Das Pier der Pacific Mail ist am innersten Ende des Hafens, und wir mussten ihn deshalb in seiner ganzen Länge passiren. Eine imposante Anzahl von Fahrzeugen aller Art lag vor Anker oder an den überall ihre Arme entgegenstreckenden Piers. Fast alle Flaggen der Erde waren vertreten, auffallend häufig die deutsche. Eine amerikanische Fregatte erwiderte unseren Gruss. Neben ihr lag ein riesiges Segelschiff mit vier vollen Masten. Eine Menge Jollen und kleine Dampfer legten sich an unsere Zealandia, und eine Menge neugierige Zeitungsreporter, Zollbeamte, Hotelagenten und sonstiges Hafengesindel ergossen sich aus ihnen auf unser Deck und rannten durch das Gewühl der zum Landen sich rüstenden Passagiere.

Endlich waren wir fest, und die Landungstreppe fiel. Auch diesmal hatte ich mit dem Customhouse mehr Glück als ich zu hoffen gewagt. In der kürzesten Zeit war ich fertig, und ein Hotelwagen entführte mich ins Innere der Stadt.

XXIV.
SAN FRANCISCO.

Allgemeiner Charakter der Stadt. Die Chinesen und ihr Viertel. Chinesische Hurenhäuser, Opiumbuden und Spielhöllen. Das Yu Henn Choy Theater und das Dschosshaus. Chinesische Dramaturgie. Sabathschänderisches Getriebe der San Franciscaner. Sonstige Sehenswürdigkeiten. Woodwards Garden. Ein gefährlicher Sonntagsspaziergang. Das Cliff House und seine zoologischen Genüsse. Ground Squirrels.

Wenn man Eine amerikanische Stadt gesehen hat, so hat man sie alle gesehen. San Francisco schien mir hierin keine sonderliche Ausnahme zu machen. Ueberall derselbe styllose Bombast der Architektur, dieselbe bunte Farbenmenge schreiender Aufschriften. Die Geschäftsstrassen lotterig und unreinlich gehalten, voll von Kisten und Ballen, Papierfetzen und Packstroh, Telegraphendrähte kreuz und quer, die Wohnstrassen verhältnissmässig still und einsam, anmuthig von Alleebäumen und Gärten beschattet, überall Streetcars mit ihrem monotonen Geklingel.

Das unterscheidende Merkmal San Franciscos liegt in der Beschaffenheit des Bodens, in den vielen Hügeln und in der wüstenartigen Dürre. Die Hügel sind manchmal so steil, dass der Streetcar ausgespannt und durch stabile Dampfmaschinen an Ketten emporgezogen wird. Oben warten bereits andere Pferde und führen ihn weiter. Dünen von Flugsand füllen die Lücken zwischen den Gebäuden, wo noch leere Baustellen stehen und dringen selbst in die Gärten. An ganzen Häuserreihen sah ich die Erdgeschosse der einen Seite bis über die Fenster mit Flugsand verweht. Man findet die schönsten Anpflanzungen und Promenaden, aber jegliches Grün ist mit grauem Staub überzogen. Alles ist trocken und durstig.

Dies ist der Charakter von San Francisco im Sommer und Herbst, in jener Zeit, in der niemals Regen fällt. Erst im Winter, der angenehmsten Saison, darf man sich einer Vegetation erfreuen.

Auch die Menschen schienen mir nicht verschieden von denen New Yorks und anderer Städte des fernen Ostens. Ganz dieselben markigen, gierigen, scharfen, intelligenten Gesichter, dieselbe Eleganz in Wäsche und Kleidung, ganz dasselbe hastige Rennen wie drüben. Nur die vielen Chinesen sind ein eigenartiger Zug. Ich hatte sie schon beim Hereinfahren vom Schiff rudelweise dahinwandeln sehen, die sonst auf dem Hinterhaupt spiralig zusammengerollten Zöpfe galamässig frei fast bis zum Boden herabbaumelnd. Der Zopf wenn er lose ist zwingt sie, um ihn frei schwingen zu lassen, den Kopf höher und steifer zu halten als andere Menschenkinder.

Die Chinesen nahmen denn auch mein Hauptinteresse in Anspruch. Kaum hatte ich mich auf einem Plan orientirt wo ihr Viertel lag, als ich diesem zueilte, ungeachtet der Warnungen vor den Pocken. Es war mir überraschend, das Chinesenviertel mitten in der Stadt zu finden, durchaus nicht abgesondert und in seiner blockförmigen Anordnung nicht unterschieden von anderen Theilen. Man biegt aus Montgomery Street rechtwinklig in Jackson Street ein und ist plötzlich in China.

Eine ganz andere fremdartige Kultur thut sich auf. Der merkwürdige Farbenreiz des Hildebrandt'schen Aquarells aus Tientsin steht verkörpert vor Augen. Die zwei- bis dreistöckigen geradlinigen Häuserfronten sind zwar echt amerikanisch und wohl viel höher als sie in China sein mögen, aber die Ausschmückung von unten bis oben ist chinesisch. Fast jeder Stock hat einen breiten Balkon oder eine Gallerie. Blumen und Strauchwerk in Töpfen stehen auf diesen, und dazwischen gaukeln bunte Papierlaternen im Winde. Rothe, grüne und gelbe Aushängeschilder, senkrecht gestellt und mit den arabeskenhaften Charakteren der chinesischen Schrift bemalt, prunken vor den Läden, in deren Schaufenstern alle möglichen sonderbaren Artikel den Blick auf sich ziehen.