Am meisten fällt eine spezifische Mormoneneigenthümlichkeit in die Augen, der sogenannte Bee Hive Store, ein grosses dreistöckiges Gebäude aus Ziegelstein mit mächtigen Glasfenstern an der Frontseite. Ueber dem Eingang glänzt ein goldenes Auge Gottes und darum herum in goldenen Lettern die Aufschrift »Holiness to the Lord. Zions Cooperative Mercantile Institution«. Treten wir unter diesem geschmacklosen Emblem der Muckerhaftigkeit ins Innere, so kommen wir in einen riesigen Bazar, in dem alle Artikel des menschlichen Bedarfs von der Dreschmaschine bis zur Nähnadel, vom Bärenpelz indianischer Zubereitung bis zur Küchenschürze, vom Oelfarbendruck bis zum Briefpapier zu haben sind. Die Grundfläche und eine dreifache Reihe von Gallerien übereinander sind mit Waaren bedeckt. In einem umgitterten Raum werden Geldgeschäfte abgemacht. Ein lebhaftes Treiben von Käufern und Verkäufern rechtfertigt einigermassen den Namen »Bienenkorb-Lager«. Das Beste von dem Institut ist, dass es auf Kosten und zum Vortheile der ganzen Gemeinde gehalten wird, dass es also einen Konsumverein grössten Massstabes darstellt. Nur Mormonen dürfen an seinen Wohlthaten partizipiren.
Hinter einem Haufen Kleiderstoffe fand ich dort einen alten Bekannten wieder. Ich war mit ihm auf demselben Schiff von Viti nach Honolulu gefahren. Er gehörte damals jener Konzertgesellschaft an, die in Honolulu von jenem Reverend mit seinem Tower von London so schmählich angeführt wurde, und spielte Trompete. Jetzt schwang er die Elle und schien, als ich ihn ansprach, etwas verlegen sich seiner Künstlerrolle entkleidet zu sehen. Ich erinnerte mich nun, dass damals viel gemunkelt wurde, unter der Konzertgesellschaft befände sich auch ein Mormone.
Die Mehrzahl der Strassen trägt einen stillen, friedlichen, ländlichen Charakter. Man begegnet nicht vielen Menschen. Ueberall Alleebäume und Obstgärten, lange Mauern und Zäune, überall murmelnde Bächlein, die geschäftig dem tiefergelegenen Jordanfluss zueilen. Salt Lake City erfreut sich eines sehr glücklichen Wasserreichthums, ohne welchen bei dem trockenen Klima keine Kultur möglich wäre. Der stets wolkenlose Himmel, die glühende Sonne, die Menge von Staub, die roth betroddelten Maulthiere vor den Streetcars erinnern an den Süden und an Mexiko. Von der Quintessenz des Mormonenthums, der Vielweiberei, ist auf den Strassen kaum eine Spur wahrzunehmen. Nicht etwa, dass da Ehemänner mit zehn Frauen und fünfzig Kindern spazieren gingen. Höchstens draussen auf dem Land sieht man zuweilen einen Bauern fahren, der zwei oder drei jüngere Weiber hinter sich sitzen hat.
Eines der merkwürdigsten Gebäude der Erde ist unzweifelhaft das Tabernakel, welches in Mitte eines eigenen Blocks liegt, umgeben von einer hohen Mauer. Ursprünglich war dieser Block bestimmt, Zentrum der Stadt zu werden. Es erging ihm aber wie dem Kapitol zu Washington. Die Stadt wuchs nicht gleichmässig ringsherum, sondern fast ausschliesslich nach Süden und Osten, und so sieht sich jetzt das Tabernakel etwas auf die Seite geschoben, wenngleich die Strassen von ihm aus gezählt werden. Das Quadrat des Tabernakelblocks und somit die ganze Stadt ist genau nach den vier Himmelsgegenden gerichtet. Die dasselbe begrenzenden Strassen heissen Ost Temple Strasse, Süd Temple Strasse, West Temple Strasse, Nord Temple Strasse. Auf diese folgen parallel und rechtwinklig Erste, zweite Ost Strasse, Erste, zweite, dritte Süd Strasse und so weiter.
Das Tabernakel selbst bedeckt ein reguläres Oval von 76 Meter Länge und 46 Meter Breite. Auf die dieses Oval bildenden verhältnissmässig niedrigen Seitenwände, welche eigentlich nur aus Flügelthüren und massiven Pfeilern bestehen, ist das kolossale und plump vorspringende Schindeldach gestülpt wie eine riesige Eischalenhälfte. Das Innere, ein einziger 24 Meter hoher Raum ohne Abtheilungen, gemahnt an einen Kunstreiterzirkus, weshalb die Gentile-Presse, welche das Mormonenthum aufs Heftigste bekämpft, den Spitznamen »The old Ladies Hippodrome« erfunden hat. Unter »the old Lady« ist Brigham Young, der grosse Prophet und Papst, gemeint. »Gentiles« heissen alle Nichtmormonen.
An dem einen Ende, wo bei uns der Altar sein würde, befindet sich eine Orgel mit gelben Pfeifen, die grösste der Vereinigten Staaten und ganz und gar von einem Mormonen gebaut, wie der uns begleitende Küster stolz betont. Davor erhoben sich staffelförmig die Sitzplätze für die Hirten der heiligen Heerde, zu oberst das gepolsterte Sopha des Präsidenten nach unten durch eine Brüstung getrennt, diesem zunächst die lange Bank der zwölf Apostel, dann jene der Bischöfe und eine Art Kanzel für den das Sakrament spendenden Priester, neben welcher vier grosse hölzerne Fässer heiligen Wassers stehen. Zu welchem Zweck dieser Artikel hier vorräthig gehalten wird, konnte ich aus dem misstrauischen Küster nicht herausbringen. Tambu!
Ein kleiner Springbrunnen, der sich in dem imponirenden Raum erbärmlich ausnimmt, mit vier schmächtigen, schlecht modellirten steinernen Löwen bezeichnet die Mitte. Von der gewölbten Decke hängen gewaltige Lüster aus Fichtenzweigen und Papierblumen und verkehrte Christbäume als geschmackvolle Zierden herab, an den Wänden eben solche Guirlanden und geschmacklose Aufschriften im Style des hier ewig wiederkehrenden »Holiness to the Lord«.
Das Tabernakel soll 12 000 Menschen fassen und durch die vielen Thüren in wenigen Minuten gefüllt und geleert werden können. Nur im Sommer wird dasselbe benützt, im Winter ist es hierzu zu kalt, und dann wird der Gottesdienst in den einzelnen Wards abgehalten.
Es traf sich glücklich, dass während meiner Anwesenheit in Salt Lake City gerade eine grössere Versammlung der Heiligen stattfand. Das ganze kolossale Haus war voll von Männern, Weibern und Kindern. An einem der Eingänge kauerten zwei Indianerinnen mit rothgemalten Gesichtern, zerlumpt und starrend von Schmutz. Auch sie gehörten zu den Mormonen.
Unter der Menge herrschte wenig Aufmerksamkeit auf die Worte jenes Apostels, der eben sprach. Ich sah kein einziges, scharfes, entschlossenes Gesicht vom Schlag des typischen Amerikaners, und die meisten Anwesenden hielten das Maul offen. Die Frauenzimmer waren hässlich, und die orthodoxe, fromme Scheulederhaube, die viele aufhatten, trug nichts dazu bei, sie zu verschönern. Kindergeschrei und der Lärm beständigen Kommens und Gehens trieb mich nach vorn, damit ich von den Reden etwas hören konnte.