In der Nähe sind eine Rennbahn und die Begräbnissplätze. Ein hohes Kruzifix krönt den bedeutendsten Hügel als weithin sichtbare Landmarke. Auch der chinesische Leichenacker befindet sich hier, kenntlich an einer Windmühle, welche Wasser pumpt, und mehreren weissgetünchten hölzernen Kiosken. Es ist also übertrieben, wenn behauptet wird, dass die Chinesen ihre sämmtlichen Todten in die Heimath verschiffen.

Auf einem anderen Ausflug, den ich nach Berkley, einer kleinen grösstentheils aus Wirthshäusern bestehenden Ortschaft am gegenüberliegenden Ufer des Hafens machte, hatte ich Gelegenheit, einen in Kalifornien sehr gemeinen Nager, der dort die Stelle unseres Hamsters vertritt, kennen zu lernen. Sein Name »Ground Squirrel« – »Erdeichhörnchen« ist die beste Beschreibung desselben. Nur ist das Thier etwas grösser und weniger schlank und geschmeidig als sein Taufpathe, der flinke Bewohner unserer Forste. Alle die weitgedehnten dürr gebrannten Stoppelfelder waren unterminirt von Legionen desselben. Legte man sich auf die Lauer, so kamen sie vorsichtig aus ihren Löchern, machten Männchen und hielten Umschau und versammelten sich. Eine leise Bewegung, und sie verschwanden, indem sie sich durch Pfiffe warnten.

XXV.
VON SAN FRANCISCO NACH SALT LAKE CITY.

Auf der Pacific Bahn. Die Sierra Nevada. Ein phänomenales landschaftliches Scheusal und ein überschwengliches Guidebook. Indianer. Die Mormonenstadt, das Tabernakel und das Mormonenthum. Eine Versammlung der Heiligen des jüngsten Tages. Ausflug nach Lake Point und Bad in dem grossen Salzsee. Camp Douglas.

Die Pacific Bahn beginnt nicht in San Francisco selbst, sondern drüben auf der andern Seite der Bai in Oakland. Man kauft sich das aus mehreren Abschnitten bestehende Ticket nach New York in einer der zahlreichen Agenturen San Franciscos, wobei man sich in acht zu nehmen hat, dass man nicht betrogen werde, indem die Fahrpreise einem gewissen Kurs unterliegen, und schifft sich Morgens um sieben auf der Oakland Ferry ein. Die Expresszüge nach Osten gingen damals täglich um halb acht Uhr von Oakland ab.

Der westliche Anfang dieser riesigen Pacific Bahn ist sehr bescheiden, ganz anders als bei uns, wo prachtliebende Verwaltungsräthe zum Schaden der nun jammernden Aktionäre die Endpunkte verhältnissmässig geringfügiger Bahnstrecken mit Marmorpalästen bezeichnen zu müssen glaubten. Der Amerikaner will eben nur, dass das Ding seinen Zweck erfülle, und frägt nicht wie es aussieht.

Ein Viadukt, fast eine Meile lang, aus Balkenwerk und mit doppeltem Schienengeleise, kommt von Oakland her über den Schlick des Ufers der Dampffähre entgegen. Wir steigen aus, schleppen uns hastig mit dem Handgepäck durch das Gewühl ebenfalls hastiger Mitpassagiere und Sleepingcars offerirender Neger, steigen in irgend einen Wagen des hinter russigen Kohlenschuppen fertig dastehenden Zuges und befinden uns auf dem berühmten, in allen Zungen der Erde als achtes Wunder gepriesenen Eisengürtel. Nach wenigen Minuten setzt sich der Zug in Bewegung. Kein Trompetchen, kein Pfeifchen, kein Fähnchen oder sonst ein Firlefanzchen, womit auf dem europäischen Kontinent dieser Akt gefeiert zu werden pflegt. Nicht einmal die Dampfpfeife entsetzt unsere unwagnerischen Ohren. Ein Ruck und wir fahren, und nur die Glocke auf der amerikanisch kolossalen und farbenreichen Lokomotive warnt, so lange es durch belebtere Gebiete geht, in langsamen Schwingungen begegnende Fuhrwerke.

Ueber den Viadukt und durch die Strassen von Oakland bimmelten wir so dahin. Dann gings schnelleren Tempos ins Freie und erwartungsvoll spähte ich aus dem Fenster nach den landschaftlichen Schönheiten, mit denen mir Kalifornien, ich weiss nicht auf Grund welcher gelesenen Schilderungen, ausgestattet sein zu müssen däuchte. Aber sie kamen nicht. War die Schlickzone, in der sich ein schmutziges Gesindel von Taschenkrebsen mit derselben Behaglichkeit wie an den vaterländischen Ufern des Jadebusens herumtrieb, überwunden, so erschien zunächst eine weite Alluvialebene mit zerstreuten Melonen- und Tomatofeldern, und in schmalen Wasserzungen, welche die Bai tief ins Land hineinstreckt, waren Fischer beschäftigt, künstlich angepflanzte Austern mittels eiserner Rechen einzuheimsen. Bald hatten wir diese letzten Vorposten des mir theueren Pacific Ocean hinter uns, man sah kein Wasser mehr, sondern nur dürre, staubige Stoppelfelder und hie und da eine Gruppe dürftiger, graugepuderter, laubarmer Bäume.

Bis nach Sacramento gab es im Zuge mehr Gesellschaft als angenehm war. Den Rauchwagen, der in Amerika zugleich als Sammelplatz des Lumpengesindels dient, beherrschten die Chinesen, von denen einige stillvergnügt lächelnd in chinesischen Unterhaltungsbüchern lasen, während die Mehrzahl blos rauchte und spuckte und klatschte und stank, die weissen Gentlemen reckten die Beine kreuz und quer nach allen vier Himmelsrichtungen in die Höhe, so dass man von den meisten nur die Stiefelsohlen sah, und im Drawing Room Car, der sich Nachts in den Sleeping Car verwandeln sollte, hatten Ladies und Kinder jeden Sitz in Beschlag genommen.

Ein Tunnel, ein paar schmutzige Flüsse, kahle Hügel, neublinkende Städtchen, chinesische Bahnarbeiter mit pilzförmigen Strohhüten, eine ungeahnte Menge von Staub und Dürre glitten vorüber. Die Sonne ging unter, der Vollmond ging auf, Tausende von Zikaden zirpten, so oft wir an einer der vielen kleinen Stationen hielten. Die Berge wurden nun höher, und wir fuhren in die Sierra Nevada hinein. Am nächsten Morgen war sie überwunden, die »Plains« lagen vor uns.