Auch unter den Aposteln schienen die dummen Gesichter, denen gegenüber drei oder vier Gaunerphysiognomieen eine Art Intelligenz vertraten, zu prädominiren. Mehrere sprachen nacheinander, wobei wenig Geist und viel Gefasel zum Vorschein kam.
Der ewige Refrain war, dass die Mormonen besser seien als alle anderen Menschen. »Wo beginnt das Reich Gottes? Bei den Vätern und Müttern. Lasst die Väter reinen Herzens sein und lasst die Mütter reinen Herzens sein, und auch die Kinder und die ganze Familie werden reinen Herzens sein. Auch Abraham, Isak und Jakob waren reinen Herzens. Denn sie sind die Gründer des Reiches Gottes, und wir sind die Heiligen des letzten Tages, und weil wir die Heiligen des letzten Tages sind, sind wir reinen Herzens. Hier stehen wir vor dem Volk, hier stehen wir vor der ganzen Welt. Aber wir sind reinen Herzens und gehören zum Reiche Gottes«. Solches redete wörtlich in der grössten Gemüthsruhe ein alter Kerl mit einem abgefeimten Galgengesicht. Er sah gescheidter aus als seine Predigt. Für das stupide Gesindel vor ihm mochte sie allerdings gut genug sein, er hielt es offenbar nicht der Mühe werth sich anzustrengen.
Nach ihm stand ein Apostel von der nicht verschmitzten Sorte auf und sprach ungefähr ganz dasselbe, als ob er zeigen wollte, dass er gut aufgepasst habe. Vielleicht auch ist es wahr, was mir ein Gentile anvertraute, dass die Apostel insgesammt nur etwa ein Dutzend Reden im Vorrath haben, mit dem sie Jahr aus Jahr ein ihre geduldige Heerde erbauten. Alle diese Figuren von Krämern und Schlächtern, jedes idealen Zuges baar, die sich da als Gesalbte des Herrn geberdeten und von der Kanzel herab mit auswendig gelernten Phrasen herumwarfen, widerten mich aufs Intensivste an. Welches Mass menschlicher Dummheit setzte die Möglichkeit einer solchen Machtentfaltung solcher Apostel voraus.
Brigham Young sass in seinem Sopha so tief hinabgerutscht, dass nur der oberste Theil seines greisen Hauptes über der Brüstung sichtbar war. Er las eine Zeitung und kümmerte sich nicht um den Unsinn, den unter ihm die Anderen schwatzten.
Endlich richtete er sich etwas auf, als sein Sohn zu ihm trat und neben ihm Platz nahm. Die angelegentliche Konversation, die sich nun zwischen beiden entspann, gab mir Gelegenheit, den alten berühmten Propheten eingehender zu betrachten. Er trug eine dunkle Brille und sah bereits sehr gebrochen und altersschwach aus.[11] Sein unförmig dicker Hals schien kaum mehr die Kraft zu haben, den grossen kahlen Kopf, welchen ein amerikanischer Kehlbart halb umrahmte, zu tragen. Ich konnte nichts Imponirendes oder Ehrwürdiges an ihm entdecken. In seinem Blick lag etwas Giftiges, Boshaftes, und sein Gesammteindruck war mir der eines ganz ordinären, von Gewissensbissen geplagten Wucherers am Rande des Grabes, der niemals in seinem Leben edlerer Gedanken fähig gewesen.
[11]: Brigham Young ist mittlerweile 76 Jahre alt am 29. August 1877 gestorben.
Eine Pause entstand unter den Predigten. Keiner der Heiligen schien sich inspirirt zu fühlen. Da stupfte Brigham Young seinen Sohn an, worauf dieser das Wort ergriff, indem er sich ungeschlacht mit dem Ellbogen auf die Brüstung lümmelte. Auch Young junior hat bereits eine Glatze und mag hoch in den Vierzigen stehen. Er trug einen gewöhnlichen grauen Rock, und auch seine Züge waren gewöhnlich. Die kurze Rede jedoch, die er hielt, hatte allein unter allen, die ich gehört, etwas Feuer und Geist.
Als er zu Ende war, intonirte die Orgel eine Melodie, und ein Chor von Sängern und Sängerinnen hinter dem Prophetensopha sang mit guten und kräftigen Stimmen einen Choral, der mir sehr wohlklingend vorkam, nachdem ich schon lange nichts derartiges mehr gehört hatte. Hierauf ging die ganze Versammlung durch die gleichzeitig geöffneten Thüren nach sämmtlichen Himmelsrichtungen auseinander.
Das Mormonenthum ist wohl jene Konfession, die an Abgeschmacktheit, Verschrobenheit und Lüge alle anderen derartigen Erzeugnisse der so Bedeutendes leistenden anglo-amerikanischen Sektirerei übertrifft. Die Abgeschmacktheit beginnt schon mit der Persönlichkeit des Gründers Joseph Smith, aus dessen Kopf das ganze abstruse Zeug entsprang. Sein Bild ist in jedem Laden von Salt Lake City zu sehen. Man denke sich eine moderne Kellnerfigur mit glattrasirtem Gesicht und ängstlich glattfrisirten Haaren, mit hoher Halsbinde und langem Biedermeierfrack, die sich als Religionsstifter neben Moses, Christus, Mohamed stellt, die plötzlich mit ehernen von Gott mitgetheilten Gesetzestafeln auftritt, nächtliche Besuche von Engeln zu empfangen behauptet und ein neues Evangelium, »the Book of Mormon«, schreibt, in welchem die Sprache des alten Testamentes plump und ungeschickt nachgeahmt wird. Wer sich von der äussersten Widerlichkeit überzeugen will, bis zu der menschlicher Wahnwitz sich verirren kann, der lese einige Seiten aus dieser »Mormon Bible«.
Und das Machwerk einer solchen Karrikatur konnte nicht blos begeisterte Anhänger gewinnen, sondern auch Dinge vollbringen, die in der Kulturgeschichte eine achtenswerthe Rolle spielen. Tausende schaarten sich um den neuen Propheten, trotzten allen Anfeindungen und zogen tausende von Meilen durch die Wüste, um als neues Israel ein neues Jerusalem »Das Reich der Heiligen des jüngsten Tages« zu gründen.