Auckland machte mir auch beim Tageslicht einen sehr günstigen Eindruck und erschien mir fast grossstädtisch, obwohl es nur 21 000 Einwohner hat, welche Zahl allerdings noch von keiner anderen neuseeländischen Stadt erreicht ist.
Hier gab es nun wieder eine Strasse, Queenstreet, in der es sich lohnte Abends zu flaniren lediglich des Beguckens der Auslagen und der vielen Menschen halber. Queenstreet sieht halb amerikanisch halb englisch aus und ist zuweilen sehr belebt. Die Nebenstrassen sind dafür um so ruhiger. Was mir an Auckland namentlich imponirte lag wohl in der Steinkonstruktion der Häuser, deren ich entwöhnt war. Das Vorherrschen der dunklen Lava als Baustein giebt der gleich wie Rom über sieben Hügel sich breitenden Stadt einen ernsten, stellenweise düsteren Charakter.
Auf einem der Hügel, dessen nach Osten gerichteter Abhang mit dem Sammetteppich altenglischen Grases geschmückt ist und an seinem ebenen Fusse der Jugend von Auckland als Cricketgrund dient, steht das palastähnliche Hospital der Provinz, und hinter diesem erhebt sich, bedeckt mit einem prächtigen Park, ein anderer Hügel, dessen Spitze den botanischen und zoologischen Garten sowie den Garten der New Zealand Acclimatisation Society trägt.
Europäische Staare, Finken und Spatzen, Rehe, Fasanen und Rebhühner werden dort nach überstandener Seereise eine Zeit lang gepflegt und dann schubweise in Freiheit versetzt, auf dass sie sich selbständig vermehren und das ursprünglich thierarme Land mit ihrer Nachkommenschaft bevölkern mögen. Die Fasanen gedeihen im Norden Neuseelands bereits so gut, dass man in den Hotels täglich und bis zum Ueberdruss damit gefüttert wird.
Die Spatzen in ihren grossen Flugkäfigen waren eben eifrig beschäftigt, Material zum Nestbauen zusammenzutragen, wobei sie dieselbe wichtigkluge Miene machten, wie bei uns zu Hause. Sie hatten offenbar keine Ahnung, dass sie sich auf der südlichen Hemisphäre befanden, und dass jetzt im Juni der Winter begann. Die Thierchen müssen hier ganz aus ihrer Zeitrechnung kommen. In einem kleinen Gehölz von hohen Manukabäumen, einer Pflanze, die ich bisher nur in Strauchform gesehen hatte, zirpten und jauchzten Staare ihre Frühlingsgefühle in den lauwarmen Sonnenschein hinaus.
Die New Zealand Acclimatisation Society leistet alles Mögliche in der Einfuhr nützlicher Thiere. Die Bienenzucht soll an vielen Orten in bester Blüthe stehen. Sogar Hummeln werden von England aus zu Tausenden importirt, da der Klee zur Uebertragung des befruchtenden Pollen dieser Insekten bedarf. In vielen Flüssen tummeln sich bereits junge Lachse, welche aus Kalifornien stammen, von wo sie als Eier bezogen worden sind und noch immer bezogen werden. In den Verhandlungen dieser verdienstvollen Gesellschaft las ich einst eine sonderbare Debatte, bei welcher von einem Mitglied die Einfuhr schottischer statt kalifornischer Salmonen befürwortet wurde trotz der beträchtlicheren Kosten, »weil diese lebhafter seien und beim Angeln mehr Sport gewährten als jene«.
Natürlich fehlt es auch Auckland nicht an einem eleganten englischen Klub und an einem Athenäum oder Mechanics Institute. Eines Museums war die Stadt erst vor Kurzem theilhaftig geworden, und vor wenigen Tagen hatte die feierliche Eröffnung desselben stattgefunden. Die ganze Bevölkerung strömte hinein es zu besichtigen. Die ausgestellten Sammlungen waren eben so universeller Natur wie die des Wellingtoner Museums und grossentheils geschmackvoll arrangirt. Nur auf dem Gebiete der Kunst war das denkbar Schrecklichste geleistet worden. Ich habe nirgends, selbst in Amerika nicht, empörendere Versündigungen an der heiligen Antike und Klassizität gesehen, als dort in jener Ausstellung. Möchten doch die jungen Damen, die da die Sixtinische Madonna und die Venus von Milo gezeichnet hatten, niemals wieder einen Stift in die Hand nehmen.
Die Maoribevölkerung der Stadt Auckland ist vielleicht etwas stärker als jene von Wellington. Die Maoris unterscheiden sich hier von ihren südlichen Stammesgenossen nur dadurch, dass sie nicht so allgemein Hosen anhaben, sondern es vorziehen, die oberen Theile ihrer nackten Beine mit dem beliebten Schal zu umgürten, was der milderen Temperatur zuzuschreiben sein dürfte.
Auf der anderen Seite des Hafens, dem Waitemata Hotel gegenüber, zieht sich das »Northshore« entlang, eine Art Vorstadt, grösstentheils aus anmuthigen Villen bestehend. Dorthin fuhr ich in Gesellschaft zweier junger Franzosen, die ich bei Tisch kennen gelernt hatte. Der eine von ihnen war in Sedan Artillerieoffizier und Gefangener, und somit schon einmal mir ziemlich nahe gewesen. Jetzt führte uns der Zufall im Lande der Antipoden noch enger zusammen. Der Zweck des Ausfluges nach dem Northshore war hauptsächlich, frische Austern direkt vom Felsen weg zu speisen. Jeder bewaffnet mit einem tüchtigen Messer, einer Zitrone und einer Flasche kalifornischen Weines, richteten wir eine wahre Verheerung unter den schlüpfrigen Thieren an. Nur die zarteste Kindheit wurde geschont. Die Mahlzeit hätte komfortabler, gewiss aber nicht heiterer sein können. Ehe wir nach Hause zurückkehrten, bestiegen wir noch einen der vielen kleinen Vulkane, an denen hier nirgends Mangel ist, genossen die Aussicht und konstatirten, dass oben zwei alte Schiffskanonen lagen, der Verrottung preisgegeben.
Dieser Tag war der letzte mit schöner Witterung. Gleich am nächsten Morgen fing es wieder an zu regnen, und regnete fort, so lange ich noch in Neuseeland blieb. Es war die Regenzeit, der Winter von Auckland, die ihren Einzug gehalten hatte. Auckland hat in Bezug auf Temperatur ungefähr dasselbe Klima wie Sizilien oder Griechenland, ist aber viel reicher an Regen. In Invercargill, der südlichsten Stadt Neuseelands, soll man zuweilen Schlittschuhlaufen können.