Zu einer fast magischen Wirkung erhöht sich dieses eigenthümliche Bild am Abend. Die bunten papierenen Laternen werfen ihr farbiges Licht durch das Laub der Miniaturgärten auf den Balkonen. Inschriften und Vergoldungen glitzern im Schein der Gasbeleuchtung, alle Fenster sind hell und geöffnet. Besonders schön strahlen die vielen Restaurationen und Theebuden, aus denen die seltsamen quieksenden und klappernden Töne chinesischer Musik auf die Strasse dringen. Dichte Haufen hässlicher Mongolen, alle in dasselbe dunkle bequeme Gewand gekleidet, schwarze Filzhüte auf den kahlen Schädeln, hinten die langen Zöpfe, drängen sich durcheinander und reden in einer Sprache, die aus lauter heftig ausgestossenen Interjektionen wie »Tsching«, »Fu«, »Dschong« zu bestehen scheint, oder lauschen müssig, die Hände in den Hosentaschen und die Mäuler offen, den lieblichen heimischen Melodien. Und mitten durch das asiatische Geklitzer, Gewühl und Geklimper poltert lustig der amerikanische Streetcar den Berg hinauf.
Emsiges Treiben herrscht in den Kaufbuden und Werkstätten. Die Kugeln der Zählmaschinen fliegen hin und her unter den Fingern mongolischer Ladenschwengel, und dickwanstige Patrone, unförmige, rundglasige Brillen auf der Nase, sitzen daneben an ihrem Pult und malen mit senkrecht gehaltenem Pinsel bizarre Schriftzeichen auf eine Rechnung, welche sie danach in ein europäisches Kopirbuch pressen. Hier arbeiten etliche Dutzend Schneidergesellen an schwirrenden Nähmaschinen, zusammengepfercht in einen so engen niedrigen Raum, dass man kaum begreift, wie sie noch athmen können, dort klopfen etliche Dutzend Schustergesellen an Stiefeln und Stiefeletten herum, die für amerikanische Füsse bestimmt sind. Denn Chinesen tragen in der Regel nur chinesische Schuhe. Früchte und Esswaaren aller Art sind vor den Läden aufgestapelt, und an jeder Ecke zupft uns ein anderer Mongole am Rock und bietet unverständlich flüsternd geschmuggelte Zigarren feil, wobei sie ausnahmsweise sich Mühe geben, freundlich zu sein.
Selten begegnet man hie und da einigen chinesischen Weibern auf der Strasse. Es sind Prostituirte und dementsprechend folgt ihnen überall rohes Witzereissen von Seiten des männlichen Publikums. Sie wandeln gewöhnlich mit gekreuzten Armen, die sie in ihre weiten Aermel zurückstecken, so dass sie aussehen wie amputirt, dahin, die bekannte Schmetterlingsfrisur auf den blossen Köpfen.
Während die Blocks, in denen weisse Bevölkerung wohnt, Gärten und Höfe umschliessen, sind sie hier dicht und regellos vollgebaut. Ein wahres Labyrinth elender Holzschuppen, Keller, Dachverschläge, halbvollendeter und halbabgebrochener Häuser, durch Bretter wieder zugedeckt oder zusammengeflickt, kleben an- und übereinander. Gänge, Löcher zum Durchschliefen, Leitern und Wege über die Dächer kreuzen sich in allen Richtungen, und überall wimmelt es von Chinesen, deren die meisten nicht mehr Raum für sich beanspruchen als sie zum Schlafen brauchen, nicht mehr als ein Zwischendecker auf einem Auswandererschiff hat.
Schmale und krumme und schmutzige Gassen sind durch diese Ameisenhaufen gebrochen und gewähren manchmal Einblicke von malerischer Wirkung. Die Willkür der Linien, das auf- und absteigende Terrain, die schwärzliche Bräunung der Mauern und des Holzwerks, rothe, gelbe und grüne Anschlagzettel, bunte Papierlaternen, glimmende Räucherkerzchen vor den Thüren, das ruhelose Gewühl, das Quieksen und Klappern von Musikanten, welches auch hier nicht fehlt, setzen ein wunderbar fremdartiges und zugleich stimmungsvolles Bild zusammen. Vorne folgen auch hier abwechselnd Werkstätten, Spielhöllen, Opiumbuden, Kaufläden und Hurenhäuser auf einander. Hinten mag noch eine grössere Menge gräulichen Schmutzes verborgen sein.
Die Zeitungen wussten damals viel Schaudergeschichten von heimlichen Pockenhospitälern zu erzählen, in denen die Sanitätsbeamten mehrere Wochen alte Leichen aufgefunden haben sollten. Die herrschende Pockenepidemie wurde ergiebig ausgebeutet, um gegen die Chinesen zu hetzen, und man warf den Stadtbehörden unverblümt vor, dass sie von diesen zu einer verbrecherischen Duldsamkeit bestochen worden seien. Die Unreinlichkeit der Chinesen ist zweifellos arg genug. Trotzdem wird hier, vielleicht in Folge des trockenen Klimas, die Nase weniger oft beleidigt, als in den deutschen oder irischen Quartieren New Yorks. Der Qualm der Räucherkerzchen überdeckt alle anderen Düfte, er scheint der spezifische Geruch von ganz China zu sein.
Ein feiner Chinese, mit dem ich bekannt wurde, bat mich, aus dem was ich in San Francisco sah keinen allgemeinen Schluss über seine Landsleute zu ziehen, es gäbe hier zum Beispiel nicht eine einzige anständige Chinesin. Ich will ihm gerne glauben. Wäre es ja doch eben so unrecht, aus dem elenden deutschen Gesindel, welches in New York die Gegend des East River bewohnt, eine Vorstellung von den Deutschen zu Hause sich machen zu wollen.
Die chinesische Prostitution San Franciscos ist das Widerlichste, was man von dieser Kulturkrankheit sehen kann. Ein paar dunkle holperige Gassen bestehen streckenweise nur aus Hurenhäusern. Thüren und Fensterläden sind bis auf ein kleines viereckiges Guckloch verschlossen. In jedem Guckloch lauert das Fratzengesicht einer Mongolin, gierig greift eine dazu gehörige Hand heraus nach dem Vorübergehenden, und von allen Seiten überbieten sich schändliche Anträge in dem komischen Kauderwälsch des Pidschin English.[9] Unter dem verluderten hölzernen Seitenpfad sieht man durch Gitter in spärlich erleuchtete Kellerhöhlen hinab.
[9]: Pidschin English ist das von den Chinesen gesprochene englische Kauderwälsch, nach chinesischer Auffassung zurechtgemodelt und mit chinesischen und portugiesischen Ausdrücken gespickt. Die hervorragendsten Eigenthümlichkeiten desselben sind das häufige Anfügen der Endung Y, das Fehlen des Buchstaben R, für den immer L eintreten muss, und der Gebrauch des Begriffes Piecy = Piece, Stück bei Zahlen. So zum Beispiel sagt der Chinese nicht »Two Americans« sondern »Two Piecy Amelican Man« – »Zwei Stück Amerikanischer Mann«. »You no sabe (portugiesisch) me talky« heisst »Du verstehst mein Sprechen nicht« und »Me have got Man Numble one« – »Ich bin ein ausgezeichneter Kerl (Mann Nummer eins)«.
Scheuen wir uns nicht, das Menschenthier auch in seiner abstossendsten Gestalt kennen zu lernen, und treten wir in eines dieser Häuser, so werden wir sofort von einem halben Dutzend zierlich trippelnder und affenartig beweglicher Frauenzimmer in Beschlag genommen und mit einem winzigen Schälchen Thee regalirt, zu dem ein Kessel kochenden Wassers immer bereit steht. Jede sagt uns, wie viel die Erneuerung ihrer Schmetterlingsfrisur wöchentlich kostet und dass sie erst seit kurzer Zeit angekommen sei. Sie sind ein blosser Handelsartikel und schon als Kinder in China drüben von älteren Weibern angekauft und aufgefüttert worden, bis sie für den Markt reif waren. Ich glaube nicht, dass ihnen das Bewusstsein ihres niedrigen Zweckes jemals Scham oder Kummer erregt, wie dies bei unseren Prostituirten häufig der Fall ist. Die mongolische Rasse hat kein Gemüth.