Mehr als diese zwei Kleidungsartikel trägt für gewöhnlich kein Maorifrauenzimmer in Ohinemutu. Bei besonders festlichen Gelegenheiten werden die Füsse vielleicht in ein Paar Stiefeletten und der Oberkörper in ein Mieder gezwängt. Stiefeletten und Mieder sind aber Luxusgegenstände, welche nicht jede besitzt. So frieren sie sich durch den Winter durch, bis der warme Sommer kommt. Wird ihnen die Kälte zu stark, so gehen sie hinaus und legen sich auf ein paar Stunden ins warme Wasser, was wir gemeinschaftlich thaten, nachdem meine Konsultation zu Ende war. Von einer ernsthaften Behandlung des ohnehin geringfügigen Uebels konnte hier natürlich keine Rede sein. Die Patientin erhielt mein letztes Wellingtoner Morphiumpulver.
Ich glaubte unter den Mädchen und Weibern von Ohinemutu zwei Typen unterscheiden zu können, einen mit ernsten ruhigen Zügen von zuweilen sehr edler Bildung, und einen mit unregelmässigen niggerhaften Gesichtern, denen nur eine gewisse hetärenhafte Heiterkeit einen Reiz untergeordneter Art verleihen konnte. Bei den Männern fand ich diese Unterschiede weniger ausgesprochen.
Obgleich auch bei den Maoris der so ziemlich allen Naturvölkern eigene Grundsatz gilt, dass die unverheiratheten Frauenzimmer bis zur Ehe berechtigt sind, frei über sich zu verfügen, ohne deshalb in Schande zu verfallen, eine Freiheit, aus der sich in Berührung mit dem Europäerthum gewöhnlich eine intensive Prostitution zum Zweck des Gelderwerbes gebildet hat, so fehlte es in Ohinemutu doch nicht an einer Art Sittenpolizei, welche die Häupter der Gemeinde ausübten, und mehr als einmal sah ich herumstreunende Mädchen ergriffen und nach Hause geschleppt werden.
Am nächsten Vormittag fuhr ich verabredeter Massen mit den drei Photographen nach Rotomahana, dem Gipfelpunkt der Sehenswürdigkeiten des Lake-Distriktes ab. Es ist herkömmlich, diese Partie über Wairoa, einem Dorf am Tarawerasee, zu machen, bis dorthin auf einer nicht aussergewöhnlich schlechten Strasse zu Wagen und dann über den See in einem Maorikanuu zu fahren.
Hätte ich vorher geahnt, welche Unannehmlichkeiten ich mittels meiner zehn Shillinge für einen Sitz auf dem Fuhrwerk nach Wairoa erkaufte, ich wäre ohne Zweifel zu Fuss gegangen, was mir höchstens eine halbe Stunde mehr gekostet, aber gewiss auch mehr Vergnügen und weniger Qual bereitet hätte. Meine Begleiter schleppten so viel Gepäck mit sich, dass wir in den unnatürlichsten Stellungen auf dem alten Karren, der fusshoch über Steine und Löcher hopste, herumbalanciren mussten, und die Pferde waren so jämmerlich schlecht und altersschwach, dass man es nicht ungerührt mit ansehen konnte, wie schwer ihnen eine raschere Gangart fiel, trotzdem der Kutscher alles Mögliche that, sie aufzumuntern, und schliesslich zu diesem Zweck sogar einen jungen Baum aus der Erde riss. Eine alte graue Stute lief einzeln in der Gabel, vor welche zwei andere Mähren gespannt waren. Diese zeigten noch etwas Empfindung und machten jedesmal drei oder vier Gallopsprünge, so oft das keulenförmige Wurzelende des jungen Baumes durch die Luft brauste. Die alte Stute in der Gabel aber blieb resignirt unter der Wucht der Keulenschläge, veränderte nicht eine Sekunde den sanften Rhythmus ihres unverwüstlichen Zotteltrabs und wischte höchstens einmal gleichgültig mit dem dünnen Schwänzchen über die Lenden, wenn gerade einer besonders heftig auf sie niedergerasselt war.
Das Wetter war kalt und fröstelnd, es begann zu regnen. Wir brauchten beide Hände um uns festzuhalten und konnten nicht daran denken, die Reisedecken um uns zu wickeln, sondern mussten das Unangenehme geduldig ertragen.
Zum Glück nimmt Alles ein Ende, also auch eine Reise nach Wairoa, welches wir freudig begrüssten, nachdem wir zuerst die Niederung von Ohinemutu, dann einige langweilige Farnhügel, dann einen prachtvollen Busch mit riesigen Totaras voller Schmarotzergewächse und eleganten Farnpalmen passirt hatten und zuletzt an zwei kleinen Seen entlang gefahren waren, von denen der erste Tikitapu heisst und 20 Meter höher als der zweite Namens Rotokakahi liegt. Der Spiegel des einen soll bei gutem Wetter herrlich blau sein, ich sah jedoch damals nur Grau.
Einige Partien wandernder Maoris, Männer, Weiber und Kinder zu Pferd und zu Fuss, begegneten uns und grüssten freundlich »Tenakoe« (da bist du). Ein junges Pärchen Hand in Hand eilte laufend vorbei, er einen Stock über der Schulter und sie ein farbiges Bündel herumschlenkernd. Nicht einen Augenblick unterbrachen sie ihr Rennen über den lehmigen Boden, durch Behendigkeit und Mangel an Grazie sehr an das Affenartige streifend, so lange man sie auf der schnurgerade durch den Busch geschnittenen Strasse verfolgen konnte.
Als wir in Wairoa ankamen und in unserem schmälichen Fuhrwerk am Hotel vorfuhren, gab es natürlich wieder den üblichen Zusammenlauf. Die Eingeborenen haben ausser der Bearbeitung einiger Kartoffelfelder nichts zu thun und leben hauptsächlich von den Fremden, welche die nahe Sehenswürdigkeit fast das ganze Jahr hindurch herbeizieht. Dieser Artikel mochte in der letzten Zeit wegen des schlechten Wetters etwas spärlich gewesen sein, wie aus der Aufregung, mit der man wetteiferte, uns Dienste zu offeriren, hervorzugehen schien.
Von verschiedenen Seiten kamen aus den zerstreuten Schilfhütten Männer mit kurzen Pageien auf den Schultern herbei. Ein Rudel Weiber und Kinder pflanzte sich dem Hotel gegenüber längs der Strasse auf, um dem Schauspiel unserer Verhandlungen mit den Kanuubesitzern als passive Theilnehmer beizuwohnen, und den Genuss zu erhöhen, kauerten einige nieder, zündeten ihre Stummel an und schickten kleine Jungen an uns ab, Pakehatabak zu erbetteln.