforniens berührte mich so unfreundlich wie noch nie eine mir neue Küste.

Ein rothes Fort glitt vorüber, Batterieeinschnitte auf dünenartigen Sandhügeln daneben und einzelne Häuser. Ein dunkler kompakter Mastenwald tritt hinter der rechten Ecke vorne heraus, die Häuser werden dichter. Noch eine Biegung nach rechts, und San Francisco liegt vor uns, auf und ab über Berge und Hügel gebaut, halb von einem dunstigen Nebel verschleiert.