Niedrige Stufen, aus Kieselkrystallen[5] gewebt und mit einer dünnen spiegelnden Schicht abfliessenden Wassers bedeckt, führen nach oben zur Mündung der Geyser. Diese sind nicht immer thätig und kündigen eine bevorstehende Explosion vorher durch stärkeres Wallen und Donnern an, so dass man ohne Gefahr ganz nahe an ihren Rand vortreten kann. Der grössere hat einen unregelmässig geformten Schlund von 2 bis 6 Meter in den verschiedenen Durchmessern und das Niveau seines unergründlich dunkelblauen Wassers ist etwa ein Meter unter der Oberfläche.
[5]: Mineralogisch betrachtet ist der Kieselsinter nicht krystallinisch, sondern amorph; dem oberflächlichen Beschauer aber macht dieser in den Formen von Eisblumen und Reifbäumchen erstarrte Stoff den Eindruck von Krystallen.
Als ich zum ersten mal hier hinabsah, war gerade vollständige Ruhe eingetreten. Nach wenigen Sekunden begann es unten leise zu wogen, grosse Luftblasen gurgelten aus der Tiefe herauf und platzten, die ganze blaue Flüssigkeit kam in Wallung und stieg immer höher, der Boden zitterte und donnerte dumpf unter meinen Füssen. Ich trat zurück.
Vielleicht eine Minute mochte dieses unterirdische Rumoren dauern, einzelne Tropfen spritzten zuweilen über den Rand, und plötzlich hob sich eine donnernde und brausende Wassersäule 5 Meter hoch in die Luft, und mehrere dampfende Bäche plätscherten über den Kegel hinab. Dann wurde es ruhiger, es gurgelte schwächer und schwächer in dem Geyserschlund, und die Explosion war vorüber.
In dem zweiten Geyser schien gar keine Bewegung zu sein. Während ich so herumwanderte, kamen drei Weisse aus dem Gebüsch herbei und knüpften ein Gespräch mit mir an. Sie waren Badegäste und von Melbourne, die aus Sparsamkeitsrücksichten nicht in Ohinemutu, sondern in einem einsamen Maorigehöft hinter dem nächsten Hügel Logis genommen hatten. Sie schienen die Gewohnheiten der beiden Geyser eingehend studirt zu haben und sagten mir, dass der kleine zuweilen noch spiele, aber nur dann, wenn er von niemand beobachtet sei, wesshalb er den Namen »der schüchterne Geyser« (the bashful Geyser) erhalten. Der andere grössere würde heute, so hofften sie aus dem Wetter schliessen zu dürfen, mindestens noch 50 Fuss hoch springen. Ich war jedoch skeptisch genug, ihren Prophezeiungen nicht viel zu trauen, und machte mich auf den Heimweg statt mit ihnen hinzusitzen und auf die verheissenen 50 Fuss zu warten.
Eines Abends machte ich im Bade die Bekanntschaft dreier Photographen aus Auckland, welche die berühmten Sinterterrassen von Rotomahana aufzunehmen beabsichtigten. Da ich ebenfalls die Absicht hatte, nächstens dorthin zu fahren, schloss ich mich an sie an.
Am Tage vor unserer Abreise wurde uns durch Vermittlung mehrerer ansässiger Weissen vorgeschlagen, die gesammte tanzfähige Einwohnerschaft von Ohinemutu wolle uns zum Abschied einen »Haka« vortanzen, wenn wir jeder ein Pfund Sterling bezahlten, und wir gingen darauf ein. Im Versammlungsgebäude der Gemeinde sollte die Produktion vor sich gehen.
Es war eben dunkel geworden, als man uns einlud zu kommen. Einige Petroleumlampen erleuchteten spärlich den schwärzlichen Raum, welcher sehr düster aussah. Wir nahmen auf Bänken Platz. Hinter uns drängte sich ein zahlreiches Maoripublikum hin und her.
Das Balletkorps harrte bereits in Schlachtordnung aufgestellt unseres Erscheinens. Es bestand aus etwa 60 Mädchen, 20 Männern und 2 kleinen Jungen von 5 bis 6 Jahren. Die Männer nahmen den rechten, die Weiber den linken Flügel ein, ein alter Häuptling mit einem ganz blau tätowirten Gesicht, der schon manchen Akt des Kannibalismus auf dem Gewissen haben mochte, kommandirte. Er war derselbe, an dem ich jüngst beim Baden Gelegenheit gehabt hatte zu konstatiren, dass auch seine Basis mit einem stylvollen Maorischmuck versehen war. Zwei grosse blaue ammonitenartige Spiralen zierten ihm die Hinterbacken. Heute trug er ausser dem um die Lenden mit einem Ledergurt befestigten Schal am Oberkörper nichts als eine alte zerrissene europäische Weste. Vom Schlitz des Ohrläppchens hing eine Pfauenfeder herab. Die Tänzerinnen trugen Hühnerfedern in den struppigen Haaren, je zwei auf beiden Schläfen wie Fühlhörner emporgerichtet.
Bei allen Polynesiern, ja so ziemlich bei allen Naturvölkern wird beim Tanz auch gesungen, und die Namen für Tanz werden deshalb auch meist im Sinn von Gesang gebraucht. So war es auch mit diesem Haka. Eine Reihe von Strophen oder Figuren folgte einander. In den Pausen kauerte die in drei Gliedern aufgestellte Gesellschaft nieder, um auf Kommando zum Wiederbeginn einer Strophe mit einem gellenden ohrenzerreissenden Schrei aufzuspringen. Sie veränderten beim Tanzen kaum ihre Plätze, traten höchstens einen Schritt vor und zurück, machten einmal rechtsum, dann linksum und trippelten nun im Profil vorwärts und rückwärts. Taktmässiges und gleichzeitiges Hin- und Herwerfen der Arme, Händeklatschen und Hüftenschlagen wechselten erstaunlich präzis und exakt, und was das Hervorstechendste war – die Weiber, namentlich die älteren, bewegten ihre Bäuche im Takt auf und nieder mit einer Biegsamkeit, als ob sie hiefür ein eigenes Gelenk besässen. Wahrscheinlich geschah diese Bewegung in den besonders elastischen Kreuzwirbelbändern, sonst konnte ich sie mir anatomisch nicht erklären. Um ihre Virtuosität recht deutlich zu zeigen, trugen sie die Bäuche über den Röcken oben und unten durch farbige Bänder abgeschnürt, so dass sie wie runde Kugeln sich hervorwölbten.