Man kann sich nichts Trostloseres denken, als diese Gegenden des äussersten nordamerikanischen Westens. Hat man das Unglück wie ich, sie von San Francisco aus und ohne Aufenthalt zu durchkreuzen, so passirt man die einzige höchstens zwölf Fahrstunden lange Naturschönheit, die Sierra Nevada, bei Nacht. Und auch bei Tag ist von der Sierra Nevada wohl nur wenig zu sehen. Denn fast ununterbrochen laufen die Schienenstränge unter Schneedächern hin, die bis auf die horizontalen Spalten zwischen den Brettern der Seitenwände nichts von einer Aussicht wahrnehmen lassen. Die Welt ist hier buchstäblich rechts und links mit Brettern vernagelt. Kommt dann endlich einmal eine Lücke, und freut sich das Auge der kühnen, spärliche Fichtenbestände tragenden Felsgründe und zackigen Berge, die wie ein Zauberbild plötzlich sich aufthun – eine halbe Minute, und wieder schiessen die öden, dunklen Bretterwände dicht vor dem Fenster vorüber.
Hat man auf solche Weise die Sierra Nevada genossen, so gelangt man in die gemeinste, niederträchtigste Landschaft der Erde, von deren Erbärmlichkeit keiner sich einen Begriff bilden kann, der nur die anmuthigen Gefilde des schönen Europa kennt.
Eine schmutzig gewordene Kalkgrube, vertrocknet, in lauter kleine Inselchen zerklüftet, bürstenartig besetzt mit dürren, verstaubten Artemisiabüscheln, bis ins Unendliche ausgedehnt – dies ist ungefähr der Boden, über den man zweimal vierundzwanzig Stunden im Tempo eines deutschen Bummelzuges, obgleich man »Express« fährt, sich durchquälen muss. Die kleinste Maus ist auf hundert Schritte bemerkbar, indem sie ein Staubsäulchen emporwirbelt. Staub, fressender alkalinischer Staub, dringt wolkenweise durch alle Oeffnungen in den Wagen, äzt Augen, Lippen und Nase wund, macht die Haut des Gesichts und der Hände spröde und rissig und erzeugt ein Gefühl, als ob man ersticken sollte. Man hat nicht einmal die Erleichterung des Schwitzens. Die durstige Atmosphäre lässt keine tropfbare Flüssigkeit aufkommen. Alles ist heiss und trocken.
Immer und immer frägt man sich wieder: »Wie ist es möglich, dass über dieses phänomenale landschaftliche Scheusal so wenig bei uns bekannt ist, ja dass vielfach gerade die günstigsten Vorstellungen über die Szenerien herrschen, durch welche die Pacific Eisenbahn führt?« Die Antwort darauf und zugleich eine Quelle unerschöpflicher Heiterkeit erhält man, wenn man sich von dem fliegenden Zeitungshändler, der den Zug begleitet, um zwei Dollars »Williams Pacific Tourist« kauft.
Das Buch ist eine echt amerikanische Lektüre. Es nennt sich selbst »the handsomest Guidebook in the World«, »the most beautiful Book of Western Scenery ever issued«, »the most complete, accurate and reliable Transcontinental Guide ever known«, »officially endorsed by the Pacific Rail Road Companies«. Den ersteren Qualitäten liegen etwa dreihundert Seiten Text, mit der unübertroffenen Sauberkeit amerikanischer Typographie gedruckt, und sehr viele theils mittelmässige, theils schlechte Holzschnitte zu Grund. Letztere Eigenschaft ist die beachtenswertheste. Wir haben es mit einem offiziellen Rhapsoden zu thun, der seine Inspirationen auf richtige Yankeeart aus der Kasse der Pacific Rail Road Companies bezogen hat. Mister Williams hat, wie er selbst in der Vorrede sagt, zum Zweck seines Buches neun Monate hier herumgereist, er hat vier grosse »Editorial Parties representing over 150 Journals and a total Circulation of over 3 000 000« zu den »Wonders of the West« geführt und ist in Folge dessen in der Stimmung, die Gegend, die uns scheusslich vorkommt, als »wonderful« und »overwhelming« zu preisen. Wenn die Leistungen der Pacific Rail Road Companies nur halbwegs proportional waren den Leistungen des Mister Williams, so muss dieser Edle schweres Geld gekostet haben.
Es ist bezeichnend für die Gegend, dass fast jeder zerbröckelte, röthlich verwitterte, gemeine Felsblock, der aus der unendlichen Kalkgrube über Mannshöhe herausragt, einen hochtrabenden Namen besitzt. So ein Felsblock hat meist eine gewisse Aehnlichkeit mit alten Ziegelmauern bei uns, die eben abgebrochen werden, ist gewöhnlich sehr unschön geformt, mit Einem Worte gemein. Mister Williams aber vermag das alles bezaubernd, entzückend, überwältigend zu finden und vor jedem derartigen Gebilde wollüstig die Augen zu verdrehen und ein halbes Dutzend frohlockender Bocksprünge zu machen.
Was müssen die armen Emigranten hier ausgestanden haben, als es noch keine Pacific Eisenbahn gab, als sie noch Monate und Monate lang mit Pferden und Karren sich über die endlose Alkaliwüste zu schleppen hatten. Wie viel Jammer und Elend mag hier gelitten, wie viel sehnsüchtige Seufzer mögen hier dem fernen Kalifornien entgegengeschickt worden sein. Und waren sie endlich am Ziel ihrer Qualen, wie oft wurde bitterste Enttäuschung ihr Lohn. Denn auch Kalifornien ist durchaus nicht das Land, wo überall Milch und Honig fliesst. Ein Dritttheil des Staates ist Wüste, und alle die ekstatischen Schilderungen seiner Schönheit und Fruchtbarkeit sind Uebertreibung und von den Pacific Rail Road Companies bezahlter, berechneter und bewusster Schwindel. Aber der Schwindel hat sich rentirt und zwar auf doppelte Weise. Denn es fahren jährlich auf dieser theuren Bahn nicht blos Tausende hoffnungsvoll von Osten nach Westen hinüber, sondern auch Tausende um Vieles ärmer und fluchend wieder zurück.
Der ganze tägliche Verkehr beschränkt sich auf vier Züge, je einen Express- und je einen Emigrantenzug ostwärts und westwärts. Erstere brauchen zwischen New York und San Francisco genau sieben Tage und sieben Nächte, letztere zwei bis drei Wochen. Auch der Expresszug hält auf allen Stationen, oft länger als begreiflich, und seine Schnelligkeit bleibt hinter dem bei uns mit diesem Ausdruck verknüpften Begriff der Eile weit zurück.
Von den Stationen sieht eine so ziemlich aus wie die andere. Täglich drei sind dadurch hervorragend, dass man eine halbe Stunde Zeit hat, die üblichen drei Mahlzeiten zu nehmen. Noch während wir in eine solche Breakfast- oder Dinner- oder Supper-Station einfahren, tönt uns von der Restauration eine Glocke oder ein Gong die Aufforderung zum Besuch in die Ohren. Sind zwei oder drei Konkurrenten vorhanden, so sucht jeder den anderen durch Lärm zu überbieten. Oft erfreut das Auge an solchen Oasen ein plätschernder Springbrunnen, der jedoch nur so lange spielt als der Zug hält, und etliche dünn belaubte Bäumchen, die sich bemühen einen grünenden Garten zu heucheln. Ein grosses Wasserreservoir hoch auf Pfählen errichtet, daneben ein kolossales blauweissrothes Windmühlenrad, welches zuweilen knarrend sich in Bewegung setzt um zu pumpen, ein Dutzend hölzerner Schuppen und drei oder vier Erdhütten von chinesischen Arbeitern bewohnt, ein Pferch zum Verladen von Rindvieh, gleich hinter der nächsten Ecke und überall ringsum die öde Steppe – dies ungefähr ist das Bild von all den kleinen Ansiedelungen, die sich bald Humboldt, Bismarck oder Sherman, bald Winnemuka oder Paiute nennen. Weissgekleidete Chinesen sind die Wärter der Tafel, an der Thür steht der Wirth und lässt sich beim Hinausgehen von den Gästen je einen Dollarzettel in die Hand drücken. Denn seit wir den Staat Nevada betraten, sind wir der kalifornischen Silber- und Goldwährung entrückt und wieder im Gebiete der Greenbacks. Auffallend häufig findet man hier in den Restaurationen als Zeugen des Mineralreichthums der Gegend schöne Sammlungen von Kupfer-, Silber-, Zinn-, Antimon- und Bleierzen hinter Glaskästen ausgestellt.
Etwas ganz Unschätzbares sind die Waschzimmer auf allen Stationen und zwar geräumige, reinliche Waschzimmer mit grossen Waschschüsseln und einem Ueberfluss von Wasser, der nichts zu wünschen lässt. Neben jedem Becken liegt ein Stück vortrefflicher Seife, und ausgiebige, bettlakengrosse Handtücher auf Rollen hängen an den Wänden. Wer die Kosten dieses höheren Kulturzustandes trägt, ob die Bahn oder der Restaurateur, weiss ich nicht, aber keinem Menschen fällt es in Amerika ein, für solche selbstverständliche Bedürfnisse Zahlung zu verlangen. Wie viel wirklich vornehmer sind doch diese elenden Wüstenstationen als unsere glänzenden Eisenbahnhöfe, die in Bezug auf gewährte Reinlichkeit mehr den Anschauungen jenes polnischen Juden entsprechen, der einmal verwundert äusserte »Es ist doch sonderbar, dass man sich hie und da die Hände wäscht aber nie die Füsse«.