Nur allmälig konnte ich mich von meiner Ueberraschung erholen und versuchen, mich in den räthselhaften Sinn der Vorgänge zu vertiefen. Ich glaubte anfangs, es sei ein lustiges Stück, es war aber ein trauriges, wie mir mein des Chinesischen kundiger Gefährte sagte. Theaterzettel gab es leider nicht. Dagegen wurden Erfrischungen, die aussahen wie geschmorte Nacktschnecken und Regenwürmer, herumgetragen. Ueberall sassen Mongolen, den Hut auf dem Kopf.

Die Hauptrolle schien ein Kerl mit weisslackirtem Gesicht zu spielen. Sein Gebahren drückte protzenhaften Hochmuth und unaufhörliche Zornigkeit aus. Mit gewaltsam gespreizten Beinen, die Arme in die Hüften gestemmt, ritt er auf seinem Thronstuhl und schimpfte fortwährend einen anderen Kerl, der als Frauenzimmer in demüthiger Haltung vor ihm stand und schliesslich von einigen Schergen abgeführt wurde. Jede Steigerung in den Ausbrüchen seines erregten Inneren begleitete die Musik mit einer Steigerung ihres Lärms, der plötzlich anschwoll, um danach langsam abzuklingen. Es war erstaunlich, welch ohrenzerreissendes Chaos von Tönen und Geräuschen die vier Musikanten mit Hackbrett, Viola, Paucken, Klappern und Dschinellen zu erzeugen im Stande waren.

So oft ich auch die chinesischen Theater besuchte, ich vermochte selten den Sinn der Aufführungen zu errathen. Die Stücke, deren manchmal zehn an einem Tag gespielt werden, folgen sich so rasch, dass es dem Fremdling entgehen kann, wann das eine aufhört und das andere beginnt. An den Kostümen ist zuweilen zu erkennen, ob es sich um ein einfaches bürgerliches oder um ein romantisches Schauspiel mit Königen, Feldherrn und Heerschaaren, welche letzteren aber meistens nur aus drei oder vier Mann bestehen, handelt.

Von hervorragender Schönheit, Pracht und Kostbarkeit sind oft die Gewänder, die in diesen Höhlen voll Schmutz, Dunst und Gestank entfaltet werden, und sie allein sind den Besuch mit all seinen Unannehmlichkeiten werth. Namentlich Feldherrn und Könige pflegen in den lebhaftesten Farben und strotzendsten Goldstickereien zu glänzen. Vier meterlange Fasanenfedern zieren fühlerähnlich das Haupt, am Rücken flattern gleich Schmetterlings- oder Libellenflügeln vier glitzernde Fähnchen. Eben so grotesk wie der Putz dieser Gestalten, ist die Art und Weise, wie sie sich einführen, und sind die Bewegungen, mit denen sie Stolz und Tapferkeit auszudrücken suchen. Einer nach dem anderen schwirrt durch die Thüre links herein, bläht seine Brust auf, schlenkert mit den Beinen, lässt die langen Fasanenfedern spielend durch die Finger gleiten, dreht sich mehrmals um seine Axe, schlägt sich auf den Bauch und fängt an zu krähen und zu miauen.

Im »Yu Henn Choy« sah ich einmal verschiedene Pantomimen und gymnastische Künste. Ein Policeman des Chinesenviertels hatte mir am Morgen mitgetheilt, dass dort heute Abend um neun Uhr »a great Tumbling« (eine grossartige Purzelei) aufgeführt werden sollte. Das Tumbling ist die Hauptforce und die spezifische Leistung chinesischer Akrobaten, die nur selten und als etwas Besonderes mitten zwischen dramatischen Stücken zum Besten gegeben wird.

Nach etlichen reizlosen equilibristischen Produktionen auf Stuhlpyramiden und Stangen folgte das bekannte Messerwerfen und nach diesem als Schluss- und Knalleffekt das Tumbling. Alle zwölf Akrobaten, theilweise phantastisch geputzt und mit Fähnchen auf dem Rücken, die sie im weiteren Verlauf abwarfen, traten vor das Orchester und begannen erst einzeln, dann zu zweit und zu dritt oder auch alle auf einmal Luftpurzelbäume zu machen. Immer heftiger und rascher wurden ihre Bewegungen und die Musik. Rücksichtslos sprangen sie mit den kahlen Schädeln auf den harten Boden, dass es laut dröhnte, oder warfen sich platt auf den Rücken nieder, als ob es für sie gar keine Gehirn- oder Rückenmarkerschütterung gäbe.

Immer wilder und ungestümer purzelten sie durch einander, über und unter sich, kreuz und quer, über Tische und Stühle, schmetterten mit den Schädeln gegen einander und gegen den Boden, bis von dem ganzen Dutzend tobender Menschen nur mehr einzelne Arme, Beine und Schädel herumzufliegen schienen, wie von Geisterhänden durcheinander gequirlt, während die Musik immer verrückter wurde und in den schrillsten, gellendsten Dissonanzen sich bemühte, auch die Zuschauer in die auf der Bühne herrschende Tobsucht hineinzuziehen. Mit mir wäre ihnen dies beinahe gelungen. Meine bezopften Genossen aber sahen stumpfsinnig und blöde vor sich hin, ohne ihr Gesicht zu verändern.

Unter den Pantomimen die ich vorher gesehen hatte war namentlich eine interessant und auch für europäische Empfindungsart durch ihren blossen Inhalt von komischer Wirkung.

Zwei Männer schleppen einen Scheintodten herein, werfen ihn auf den Tisch und stellen Belebungsversuche an. Sie blasen ihm in die Nase, sie kitzeln ihn mit einer Feder in der Nase, der Kerl rührt sich nicht. Sie legen ihn auf den Rücken, sie legen ihn auf den Bauch, Kopf und Extremitäten baumeln schlaff herab. Nun wird er bis auf eine Schwimmhose entkleidet. Sie binden ihm Hände und Füsse an den Leib und stossen ihn mit dem Kopf auf den Boden, so dass er fest steht wie das Ei des Columbus. Sie zünden Pulver vor seinem Gesicht an – Alles umsonst. Die Augen bleiben starr geöffnet, kein Muskel zuckt. Grosse gelehrte Berathung, bedenkliches Kopfschütteln. Endlich haben sie das Richtige gefunden und hüpfen frohlockend wieder herbei. Der zusammengeschnürte Körper wird losgebunden und ausgestreckt mit den Beinen an einen Nagel gehängt. Teuflische Grimassen schneidend kitzeln sie mit sämmtlichen zwanzig Fingern an ihm auf und ab, von unten nach oben, von oben nach unten, an den Sohlen, in den Achseln – ohne Erfolg. Sie verlieren die Geduld, werden ärgerlich, entzweien sich, prügeln sich. Jeder möchte allein kitzeln und beansprucht den Kadaver für sich. Sie reissen ihn von der Wand und zerren ihn hin und her, der eine an den Beinen, der andere an den Armen. Sie hauen gegen einander und im Wirrwarr des Gefechts erhält aus Versehen das Objekt des Zwistes eine schallende Ohrfeige. Da springt plötzlich der Scheintodte auf, giebt jedem der Streitenden einen Fusstritt ins Gesicht, dass sie hintüber purzeln, und läuft heulend zur Thüre hinaus.

Man konnte sich nichts Teuflischeres denken, als das Geberdenspiel der beiden mongolischen Fratzengesichter in jener Kitzelszene, und die quicksende Musik gab die entsprechende Tonmalerei dazu so eindringlich und wirksam, dass man sich zu kratzen versucht fühlte.