Nicht unerwähnt darf die kalifornische »Academy of Science« bleiben. Unter diesem Wohlklang ist keine Akademie in unserem Sinn, sondern nur ein Wust von verstaubten Büchern und verstaubten Vogelbälgen, von eingetrockneten Spirituspräparaten und einem durcheinandergeworfenen Herbarium in einer alten baufälligen Kirche zu verstehen. »Science does not pay in California« tröstete mich der hohläugig und halbverhungert blickende Kustos, der das genannte Museum der »Metropole des Westens« zu verwalten hatte. Er war ausnahmsweise ein Vollblutamerikaner. Sonst geben sich meist nur Deutsche zu solch brotlosen Künsten her.

Der bedeutendste Vergnügungsort und zugleich ein ganz eigenartig universelles Institut ist Woodwards Garden, welcher schon beinahe ausserhalb der Stadt liegt, wo die Wüste beginnt. Eine Menagerie mit Löwen, Tigern, Elephanten, Bären und Schlangen und hundert anderen Thieren bis zu den weissen Mäusen herab, ein grosser Robbenteich, ein Papageienhaus, ein See- und Süsswasser-Aquarium, ein Palmenhaus, eine Sammlung von Naturalien und Kuriositäten, eine Gemäldegallerie und was es sonst noch für die Schaulust geben mag, sind hier dem Publikum offen. Tanzsäle, Turngeräthe, Schiessbuden, ein Skating Rink, ein Karoussel von Gondeln und Segelböten auf einem kleinen runden Wasserbassin bieten mannigfaltigen Sport. Man kann hier auf Eseln reiten, mit einem Hirschgespann herumkutschiren, sich wägen lassen und Kraftproben aller Art anstellen.

An Sonntagen produziren sich Akrobaten, Messerverschlinger und Feueresser, und ein Programm von Woodwards Garden, das ich in einem Streetcar bekam, versichert in grossen Buchstaben, ihre Leistungen seien so schauderhaft anzusehen, dass regelmässig darüber die Frauenzimmer in Ohnmacht fallen und die Kinder heulen. »Women faint and Children cry!« »Rel Muab, der wahrhaftige menschliche Salamander spottet aller Naturgesetze! Er beisst glühende Eisenstangen entzwei! Er trinkt kochendes Oel! Er isst geschmolzenes Blei! Er steht mit blossen Füssen auf glühenden Eisenplatten!« »Rollo, der Zahn-Herkules, übertrifft alles bisher Gesehene mit der Kraft seiner Zähne und Kinnbacken!« Und der Eintritt zu all diesen Herrlichkeiten kostet nur einen Bit.

Das zoologische Museum von Woodwards Garden ist musterhaft sauber gehalten, besitzt eine Menge vortrefflicher Spiritusgegenstände und hat wirklichen wissenschaftlichen Werth. Der Konservator desselben ist natürlich ein deutscher Landsmann. Unter dem Kuriositätenappendix befindet sich auch ein Palmstumpf, vor welchem Cook von den Sandwichinsulanern erschlagen worden sein soll. Im Museum zu Honolulu wird die nämliche Reliquie aufbewahrt. Welches von beiden die ächte ist, möge unentschieden bleiben.

Unter den lebenden Thieren sind besonders die riesigen pazifischen Robben oder Seelöwen interessant, welche in einem stark umgitterten Teich gehalten werden. Zweimal täglich zu bestimmten Stunden ist Fütterung. Die scheinbar so plumpen Kolosse gerathen dann in grosse Erregtheit. Unglaublich gewandt klettern und schieben sie sich schnaubend mit ihren zu Flossen verkümmerten Extremitäten den aus der Mitte ragenden Felsen hinauf, wohin der Wärter ihnen ansehnliche Fleischportionen zuwirft, die sie oft noch im Fluge erschnappen, oder stürzen sich von oben kopfüber herab, um die ins Wasser gefallenen Stücke zu holen. Schwimmend nehmen sie den Charakter von Walfischen an, tauchen hie und da in die Höhe um Luft zu schöpfen, tauchen dann wieder in die Tiefe und verschwinden, und nur das Strudeln und Wallen des aufgewühlten schmutzigen Teichs zeigt an, wo ungefähr sie sich herumtreiben.

Die Anlagen von Woodwards Garden sind hübsch und verhältnissmässig geschmackvoll. Eine Menge Kioske und Flaggen zieren die vielen wirr aneinander gefügten Gebäude. Leider will unter dem Staub der benachbarten Wüste kein freundliches Grün gedeihen. Auf hohen Holzgerüsten stehen ringsum blauweissrothe, vielflügelige Windmühlen, die sich durch ihre Steuerung selbst gegen den Wind drehen, und pumpen langweilig knarrend Wasser empor.

Market Street ist die von Nordost nach Südwest gerichtete diagonale Axe San Franciscos. Am Hafen endet dieselbe in dem Hauptpier der Ferryboote. Das andere Ende verliert sich in der Wüstenei der San Pablo Berge, die den Hintergrund ihrer Perspektive bilden. Jenseits der San Pablo Berge liegt die Lagune de la Merced, ein seeartiges, langgestrecktes und seichtes Süsswasserbecken, nur durch einen schmalen Dünensaum von der Meeresküste getrennt.

Dorthin ging ich am letzten Sonntag vor meiner Abreise spazieren, um vom Stillen Ozean Abschied zu nehmen. Es war der erste Oktober, und die Regenzeit schien, etwas früher als gewöhnlich, eben beginnen zu wollen. Bereits in drei Nächten nach einander hatte es geregnet, das Wetter am Tage war noch immer ungetrübt sonnig und heiss.

Ein Sonntagsspaziergang in der nächsten Umgebung San Franciscos ist nicht ohne Gefahren. Da es in diesem freien Lande keine Jagdscheine giebt, strömt dann Alles mit Schiessgewehren bewaffnet ins Freie hinaus, allerwärts knallt es, und hie und da hört man eine Kugel sausen. So wars auch heute. Eine Menge Menschen zu Fuss und zu Wagen begegneten mir oder fuhren an mir vorüber, und jeder hatte ein Schiessgewehr bei sich.

Hier marschiren etliche Schuljungen die Strasse entlang. Der eine trägt eine alte verrostete Flinte, der andere eine Jagdtasche, ein dritter das Pulverhorn umgehängt, und ein vierter hat vielleicht einen Revolver im Gürtel stecken. Dort sitzen vier Sonntagslümmel in einem gemietheten Zweispänner, und ebenso viele Doppelläufe starren neben ihnen aus dem Fuhrwerk heraus. In einem eleganten leichten Buggi kutschirt ein behäbiger Spiessbürger dahin. Sein Pferd sieht aus, als ob es während der Woche Fleisch ziehen müsste. Zur Linken sitzt ihm die Gattin, zur Rechten starrt die Mündung einer Büchse gegen Himmel, und vorne sitzt arrogant ein fetter Mops und schneidet heute ein Gesicht, als ob er ein ganz verflucht gescheidter Hühnerhund wäre, obgleich er weiter nichts versteht als die Kälber seines Herrn anzubellen.