In Humboldt sah ich meine ersten sechs Indianer, sechs braune, schmutzige und zerlumpte Kerls mit finsterem Gesichtsausdruck und langen straff heruntergekämmten Haaren, graue Filzhüte auf dem Kopf und rothe Decken um die Schultern. Auch zwei alte runzelige Squaws mit einigen halbnackten Kindern eilten herbei und machten sich sofort daran, die Passagiere des Zuges abzubetteln, indess die Männer keine Notiz von uns nahmen.
Von nun an fehlten diese sogenannten Rothhäute fast auf keiner Station, aber nirgends kamen mir mehr als höchstens ein Dutzend zu Gesicht. In Winnemuka waren sie schon ächter. Dort hatten die meisten ihre dunklen Wangen mit Zinnober geschminkt, und selbst ein über und über schmieriger Säugling, welchen eine Squaw in dem bekannten Holzgestell mit Dach auf dem Rücken schleppte, trug seine kleine Stumpfnase mit einem Zinnobertupfen verziert, während die Spuren seiner Ausscheidungen eine aus mehreren Schichten gebildete breite Linie über den Rock der Mutter herab gezeichnet hatten.
Ein Mann von etwa vierzig Jahren ragte gebieterisch hervor, eine stattliche stylvolle Erscheinung voll Trotz und Grimmigkeit in den scharfgeschnittenen Zügen. Gegen ihn waren alle die Anderen nur skrophulöses Gesindel. Der Kinnriemen an seinem Hute war mit Silberplättchen beschlagen, in der Hand hielt er eine Flinte.
Später, zu Battle Mountain, trat in der Bemalung eine zur Ornamentik verfeinerte Mode auf. Quer über Wangen und Nase wechselten horizontale rothe und gelbe Streifen, letztere in einem Falle sogar noch regelmässig mit rothen Punkten besetzt. So unsauber und nachlässig der sonstige Anzug war, in diesen Gesichtsmalereien herrschte die grösste Akkuratesse und Symmetrie. Gerne hätte ich die braunen Söhne der Wildniss sprechen gehört, aber sie unterbrachen niemals ihr düsteres Schweigen, wenn ich sie zu belauschen wünschte, ganz anders als die lustigen Südsee-Insulaner. Ausser zwei hübschen Mädchen in reinlicher europäischer Tracht, die mir zu Ogden begegneten, sah ich kein einziges Indianerindividuum, welches Neigung verrieth, sich mit der Zivilisation auszusöhnen.
Der dritte Morgen der Reise dämmerte mir an den Ufern des grossen Salzsees. Schon gestern Abend waren allenthalben Bergzüge aufgetreten, isolirt aus der Ebene ragend. Endlich erscheinen auch wieder Bäume, und wir fahren in die Hauptstation Ogden ein, die zweite Stadt der Mormonen, von wo sich die Bahn nach Salt Lake City abzweigt.
Mit Ogden wird die Gegend wieder einigermassen menschlich geniessbar und bleibt es auch während der zwei Stunden langsamer Fahrt bis Salt Lake City.
Es giebt zwar keine Bäume ausser künstlich gepflanzten, aber doch sind die zahlreichen Gehöfte bereits mit einem nach zweitägiger Entbehrung doppelt anmuthigen Grün umgeben. Selbst die Berge sind mit eigenthümlichem Farbenreiz geziert. Grosse Flecken von duftig rosarothem Heidekraut überziehen die Gipfel, graugrün und gelb ist der übrige Boden, ein kaltes Weiss bezeichnet die schroffen Abstürze der Felsen. Rechts dehnt sich die dunkelblaue salzige Fläche des Sees innerhalb flacher und sumpfiger Ufer. Salzinkrustationen bedecken die ausgedörrten Tümpel an seinem Rande.
Das weite, sanft zu den Höhen ansteigende Thal bevölkert sich mit einer Menge zwischen Gärten zerstreuter freundlich blickender Häuser, und wo sie am dichtesten sich zusammendrängen, taucht aus ihnen das unförmige graue Schindeldach des Tabernakels empor wie ein Elephant aus dem Gewimmel der Jahrmarktsbuden oder wie ein Walfisch aus den hüpfenden Wellen – Salt Lake City.
Hier hoffte ich ein paar Tage auszurasten. Ein Streetcar mit zwei lebhaften Maulthieren entführte mich von den lotterigen Holzschuppen des Bahnhofs in die Stadt. Aussergewöhnlich breite, rechtwinklig sich kreuzende staubige Strassen sind von schattigen Alleen eingefasst. Neben den Seitenpfaden laufen muntere Bächlein. Die Häuser sind von Gärten umgeben und von Bäumen und Buschwerk anmuthig versteckt. Erst in den zwei oder drei Geschäftsstrassen stehen die Gebäude ohne Unterbrechung neben einander.
Salt Lake City hat etwa 25 000 Einwohner und ist bald durchwandert. Main oder East Temple Street ist die Hauptgeschäftsstrasse, die ganz allgemein amerikanisch aussieht. Ein paar Hotels, Kaufläden aller Art, eine Apotheke, mehrere Bierschenken und Schnapsbuden mit hochtrabenden und buntgemalten Namen setzen sie zusammen.