Wenn so ein richtiger amerikanischer Junge gerade in heiterer Laune ist, so macht er sich wohl einmal den Spass, auf einen harmlosen Spaziergänger zu schiessen. Am Ufer der Laguna de la Merced erlebte ich ein Beispiel davon. Halbversteckt im Schilf sammelte ich Süsswasserschnecken, Limnäen und Planorben, da knallte es drüben, und über mir schlug eine Kugel in die Böschung. Ich eilte nach oben, um mich zu zeigen und so den Schützen zu warnen, dass er seinem Vergnügen in einer anderen Richtung genügen möchte. Aber in der nächsten Minute fuhr ein zweites Geschoss neben mir in den Sand, und das fröhliche Lachen zweier Burschen, die jenseits standen, überzeugte mich, dass es nicht absichtslos geschehen war.
In den San Pablo Bergen, die ich zuerst ohne Pfad, nur der Himmelsrichtung folgend, überschritten hatte, war es öde und einsam. Nebelmassen zogen über die kahlen Gipfel und kalte Windstösse fuhren durch die Thäler, an deren Gehängen Kühe den spärlichen Pflanzenwuchs abweideten. Ein isolirtes Gehöft aus lotterig zusammengestoppelten Hütten war die einzige menschliche Wohnstätte, die ich passirte.
Am Meere angelangt, wo es wieder lebendig wurde, bog ich nach Norden dem Cliff House zu. Villen und Vergnügungsorte haben sich dem Strand entlang angesiedelt, unter ihnen ragt das Ocean House durch seine Dimensionen dominirend hervor.
Die Strecke vom Ocean- zum Cliff House ist ein beliebter Korso. In eleganten Buggies und Landaus fahren die Bürger der Metropole auf dem durchfeuchteten und dadurch festen Sande spazieren, links die rastlos rollenden und sich überstürzenden Wogen des Ozeans, die in flachen schaumigen Zungen bis unter die Räder lecken, rechts die eigenthümliche melancholische Landschaft der Dünenhügel, deren Kuppen dunkle Büschel von Fettpflanzen bedecken, Möven kreuzen draussen über dem Wasser, und eine Schaar weiss blinkender Segel unterbricht angenehm die Monotonie des Horizonts.
Ein ganz einziger Punkt ist das Cliff House, das mit Recht berühmte Hauptausflugsziel der San Franciskaner. Hingebaut an den äusseren Absturz der Felsenkette, die den südlichen Pfeiler des Goldenen Thores bildet, beherrscht es die Aussicht über das Meer und auf einige nahe Klippen, welche von einer Menge Seelöwen, Möven und Pelikane bevölkert sind. Dank einem weisen Gesetz dürfen diese Thiere hier nicht geschossen werden und scheinen sich auch ihrer Sicherheit wohl bewusst zu sein.
Schon ehe man von der Strasse aus die elegante Restauration betritt, geben etliche fünfzig schöne Gespanne, die unter einem Dache aufgestellt sind, die Anwesenheit wohlhabender und, was hier gleichbedeutend, vornehmer Gesellschaft kund. Wir gehen durch das Gebäude nach der Seeseite zu und gelangen auf eine Gallerie, auf welcher geputzte Ladies und Gentlemen an sauber gedeckten Tischen sitzen, duftigen Mokka schlürfen und mit Ferngläsern zoologischen Studien über die interessante Bewohnerschaft der Klippen sich hingeben.
Unten donnert die Brandung gegen das schroffe Ufer, hie und da übertönt von dem gellenden Brüllen und Bellen der Seelöwen, die sich durch dasselbe schlangenartige Winden und Drehen, das wir bereits bei den Gefangenen von Woodwards Garden kennen gelernt, an den Felsen hinaufschieben und sich um die besten sonnigsten Plätze zanken. Manchmal sperrt einer den geräumigen Rachen auf und faucht giftig den Nachbar an, als ob er ihn fressen wollte, klappt aber gleich wieder zusammen, während jener eingeschüchtert hinabrutscht. Manchmal beginnen sie alle auf einmal zu brüllen und zu bellen, mit hellen und tiefen Stimmen. Sind ihrer viele, etwa dreissig oder vierzig auf einem der Felsen versammelt, so sehen sie glänzend von Feuchtigkeit aus wie schlüpfrige Reptilien, die sich über- und durcheinander schlängeln. Die günstigste Zeit zum Besuch und zur Beobachtung der »Seal Rocks« ist der Morgen, wenn die Sonne im Osten steht und alle westlich vom Auge liegenden Gegenstände scharf beleuchtet.
Nicht minder interessant für denjenigen, der sie zum ersten mal sieht, sind die zahlreichen Pelikane, die ringsum kreuz und quer die Luft durchmessen. Langnasige Karrikaturen von Vögeln, umkreisen sie unermüdlich die Klippen, deren dunkle Massen sie mit ihren Exkrementen weisslich gestrichelt haben.
Neben und unter dem Cliff House sind terrassenförmige Gärtchen in Felsenstufen gebettet. Ein reicher Flor von Malven stand in voller Blüthe, und braun schillernde Kolibris schwirrten von Blume zu Blume, um Insekten daraus zu erbeuten, zum Verwechseln ähnlich unseren europäischen Sphinxen.
Von Cliff House bis zur Stadt paradirt auf den Plänen bereits ein ansehnliches grünes Rechteck als »Golden Gate Park«. In der Wirklichkeit ist das meiste davon noch Sand und Wüste. Zwei ausgezeichnete breite Strassen führen durch den Zukunftspark, auf denen die vorzüglichsten Traber der Erde die Bewunderung herausfordern. Ich glaube nicht, dass es in London eben so viele herrlich trabende und schöne Wagenpferde giebt wie in San Francisco. Eine Tafel giebt kund, dass zehn Meilen per Stunde (= 16 Kilometer) die höchste erlaubte Fahrgeschwindigkeit sei. Wer aber kontrolirt diese prachtvollen Thiere, die weit übergreifend so leicht und sicher mit den zierlichen Buggies dahinfliegen?