Jedenfalls hatte ursprünglich auch der Haka wie alle polynesischen Tänze einen geschlechtlich lasziven Sinn. Bei dieser durch halb europäische Kleider modifizirten Darstellung war nichts derartiges mit jener vollen widerlichen Klarheit wahrzunehmen, welche ich später auf Hawaii beim Hulahula beobachten sollte.

Während der ganzen Zeit wurden die Augen in einer wahrhaft fürchterlichen Weise gerollt. Der Gesang liess keine Melodie in unserem Sinn erkennen und bestand nur aus zwei oder drei Noten, er verstieg sich zuweilen in heulende und bellende Töne und endete gewöhnlich in einem gellenden kurz und scharf ausgestossenen Ton, so dass man die plötzliche Stille danach eigenthümlich befremdend empfand. Bei einer Strophe kam eine Blechbüchse als Trommel in Anwendung.

Am besten waren die beiden kleinen Jungen. Sie waren mit einem Lendentuch bekleidet und ihre Köpfe mit einem rothen Stirnband, in welchem Federn staken, geschmückt. Mit gespreizten Beinen und gespreizten Armen, die Finger in krallenförmiger Haltung, gaukelten sie, die unmöglichsten Grimassen schneidend, die Zungen herausschlagend und die Augen verdrehend, so dass man nur mehr das Weisse sah, vor der Front nach links und nach rechts hin und her, geberdeten sich sehr gelungen wie kleine Teufel und erinnerten lebhaft an den so charakteristischen Typus jener Fratzengesichter, welche ein Hauptornament der Maoriskulptur bilden.

Im Anfang gingen die Tanzfiguren ziemlich gut von Statten. Der alte Häuptling hatte sichtlich seine Freude daran und jauchzte vor Vergnügen. Er mochte sich seiner schönen kannibalischen Jugend erinnern. Bald jedoch schien sich Ermüdung und Langweile in dem Balletkorps einzustellen und die Taktmässigkeit der Evolutionen erlahmte. Die Einen machten linksum wenn rechtsum kommandirt war, es gab dann Verwirrung, die Tanzenden fingen an, sich zu schimpfen. Auch der alte Häuptling gerieth ins Schimpfen, die Verwirrung stieg. Er schimpfte immer ärger, er riss seine Weste ab und raste nun nackt hin und her. Aber es half alles nichts mehr. Wüthend legte er das Kommando nieder und mischte sich unter die Zuschauer, um die Tänzer mit höhnischen Zurufen zu schmähen, als sie ohne ihn weiter zu arbeiten versuchten, und ein jüngerer Mann kommandirte. Sowie der alte Häuptling nicht mehr mitspielte, war es um die Vorstellung geschehen. Nichts gelang mehr, und der Tanz löste sich in einen allgemeinen Streit auf.

Der alte Geist des Haka war eben unter dem jüngeren Volk nicht mehr vorhanden, und wenn er jetzt noch hie und da produzirt wird, so geschieht es blos des Geldes wegen und vor Touristen, die nichts davon verstehen.

Nur bei den grossen Staatsversammlungen der Maoris oder auf den jährlichen Rundreisen des Ministers für Maoriangelegenheiten bei den verschiedenen Stämmen, wenn viele Männer vom alten Schlag zusammenkommen, mögen die alten Maoritänze noch ziemlich echt aufgeführt werden, und dann soll es auch nicht an den dazugehörigen Bestialitäten fehlen. Man hat mir hierüber die haarsträubendsten Dinge erzählt. Es wird aber so viel gelogen, dass ich nicht weiss, was ich für wahr halten darf. Positiv ist nur, dass in den Zeitungen damals viel Entrüstung über einige vornehme Damen zu lesen war, die bei einer derartigen Gelegenheit sich vorgedrängt hatten und sich schliesslich gezwungen sahen, in Ohnmacht zu fallen.

Die jüngere Generation von Ohinemutu zieht es vor, Walzer und andere europäische Tänze zu tanzen. Fast alle Abende fanden entweder in einer alten leerstehenden Hütte oder im Freien sehr lustige Bälle statt. Auch jetzt nach dem missglückten Haka wurde ein solches zeitgemässeres Vergnügen arrangirt, und zwar, da wir gerade den schönsten Mondschein hatten, gleich vor dem Versammlungsgebäude. Die Mädchen tanzten ausgezeichnet. Allerdings wirkten die Furcht, ihnen auf die blossen Füsse zu treten, und die Unebenheiten des Bodens etwas störend. Ein Soldat der Konstabulary Force machte mit einer Ziehharmonika die Musik dazu.

Als der Musikant müde war und den Ball durch Aufhören seines Spiels beendete, bat mich eine unserer Tänzerinnen, mit in ihre Hütte zu kommen. Sie hatte gehört, dass ich ein Arzt sei, und bewarb sich eifrig um meine Gunst, damit ich ihr einen bösen Husten, an dem sie litt, wegzaubern möchte.

Sie wohnte mit zwei Freundinnen zusammen in einer Weise, die allen Rücksichten der Hygiene spottete und wieder ein glänzendes Zeugniss ablegte von der bekannten eisernen Gesundheit der Prostituirten überhaupt und dieser braunen insbesondere. An eine bestimmte Essens- und Schlafzeit schien sich das interessante liederliche Kleeblatt nicht zu binden. Eine Stearinkerze, die in einer schmierigen Flasche steckte, wurde angezündet. Der Fussboden war die nackte feuchte Erde. Im Hintergrund der Hütte bildete eine Schicht Farnkraut mit einigen groben wollenen Decken und weiss überzogenen Kopfkissen das gemeinschaflliche Bett für die drei, auf welches wir uns niedersetzten da sonst kein Sitzplatz vorhanden war.

Meine Patientin holte aus einem Winkel etliche kalte gesottene Kartoffeln hervor und schälte mir eine davon. Kartoffeln sind fast die ausschliessliche Speise der Maoris. Aber diese niederträchtige Nahrung hat es noch nicht vermocht, die Schönheit der Rasse merklich zu schädigen. Die eine der Freundinnen ging wieder fort und sagte, sie wolle heute wo anders schlafen, die andere packte ein Stück leichten Stoffes aus einem grossen Papier und fing an, bei dem spärlichen Licht der Kerze zu nähen. Es war ungemüthlich kühl und feucht, man sah den Hauch vor dem Munde. Dabei hatten die Mädchen weiter nichts als ein Hemd und einen möglichst grell und bunt gefärbten Schal auf dem Leibe.