Die dritte Hauptmerkwürdigkeit, das Dschoss Haus, setzt sich zusammen aus drei verschiedenen Abtheilungen, aus einer offenen Holzbaracke, die in eine schmale Lücke der Häuserreihe etwas zurücktretend hineingebaut ist, und aus zwei Zimmern im ersten Stock des linken Nachbargebäudes, die mit jener durch eine Treppe verbunden sind. Alles glitzert innen von Gold und von Silber, von rothen und gelben, blauen und grünen Farben. Hellebarden, Götterfiguren allein und in Gruppen, Altärchen und Schüsselchen stehen neben- und übereinander, längs den Wänden und in der Mitte. Das eine der Zimmer ist halb dunkel und durch farbige Lämpchen sehr wirkungsvoll magisch düster beleuchtet. Der Totaleindruck erinnert lebhaft an den Geschmack des bunten Aufputzes katholischer Dorfkirchen in Baiern oder Tirol. Es fehlt nur der Weihrauchgeruch, der hier durch das zweifelhafte Aroma unzähliger Räucherkerzchen vertreten ist.
In der Regel herrschte ein starkes Gewühl von Chinesen in den engen Räumen, und man musste sich sehr in acht nehmen, in dem fortwährenden Drängen und Stossen nichts von all dem heiligen Flitterkram umzuwerfen, oder sich an den überall steckenden Räucherkerzchen zu brennen. Zwei weisse Policemen hielten am Eingang barsch und gewaltsam die Ordnung aufrecht. Ich konnte nie eine Spur von andächtiger Stimmung in den Physiognomien der Kirchgänger bemerken. Sie benahmen sich ganz wie auf der Strasse, rauchten Zigarren, hatten den Hut auf dem Kopf und die Hände in den Hosentaschen und gafften gleichgültig umher.
Neben einem der Altärchen in der magisch halbdunklen Ecke war ein thönerner Ofen, und vor ihm knieten einmal zwei Frauenzimmer nieder, küssten den Boden, standen wieder auf, zündeten einige papierene Gebetlein an und warfen sie in den Ofen. Dabei fuhren sie mit der auflodernden Flamme so unerwartet und nahe an meinem Gesicht vorbei, dass ich erschrocken zurücktrat, worüber die Nächststehenden ein lautes Gelächter aufschlugen. Die zwei Damen, Prostituirte wie alle weiblichen Glieder des Chinesenviertels, waren übrigens für die herumgaffenden Burschen die beständige Zielscheibe der Unterhaltung. Ihre Frömmigkeit mochte auch ziemlich unlautere Motive gehabt haben. Der Buddist verlangt von Gott nur Segen für sein Geschäft.
Ein anderes mal kam ich gerade noch recht zu den letzten Akten einer grösseren Feierlichkeit. In der Eingangsbaracke sass halbversteckt hinter allerlei Zierrath eine Musikbande und quiekste und miaute ganz ebenso, wie ich es schon im Theater gehört hatte. Oben im ersten Stock zelebrirte der alte, dünnbärtige Oberbonze, dessen Pilzhut ein Glasknopf zierte, im Verein mit zwei jungen Diakonen, welche rothseidene, gelbbeknöpfte Glatzkäppchen trugen, und mehreren Dienern, die Glatzkäppchen, aber ohne Knopf aufhatten, hinter einer Barriere eine Art Messe. Einige Frauen mit kleinen Kindern drängten sich vor, stiegen über die Barriere und setzten sich stumm auf den Boden. Sie hatten offenbar eine Rolle bei dem Fest zu spielen. Ein langes Brett in der Mitte war mit winzigen Opferschälchen, welche Reis, Weinträubchen, Rübchen und sonstige Gerichtchen enthielten, bedeckt, und über dieses trugen zwei Diener etliche Heiligenfigürchen auf einer Tafel, die sie von den beiden Seiten in die Höhe hielten, langsam herab und hinauf, als ob sich die Figürchen die ganze Bescherung recht genau anschauen sollten. Mein Verständniss dessen, was ich sah, war eben so undeutlich wie meine Schilderung sein dürfte.
Weniger unverständlich hingegen ist das Getriebe, welches gleich ausserhalb des Dschosshauses beginnt. »Mademoiselle Laurence«, »Sennorita Juanita«, »Miss Mary« und so weiter lauten die Aufschriften, die in Sacramento Street und in den nächsten Strassen gegen Süd und West beinahe an jeder Thüre oder an farbigen Gaslaternen in prangenden Lettern das Auge auf sich ziehen. Die Fenster der Erdgeschosse sind geöffnet und hell erleuchtet, und hinter ihnen sitzen im strahlenden Lichte die holden Trägerinnen jener Namen, sticken oder nähen und warten mit resignirter Gelassenheit auf Kundschaft. Unter dem Schatten einer Veranda ladet auch wohl eine Sirene in leichter Balletgewandung flüsternd zum Besuch ein, während verluderte Gaunergestalten rudelweise vorüberziehen und zynische Witze reissen.
San Francisco hat eben von der alten Zügellosigkeit doch noch einige Ueberbleibsel behalten. Zum Glück macht sich auch in Bezug auf den Sonntag diese grössere Freiheit geltend. Während drüben auf der atlantischen Seite Amerikas die englisch-puritanische Sonntagsöde ungemildert über den Städten lagert, und die armen Fremdlinge in den Hotels den ganzen Tag nichts thun können als schlafen oder unten im gemeinschaftlichen Parlour, den Zylinder auf dem Kopf und ein bereits mehrmals gelesenes Blatt in der Hand, mit drei oder vier Stühlen die verschiedensten amerikanischen Posituren durchprobiren – man muss eine solche Gesellschaft von Gentlemen gesehen haben, um zu wissen was Langeweile heisst – freut sich das Volk an der pazifischen Küste lustig des Lebens. Einem frommen Reverend aus England oder aus den östlichen Staaten, den »Staaten« schlechtweg, muss ordentlich die Haut schaudern, wenn er den sabathschänderischen Lärm San Franciscos kennen lernt. Ich selbst, durch längere Gewöhnung anglikanisch entartet, fühlte etwas wie Befremdung, als ich den Heidenspektakel von Drehorgeln, Biermusiken, Volksversammlungen, Aufzügen, Fackelprozessionen und militärischem Pomp sah, der hier an Sonntagen verübt wird.
Sehr beliebt scheint das Soldatenspielen zu sein. Die Milizen haben in Amerika das Recht, ihre Uniformirung selbst zu wählen; gewöhnlich thun sich die Landsmannschaften zusammen und kleiden sich nach heimischem Reglement, und so kann man bald einem Haufen rothblusiger Garibaldianer, bald einem Regiment dunkler Preussen mit Pickelhauben, in dieser Strasse einem Bataillon Franzosen, in jener Schweizern begegnen. Derartige Erscheinungen sind in jeder grösseren Stadt zu haben, am meisten entwickelt und wechselvoll fand ich sie in San Francisco vor. Die dortigen Gardegrenadiere sind nicht weniger stolz als die in Berlin. Was kann es auch für einen jungen Teutonen am Sonntag Schöneres geben, als sich in Uniform zu werfen, die Flinte zu ergreifen und unter den kriegerischen Klängen der Janitscharenmusik hinauszuziehen nach irgend einem Vergnügungslokal. Voran reiten der Oberst und der Regimentsadjutant, die Majore und die Bataillonsadjutanten, auch die Hauptleute sind beritten, und in New York sah ich einmal selbst einen Regimentsarzt mitreiten. Dieser hatte aber keine Pickelhaube sondern einen Federhut auf dem Kopf. Sonst war Alles echt von den Zündnadelgewehren bis zu den Schärpen der Adjutanten und den Säbelquasten, welche die verschiedenen Kompagnien auszeichnen. Draussen wird dann Bier getrunken und getanzt und Abends gehts wieder in derselben Weise nach Hause, nur etwas weniger stramm und oft auch schwankenden Schrittes.
Diese heterogenen Milizen sollen sich bei besonders feierlichen Gelegenheiten oft in die Haare gerathen. Es soll vorkommen, dass die Preussen es unterlassen zu präsentiren, wenn die Franzosen vorbeimarschiren, worauf diese vielleicht zu pfeifen und zu johlen beginnen, und dann ist der Teufel los, und die Konsuln haben ihre liebe Noth, die Empfindlichkeit der beleidigten Nationalitäten zu beschwichtigen und den respektiven Heerführern klar zu machen, dass das Deutsche Reich solche Vorkommnisse noch nicht für ausreichend zu einer offiziellen Kriegserklärung erachten dürfte.
In den zahlreichen und grossartigen Bierpfützen der deutschen Quartiere übrigens herrscht eine rühmenswerthe Neutralität. Dort verschmähen es auch die benachbarten Franzosen nicht, sich mit ihren Erbfeinden in demselben gemüthlichen Schlamm zusammenzufinden. Die in Amerika leider so beliebten Riesendrehorgeln, auf denen Orchestermusik mit Blasinstrumenten, Trommeln und Paucken abgehaspelt wird, spielen abwechselnd die Marseillaise und die Wacht am Rhein dazu.
Was San Francisco ausserhalb des Chinesenviertels an Sehenswürdigkeiten besitzt, ist bald gesehen. Das Palace Hotel repräsentirt das Höchste, was amerikanisches Hotelwesen, weit überlegen dem europäischen, an Eleganz und Solidität zu leisten vermag. Das neue Stadthaus, welches eben im Bau begriffen war, verspricht sich zu einem ganz verrückten, echt amerikanischen Architekturwerk zu gestalten, und in der Münze, deren Einrichtungen täglich zu einer bestimmten Stunde gratis gezeigt werden, kann man sich an der Erzeugung grosser Zwanzigdollarstücke ergötzen. Interessanter indess als der schnöde, gleissende Mammon war mir die Ehrerbietung, die den zwanzig oder dreissig Frauenzimmern, welche in einem geräumigen Saal die Goldstücke auf ihre Makellosigkeit prüften, gezollt wurde. »Bitte die Hüte abzunehmen« sagte unser Führer ehe wir eintraten, »wir kommen jetzt in das Departement der Ladies«, und die Damen, die da an langen Tischen sassen und feine Wagen hantierten, schienen die Artigkeit werth zu sein. Ihr Aeusseres und ihre Haltung litt nicht unter dem Druck der Arbeit um das tägliche Brot.