Schon auf der Strasse sahen wir vor einigen Thüren glimmende Räucherstäbchen in den Boden gesteckt, welche die Gottheit zur Verleihung von Kundschaft ermuntern sollen. Auch im Innern der Häuser glimmen solche Stäbchen vor kleinen Altärchen. Nebenan steht vielleicht ein etwas europäisch modifizirtes Himmelbett, auf dem die Decke nicht nach unten, sondern quer in sorgsamen Falten zurückgeschlagen ist. Ein paar Tischchen und Stühlchen bilden das übrige Mobiliar. Hinter Gardinen folgt eine Reihe anderer Kammern.

Gleich nebenan ist eine Opiumbude. Zwei alte ausgediente Weiber kauern an der Thüre, sie sind die Inhaberinnen des Geschäftes. Ihr Lokal besteht aus zwei oder drei niedrigen, dumpfigen Stuben, welche in lauter kleine Verschläge mit hölzernen doppelt über einander gebauten Kojen wie das Zwischendeck eines Auswandererschiffes abgetheilt sind. Auf jedem dieser harten Betten ruht die ausgemergelte Gestalt eines Chinesen, dem Genuss des narkotischen Giftes fröhnend. Die einen haben bereits ihren Rausch und liegen regungslos da mit stier geöffneten Augen und schlaffen Gesichtszügen wie Leichen, die anderen sind noch eifrig beschäftigt, sich zu betäuben.

Das Opiumrauchen erfordert viel Arbeit und könnte wahrscheinlich zweckmässiger eingerichtet werden, als das Herkommen vorschreibt. Der übliche Stoff bildet eine schmierige Paste, ein dickes Extrakt, welches in kleinen Hornbüchschen aufbewahrt wird. Der Pfeifenkopf ist ein bauchiges Thongefäss, das senkrecht quer auf dem Rohre sitzt und nur eine ganz kleine Oeffnung von kaum zwei Millimeter Weite hat. Nebst dem Opiumbüchschen und der Pfeife gehört noch eine gläserne Oellampe und eine dünne Drahtnadel zum Opiumrauchen. Aus dem Extrakt wird eine Pille von Erbsengrösse geformt, mit der Nadel an dem Licht der Lampe erwärmt und in das kleine Loch der Pfeife gestrichen. Beständig verstopft sich dieses, und dann muss wieder mit der Nadel nachgestochert und an dem Licht erwärmt werden, um ein paar volle Züge Opiumqualm in die Lunge zu lassen. Stumm und eifrig obliegen die Raucher ihrem mühseligen Geschäfte, keiner spricht ein Wort.

Lebhafter geht es in den Spielhöllen zu, die oft mit Opiumbuden verbunden sind. Hier sitzen eng zusammengedrängt die Spieler an langen schmutzigen Tischen und locken sich gegenseitig mit Dominosteinen das Geld, amerikanische Silberdollars und Cents, aus der Tasche. Haufen von Zuschauern stehen um sie herum und verfolgen eben so erregt und unter denselben wilden Interjektionen wie die direkt Betheiligten den Wechsel des Glücks. Chinesische Münzen sind unter den Chinesen San Franciscos nicht im Gebrauch, man kann sie aber als Andenken in jedem der vielen Läden voll mongolischen Schnickschnacks kaufen.

Die obere bergan steigende Hälfte von Jackson Street ist der vornehmste Theil des Chinesenviertels. Hier setzten sich die Chinesen zuerst fest und schoben von hier aus ihr Gebiet allmälig weiter und weiter in die benachbarten Quer- und Parallelstrassen hinein, so dass es jetzt etwa neun Blocks, die dichtest bevölkerten San Franciscos, umfasst. Die Grenzen sind nicht scharf, sondern bilden eine Zone von sehr gemischter Gesellschaft der gelben und weissen, schwarzen und vielleicht auch rothen Rasse. Im Süden und Osten beginnt sofort das Reich der äusserst ungenirten, nichtchinesischen Prostitution. Im Norden schliesst sich das Deutschthum schlechterer Sorte mit grossen schmutzigen Bierhallen an. Westlich, gegen den Hafen zu, wohnen hauptsächlich Irländer, Franzosen und Italiener.

Die Hauptmerkwürdigkeiten von Jackson Street und Umgebung sind die beiden Theater und das Dschosshaus, die buddistische Kirche. Erstere liegen einander gegenüber ziemlich weit unten im belebtesten Theile von Jackson Street, letzteres ganz oben in Sacramento Street und bereits in der Grenzzone Chinas.

Aeusserlich zeichnen sich die beiden Theater nur durch je zwei Gaskandelaber mit Aufschriften, deren eine »Yu Henn Choy« und deren andere »Imperial Theater« lautet, aus. Innen gleichen sie sich vollständig, blos dass das ältere, das »Yu Henn Choy«, um etliche Grade schmutziger und russiger ist, und in diesem die Gallerie hinten so hoch hinaufgeht, dass man gebeugten Hauptes nach vorne hinabsteigen muss. Die Bühne in beiden ist ein einfaches Podium ohne Vorhang und ohne Koulissen, welches die ganze Breite des Saales einnimmt und durch fünf Oeffnungen, einem mittleren grossen Fenster, zwei Thüren und zwei Guckfensterchen mit dem Raum hinter der Szene in Verbindung steht. Der Bühne gegenüber bauen sich die Sitzreihen, hölzerne Bänke, in die Höhe. An den Seiten sind Logen abgesondert und gewöhnlich mit Frauenzimmern bevölkert. Die Beleuchtung ist Gas.

Es wird hier meist von vier Uhr Nachmittags an bis in die späte Nacht gespielt, manchmal sogar ganze Tage lang. Man braucht sich also um keinen Anfang zu kümmern und an keine Zeit zu binden. Ausserdem sind auch die Wirkungen der chinesischen Dramaturgie auf das Gehörorgan so intensiv, dass ein normaler Durchschnittseuropäer nach einer halben Stunde reichlich genug hat.

Als ich zuerst das Imperial Theater betrat und über die dunkle, schmale und schmutzige Treppe hinaufstolperte, gestossen und gedrängt von einer Schaar ebenfalls hinaufstolpernder Mongolen, machte mir der seltsame Lärm der Musik, der mir entgegentönte, den Eindruck, als ob ich in eine Menagerie voll schreiender Papageien kommen sollte. Ein amerikanischer Rowdy sass vor einem Tisch und nahm mir zwei »Bits« Eintritt ab. Dies ist der Preis für die vorwitzigen Weissen, Chinesen zahlen nur einen halben Bit.[10] Eine schmutzige braune Gardine wurde zurückgeschlagen, und ich war im Theater, auf der obersten Reihe der staffelförmig bis unmittelbar zur Bühne hinabreichenden Bänke. Auf dem Podium unten glitzerten sechs Personen in seidenen gestickten Gewändern und krähten und fistulirten. Hinter ihnen vier Musikanten, quieksend und klappernd, pauckend und rasselnd, schnalzend und pfeifend, dass einem Hören und Sehen verging. Schwieg dieser Höllenspektakel eine Minute, so begannen die sechs Akteurs in der Fistel zu näseln und zu miauen und faxenhafte Geberden zu machen, indem sie halb sangen, halb sprachen und den Schluss jeder Phrase zu einem gellenden Misston steigerten.

[10]: Ein Bit ist 12½ Cents, der alte spanische Real, der in dieser Umtaufung noch immer an die Herkunft Kaliforniens erinnert, aber in Wirklichkeit nicht mehr existirt.