Man sieht die Dampfsäulen der Wakarewarewa-Geyser weithin in der ganzen Niederung von Ohinemutu, was mich verleitete, meinen Weg ohne Führer anzutreten und jenen Pfad einzuschlagen, der in der entsprechenden Richtung lief. Ich sollte dafür durch einen grossen Umweg und noch grössere Verlegenheiten bestraft werden. Ich wusste damals noch nicht wie trügerisch es in diesem Lande ist, aus der Richtung eines Pfades schliessen zu wollen, wohin er gehe, und zu glauben, dass ein Pfad überhaupt irgendwohin führen müsse.

Nichts störte in der ersten halben Stunde meine Zuversicht. Das nie endende Geschrei der badenden Jungen und das Hundegebell von Ohinemutu verstummte hinter mir, und die Oede und Stille der Farn- und Manukalandschaft wurde nur hie und da unterbrochen durch das zimperliche »Tiriririti – Türürürütü« eines einsamen neuseeländischen Ammers. Ein Falke sass stumm und regungslos auf einem Strunk und flog stumm und ohne Geräusch hinweg als ich näher kam.

Enger wurde der Weg, sumpfige Stellen hemmten die Schritte, links und rechts drängte sich das Gestrüpp immer dichter zusammen und riss immer unverschämter an den Kleidern. Auf einmal war es kein Weg mehr, was ich vor mir hatte, sondern eine fast undurchdringliche Farnwildniss, in der ich bis zum Kinn stak und nun nichts mehr von den leitenden Dampfsäulen sah.

Ich ging zurück zu einem Punkt, von dem aus ich wieder die Umgebung überblicken konnte, und entdeckte zu meiner angenehmen Ueberraschung nur vielleicht 300 Schritt jenseits einer Mulde einen Fahrweg, auf den ich sofort zuschritt. Aber die Mulde war tiefer als sie schien. Das Farngestrüpp hörte auf, und vereinzelte dürre Grasbüschel traten an seine Stelle, feine Dampfwölkchen entstiegen plötzlich der Böschung unmittelbar unter mir, und ein kleiner heisser Schlammsee mit eifrig spuckenden Schlammvulkanen bildete den Grund. Ich befand mich unerwartet auf gefährlichem Boden, der wieder eben so geröstet und unheimlich brüchig wurde wie bei den heissen Quellen von Tapuaeharuru. Da ich häufig von einem Grasbüschel zum anderen gesprungen war, hatten meine Schritte keine Fährte hinterlassen, und ich wusste nicht mehr, woher ich gekommen. Es galt also vorsichtig und mühsam aufs Gerathewohl sich weiterzuarbeiten.

Manukagebüsch, geröstete Erde und dampfende Löcher ohne Wasser wechselten mehrmals mit Farngestrüpp, so üppig und dicht, dass ich es erst mit Armen und Beinen niederpressen musste, ehe ich den Fuss vorwärtssetzen durfte, und zu hundert Schritten eine halbe Stunde brauchte. Dann ging es durch Gräben ab und auf, warme Bächlein waren zu überschreiten, wozu ich mir erst Faschinen schneiden musste, da ich sonst wahrscheinlich versunken wäre, dann kam auf einmal wieder eine kochende Schmutzpfütze mit höchst verdächtigen weichen Uferrändern, und schliesslich waren Schmutzpfützen und Schmutzseen rings um mich her und wurden so unübersehbar komplizirt, dass ich alle Orientirung verlor und fast verzweifelte jemals aus diesem brodelnden Labyrinth herauszufinden. Aber Alles ging gut, und ich erreichte dennoch mein vorläufiges Ziel, den Fahrweg und hatte nun ein interessantes Gebiet durchstreift, welches ich nicht oder gewiss nicht so genau kennen gelernt hätte, wenn ich auf dem gewöhnlichen Weg gegangen wäre.

Diese kochenden Schlammseen sind höchst eigenthümliche Phänomene. Die grössten von dem Durchmesser eines guten Steinwurfes, die kleinsten so breit, dass man zur Noth das Hinüberspringen wagen könnte, etwa drei Meter tief in die Farnebene hineingebettet, rundlich gebuchtet und theilweise mit einander zusammenhängend, bestehen sie grösstentheils aus einem weisslichen Brei ähnlich dem Chausseekoth kalkiger Gegenden. In jedem See und in jeder Pfütze wallt in der Mitte oder gleichzeitig an mehreren Punkten diese dicke Masse rastlos kochend und spuckend empor und pflanzt die dadurch erzeugte Bewegung in genau konzentrischen trägen und dicken Wellen um sich fort. Einige wenige solcher Tümpel fand ich gerade unthätig, und in ihnen hatte der Brei sich in die festeren auf dem Grunde abgesetzten Theile und in klares, warmes, dampfendes Wasser darüber gesondert, welches entweder im weichen Ufer voll dampfender Löcher versickerte oder in tiefer gelegene Tümpel abfloss. Alle Blätter und Aestchen, die am Ufer lagen, waren mit Inkrustationen überzogen.

Ich war nun wenigstens wieder auf sicherem Boden. Aber der Fahrweg führte weder nach der einen noch nach der anderen Seite dahin wohin ich wollte und schien sich um Wakarewarewa überhaupt gar nicht zu kümmern. Abermals irrte ich umher, bis ich einen Maoritrack fand, der die gewünschte Richtung hatte und mich nicht betrog. Nur der reissende und gleichfalls warme Wakarewarewafluss setzte ein Hinderniss weniger beunruhigender Art, welches ich überwand, indem ich die untere Hälfte meiner Bekleidung ablegte und ohne Unfall trocken hinüberbrachte, trotzdem die rasche Strömung sich alle Mühe gab, meine Beine von den schlüpfrigen Steinen wegzuziehen.

Es war nicht ganz leicht, auf der anderen Seite emporzuklettern. Ich warf mein Gepäck hinauf ins Gebüsch, und als ich selbst oben war, dankte ich inbrünstig meinem gnädigen Geschick. Denn beinahe hätte ich Hose, Regenschirm und Stiefel in einen tiefen kochenden Kessel geschleudert, der unmittelbar hinter dem hohen Ufer verborgen war und heimtückisch brodelte.

Endlich stand ich vor den Geysern und wurde für alle Mühe reichlich belohnt. Meine Erwartungen waren in Folge der Lektüre eines überschwenglichen Guidebooks sehr niedrig gespannt, aber die Grossartigkeit dessen was ich nun sah, hätte auch viel höhere übertroffen und kam beinahe den Schilderungen des Guidebooks gleich.

Mitten aus dunkelrothem zerrissenem Gestein und dunkelgrünem von den Dämpfen kochender Quellen bethautem Gebüsch erheben sich etwa 10 Meter hoch strahlend zwei weisse Kegel aus Kieselsinter, an der Basis mit dem zarten Gelb von blumigen Schwefelkrystallen geschmückt – ein herrliches Bild voll Farbenpracht und malerischer Wirkung. Man konnte sich für dieses glänzende feenhafte Gebilde keinen besseren Hintergrund denken als jene düsteren rothen und grünen Töne.