Die Hotelwirthschaft, drei bejahrte Frauenzimmer und ein stupid aussehender Kerl irischer Nation, welch letzterem übrigens nur selten zu sprechen erlaubt wurde, beschwor uns, doch heute nicht mehr in so vorgerückter Stunde und bei dem heftigen Winde die Fahrt über den Tarawera zu wagen, und ein Mann mit einem blauen Schäfermantel, einer Schirmmütze auf dem Haupt und dicken Holzsandalen an den Füssen eilte schleunigen Schrittes herbei, um sich als anerkannten Guide der Gegend und als Monsieur Procope vorzustellen, dem die Holzhütte gehörte, an welcher uns bereits beim Hereinfahren die Aufschrift »Maison de Paris« aufgefallen war. Kaum hatte er gehört, um was es sich handelte, als er auch gleich, in der Hoffnung engagirt zu werden, den Anschauungen der irischen Partei Opposition machte und, sehr erfreut, statt in dem ihm feindlichen Englisch in seiner Muttersprache konversiren zu können, uns wiederholt versicherte »Elles sont des Anes«. Seine Bemühungen trugen ihm nur etliche Zigarren ein, und wir fuhren ohne ihn nach Rotomahana.
Für die Wasserpartie Wairoa-Rotomahana ist ein Tarif in Geltung, nach welchem jeder Fahrgast zwei Kanuuleute für je fünf Shilling pro Tag zu nehmen verpflichtet ist. Wir hatten bald unsere acht Burschen beisammen und waren mit ihnen bezüglich unserer Personen handelseinig. Da jedoch die Photographen aussergewöhnlich viel Gepäck mitschleppten, weshalb noch eigens Bezahlung verlangt wurde, so führte dieser Punkt zu einer längeren unerquicklichen Zänkerei. Die Maoris versuchten Englisch und die Photographen Maori zu radebrechen, was zur Folge hatte, dass beide sich nicht verstanden. Auch der Franzose krähte zuweilen dazwischen, und die Irländerinnen schimpften dann kreischend auf den Franzosen, so dass die ganze Szene einschliesslich des neugierigen braunen Publikums amüsant sein konnte, hätte nicht die Kälte das Hinstehen und Zeitverlieren zu unangenehm gemacht.
Von Wairoa aus kann man den Tarawerasee noch nicht sehen. Er liegt etwa 30 Meter tiefer, und erst mehrere hundert Schritt weiter gegen Nord fällt das Land plötzlich zu ihm hinab. Bis dorthin folgte uns die ganze Bevölkerung nach sowie auch der Wagen mit dem Gepäck, um dann, voll von schreienden Kindern, zurückzukehren.
In einem Rinnsal kletterten wir den steilen Absturz hinunter. Dann gings durch ein sumpfiges Schilfdickicht und über einen Creek, auf dem zwei kleine Kanuus schwammen und die sehr unsichere schwankende Brücke zusammensetzten.
Diesen Creek werde ich niemals vergessen. Mit meinem Bündel in der einen Hand, dem Höllensteinkasten der Photographen in der anderen, zwischen den Zähnen meinen Regenschirm, betrat ich das diesseitige Kanuu, balancirte glücklich hindurch und war eben im Begriff in das jenseitige zu steigen, als hinter mir ein voreiliger Maori das labile Gleichgewicht störte, und ich lag sammt meiner Ladung rücklings auf dem kalten Grunde des Bächleins, und nur die Beine guckten noch aus dem Wasser, wie man mir später erzählte. Ich war nun vollständig durchnässt und sollte auf der ganzen Partie nicht mehr trocken werden.
Wir machten vergeblich ein Feuer an, um uns zu wärmen, bis die langweiligen Maoris ihre Zurüstungen beendet hatten. Ein hübsches braunes Mädchen, welches um Tabak bettelte und Mitleid mit meinem verunglückten Zustand zu haben schien, war mein einziger Trost.
Endlich, endlich stiessen wir ab, nachdem die Photographen sich noch eine Weile wegen ihres Gepäckes herumgezankt. Etliche schmale und lange, aus Baumstämmen gehöhlte Kanuus lagen im Sumpf des Ufers, und in das längste derselben packten wir uns und unsere Sachen. Es ist unbegreiflich, wie auf einem von englischen Touristen so stark befahrenen Gewässer noch solche schlechte und primitive Fahrzeuge benutzt werden dürfen.
Obgleich unsere Maoris bereits eine halbe Stunde lang ausgeschöpft hatten, war der Grund des Kanuus noch immer voll Wasser, als sie uns einzusteigen nöthigten. Wir setzten uns einer hinter den anderen, mit gespreizten Beinen in einander gefügt wie zu einer Bergwerksfahrt, auf den engen Boden, dessen Härte eine Streu Farnkraut mildern sollte, und dessen Wasserstand sehr fühlbar unsere Basis umspülte. Um mich, auch oberhalb dieses gemeinschaftlichen Pegels Feuchten, zu wärmen, bat ich mir einige Gepäckstücke zur Verschanzung aus. Einen Kartoffelsack auf dem Bauch, den Höllensteinkasten als Brustschild, die Camera obscura und das Dunkelzelt gegen den Rücken gestaut, so verwandelte ich langsam durch thierische Wärme die Nässe der Kleidung in einen verhältnissmässig behaglichen Dunst, resignirt und mir wohlbewusst unfehlbar zu ertrinken, falls das schwanke Kanuu umkippen sollte, wozu es einigemal Miene machte.
Je vier Maoris sassen vor und hinter uns und tauchten nach dem raschen Takte eines melodiösen Gesanges die kurzen Pageien ins Wasser. Ganz hinten ruderte der Kapitän und kommandirte mit heftigen und erregten Worten.
Wir schossen aus der Bucht in den See hinaus, die schön bewaldeten felsigen Ufer flogen zurück, ein scharfer Wind wehte uns entgegen, und höhere Wellen leckten links und rechts ins Kanuu. Die Gefährten übernahmen abwechselnd die Arbeit, mit einer alten Konservenbüchse auszuschöpfen. Ich selber, der ich am tiefsten sass, peilte mit meiner Haut den Stand der Flüssigkeit. Sobald sie die Schenkelbeuge zu überfluthen begann, befahl ich zwei Mann an das Pumpwerk.