Jetzt freilich ist es vorüber mit der Macht des Mormonenthums, und der grosse sechsthürmige Tempel, den Brigham Young zu bauen geplant hat, wird bis auf die bereits fertigen Mauern und das öde und verlassen gegen Himmel starrende Gerüst unvollendet bleiben. Die Pacific Eisenbahn hat dem Reich der Heiligen den Todesstoss gegeben. Immer mehr Gentiles kommen nach Salt Lake City, und immer mehr muss sich die auserwählte Heerde vor ihnen zurückziehen. Innere Zwistigkeiten nagen an ihrer Lebenskraft, die Apostel werden von der schnöden weltlichen Gerechtigkeit als gemeine Verbrecher, Räuber und Mörder entlarvt, die Proselyten fliessen immer spärlicher, und nur eine grössere Anzahl liederlicher Weiber, die ihren Männern entlaufen sind, namentlich aus Dänemark, Norwegen und Schweden, liefern noch jährlich einen stehenden Zuwachs. Die Gentile Presse leistet an Grobheit, Verachtung und Spott gegen die Mormonen amerikanisch Unübertreffliches. Man braucht nur eine einzige Nummer des »Salt Lake Daily Tribune« in die Hand zu nehmen, um sofort zu erkennen, dass das Mormonenthum jeden Schatten von Macht verloren hat.

An sonstigen Merkwürdigkeiten besitzt Salt Lake City ein Theater, ein Museum für Alles, eine kleine, aber fürchterliche Gemäldesammlung, das Schloss des Propheten, eine gothische Methodistenkirche und warme Quellen mit Badegelegenheit. Brigham Youngs und seiner vielen Weiber Behausung ist eben so geschmacklos wie die meisten Erzeugnisse seines Geistes. Eine dicke Mauer aus Bruchsteinen und Mörtel mit sehr vielen konischen Thürmchen aus demselben Material umgibt dieselbe, über dem Thor sitzt ein schadhafter hölzerner Adler, und unter ihm stiert wieder das so beliebte Auge Jehovas aus seinem dreieckigen Strahlenkranz. Das beste Gebäude der ganzen Stadt ist noch das Theater, wenngleich ein Kunstpedant an den allzu schlanken dorischen Säulen der Eingangshalle sich vielleicht stossen könnte. Auffallend häufig begegnet man hier skandinavischen Namen. Es fehlt indess auch nicht an Deutschen, Franzosen und Italienern, und auch der schlitzäugige »Yun Lee« oder »Sun Wau« ist mit seinem stereotypen »Washing and Ironing« schon bis hierher gedrungen.

Die Mormonen rühmten sich stolz, ein Mikrokosmus für sich zu sein, alle ihre Bedürfnisse selbst zu decken und keine fremden Produkte zu benöthigen. Spuren dieses Strebens sind überall noch bemerkbar, aber vorwiegend die üblen Einflüsse desselben. Mit Abgeschlossenheit und ängstlichem Fernhalten des belebenden Anstosses von Aussen hat es noch kein Gemeinwesen weit gebracht. Nur ein Stagniren der Talente und Kräfte ist die Folge eines solchen Systems.

Ich würde den Abstecher nach Salt Lake City vielleicht gar nicht gemacht haben, wenn mich nicht der Salzsee selbst mit seinen zwanzig Prozent Salzgehalt gereizt hätte, in ihm ein Bad zu nehmen. Früher konnte man aus vier Tonnen seines Wassers eine Tonne Salz durch Abdampfen gewinnen, jetzt sind hierzu fünf Tonnen nöthig. Der See wird dünner, sein Niveau steigt, möglicherweise in Folge eines stetigen Emporrückens des ganzen Landes, dessen höher werdende Berggipfel den Wolken immer mehr Feuchtigkeit abzuzwingen vermögen.

Eine breite gelbe Marschzone, durch die sich der Jordan mit seiner grünen Einfassung von Weiden und Pappeln schlängelt, trennt die Stadt und den See, und um in ihm zu baden, muss man mit der Western Utah Eisenbahn zwei Stunden nach Lake Point fahren, wo die Berge unmittelbar an sein Ufer treten.

Die Western Utah Eisenbahn war erst seit kurzer Zeit im Gang und hatte noch keine starke Frequenz. Sie reichte bis zu einer etwa doppelt so weit als Lake Point entfernten Bleimine »Ophir City« und brachte täglich einen Zug hin und zurück. Wir fuhren so langsam, dass man nebenher hätte laufen können, die Lokomotive hatte nur drei offene Wagen zu schleppen, die mit Minergestalten besetzt waren.

Es war ein herrlich schöner Tag, wolkenlos wie fast alle hier zu Lande im Sommer und Herbst. Die Luft zitterte glühend über den malerischen kahlen Bergketten ringsum, deren warme Farben von einem wunderbar zarten Duft übergossen erschienen. Gegen Norden die prachtvoll tief blaue Fläche des anmuthig gebuchteten und mit Inselbergen besetzten Salzsees – einige im Vordergrund weidende Pferde und Rinder ausgenommen, der dunkelste Ton in der ganzen strahlenden baumlosen Landschaft, das satteste Blau, welches ich je gesehen. Eine mir neue Art weisslicher Moskitos gesellte sich sehr unwillkommen uns bei.

Da wo zwischen den Bergen und dem See nur mehr ein schmaler Saum für die Bahn bleibt, liegt Lake Point. Weiterhin dehnt sich das Ufer wieder zu einer dürrgebrannten sanft ansteigenden Ebene, in deren Hintergrund eine kleine Ortschaft liegt, während in dem Mittelgrund einzelne niedrige Gehöfte zerstreut sind. Staubwolken steigen allenthalben auf, von langsam sich vorwärts bewegenden Pünktchen, welche Reiter oder Wagen vorstellen, erzeugt.

Lake Point besteht nur aus einem zweistöckigen Hotel, einem in den See hinausragenden Pier für ein zu Vergnügungsfahrten bestimmtes Dampfboot, sowie mehreren Badehütten, und ist ein reizend stiller, einsamer Winkel. Nur selten unterbricht das Zwitschern eines Vogels die herrschende Ruhe. Heuschrecken schwirren über die gelben Grasstoppeln hin. Unter diesen sah ich häufig eine Art, welche ich anfangs für Trauermantelfalter hielt. Ganz dieselben schwarzen, gelbgeränderten Flügel, ganz derselbe flatternde aber ausdauernde Flug wie jene Schmetterlinge.

Ich verfügte mich sofort in die dicke Salzlake des Sees und überzeugte mich von der bereits gelesenen Thatsache, dass man in ihr nicht untertauchen kann. Es war ein höchst sonderbares, fremdartiges Gefühl, so getragen zu werden. Gleichwohl würde ein des Schwimmens Unkundiger in dieser zwanzigprozentigen Flüssigkeit eben so sicher ertrinken wie in destillirtem Wasser. Das nachgiebige Medium sucht den Körper beständig horizontal zu legen, und bei der geringsten Bewegung dreht man sich um die eigene Achse, so dass das Gesicht und damit die Oeffnungen für die unentbehrliche Athemluft bald nach oben bald nach unten sehen, wenn man nicht durch zweckmässiges Benehmen dagegen anzukämpfen weiss. Ich fand es nicht schwer, durch sorgfältiges Biegen und Strecken des Körpers auch in aufrechter Stellung mit gekreuzten Armen das labile Gleichgewicht längere Zeit zu erhalten. Man steht dann im tiefen Wasser, nur bis zu den Brustwarzen eintauchend, wie eine lebende Senkwage. Weniger leicht und äusserst ermüdend fand ich das Vorwärtskommen. Ein Leander oder ein Kapitän Webb wäre im Grossen Salzsee von Utah kaum denkbar.