So blieb mir denn nichts übrig als meine Ausflüge auf die nächste Umgebung und auf den unerlässlichen Besuch der Goldminen an der Themse einzuschränken. Die Themse fliesst von Südost her in die südöstliche sackartige Ausbuchtung des Hauraki-Golfs. An ihrer Mündung liegen rechts die beiden Goldstädtchen Grahamstown und Shortland mit zusammen 8000 Einwohnern.

Am 20. Juni reiste ich auf dem kleinen Dampfer »Durham« dorthin ab, durch die Güte unseres Konsuls mit Empfehlungsbriefen ausgestattet. Kalte strömende Regengüsse wurden nur selten von kurzen launischen Sonnenblicken unterbrochen. Die Fahrt, welche sechs lange Stunden dauerte, bot unter solchen Verhältnissen wenig Interessantes und noch weniger Genuss. Alles aussenbords war grau, als der Waitemata-Hafen hinter uns lag, an dessen Eingang mitten im Wasser auf hohem Balkengerüst ein rundes Haus steht mit einer Veranda ringsherum und einem Leuchtthurm über dem Dache, den Wächter mit seiner Familie beherbergend. Gewiss eine so gut ventilirte Wohnstätte, wie man sie nicht besser wünschen kann, und zugleich eine meer- und sturmumbrauste Idylle fern vom Gewühle des Landes. Kinder spielten auf der Veranda, ein Hund bellte unseren vorüberfahrenden Dampfer an, und die Gattin des Wächters klopfte Kleider aus. Unten am Gerüst hingen ein Boot und ein kürzlich erst gefangener Haifisch.

Die meisten Passagiere waren der Seekrankheit zum Opfer gefallen, als wir endlich Grahamstown, unser Ziel, in Sicht bekamen, und zugleich der Regen aufhörte und die Sonne durchbrach.

Am Fusse hoher Berge und dann auch weiter oben begannen einzelne Häuser aufzutreten und umzäunte Gärten, so steil ansteigend, dass ihre Begrenzungen wie die Vierecke eines an der Wand hängenden Planes erschienen. Fabrikartige schwarze Gebäude und hohe Schornsteine mischten sich unten am Ufer dazwischen. Immer kahler wurden die Bergwände hinter ihnen, zerkratzt und zerwühlt von gieriger Menschenhand und mit zahlreichen Löchern von unten bis oben, die ins dunkle Innere führen – die »Thames Goldfields« lagen vor mir, und der Dampfer stiess an die Landungsbrücke.

Von der in Goldplätzen herrschenden Verwilderung und Lasterhaftigkeit haben unsere Romanschreiber so haarsträubende Bilder entworfen, dass man sich gefasst machen möchte, in ihnen nur schrecklich verthierte Mördergestalten, die beständig nach Blut und nach Gold lechzen, durch düstere Gassen von Lasterhöhlen schleichen zu sehen. So schlimm sah es nun in Grahamstown nicht aus. Die Strassen machten ganz denselben soliden Eindruck wie die der anderen Städte Neuseelands, die ich passirt hatte, und trugen ein viel älteres und fertigeres Gepräge als der kurzen Zeit ihrer Existenz entsprach. Wenn man bedenkt, dass im Jahre 1867 als hier zuerst Gold entdeckt wurde, die See noch an jungfräuliche schroffe Felsenufer schlug oder unwegsame Sümpfe überfluthete, wo jetzt eine ganz ansehnliche Niederlassung mit ausgedehnten Maschinerien steht, muss man alle Achtung vor der schöpferischen Kraft des Goldes bekommen.

Es war gerade eine Periode der äussersten Geschäftsstockung. Die Minen gaben seit längerer Zeit kaum mehr Gold genug um ihre Bearbeitung zu lohnen, und die vielen müssigen Bummler vom Typus des pfiffigen Börsenjuden bis zu jenem des borstigen und struppigen Hinterwäldlers, welche gruppenweise an den Ecken der sonst öden und menschenleeren Strassen herumlungerten, aus kurzen Pfeifen rauchten, häufig spuckten und die Hände in den Hosentaschen verbargen, waren wahrscheinlich vazirende Goldspekulanten und Digger.

Ich logirte mich in demjenigen von den vielen Hotels ein, welches dem Pier zunächst lag. Dann ging ich aus, meine Empfehlungen an die Managers verschiedener Minengesellschaften abzugeben. Aber nur zwei konnte ich anbringen, die an die Caledonia- und die an die Kuranui-Mine. Die anderen hatten wegen Mangel an Geld ihre Buden zugeschlossen und die Arbeit für einige Zeit eingestellt.

Der Name »Thames Goldfields« ist geeignet ganz falsche Vorstellungen hervorzurufen. Es handelt sich durchaus nicht um eine in der Fläche ausgebreitete Oertlichkeit. Die »Thames Goldfields« sind sehr steile, durch schmale Querschluchten abgetheilte Bergmassen, in deren Inneres von allen Seiten und von unten bis oben Löcher getrieben sind, welche im Verein mit dem zerkratzten und zerwühlten Zustand der Bergwände, mit den vielen sich kreuzenden hochbeinigen Holzbrücken und mit den vielen Fabrikschornsteinen der ganzen Gegend einen sehr unruhigen Charakter geben.

Das Gold ist hier in dünnen Quarzadern enthalten, welche die aus einem weichen Mergelsandstein bestehenden Berge kreuz und quer durchziehen. Hat man eine derartige goldführende Quarzader gefunden, so verfolgt man sie bis sie aufhört. Als ich zum ersten mal das Material sah, welches aus den Bergen zu Tage gefördert und in grossen Haufen aufgeschüttet wird um in die Stampfwerke zu wandern, war ich sehr überrascht über seine Beschaffenheit. Die Quarzadern sind so dünn, dass sie als lauter kleine Bröckel in die anklebende schmierige Masse des Muttergesteins gebettet und von dieser eingehüllt, zu einem dicken thonartigen Brei zusammengebacken erscheinen. Die fachmännische Bezeichnung »Dirt« entspricht seinem Aussehen vollkommen.

Dieser Dirt wird nun durch eigene Oeffnungen in das Innere der Batterien geschaufelt und in die Stampftröge vertheilt, wo er unter beständigem Zufluss von Wasser so lange zerstossen wird, bis er als feiner Schlamm durch die nadelstichgrossen Löcher des Siebes, welches die eine Seite der Tröge bildet, entweichen kann. Dann fliesst er in kleinen schmutzigen Bächen über geneigte mit wollenen Decken bekleidete Ebenen von 15 bis 20 Schritt Länge in ein System geräumiger Bottiche. Schmale mit Quecksilber gefüllte Rinnen unterbrechen quer diese Ebenen, denn alles Gold wird in der Form von Amalgam gewonnen. Die schwereren Goldtheilchen sinken in die Rinnen und werden vom Quecksilber chemisch gefesselt, während die Quarztheilchen abfliessen. Sollte es einem Goldtheilchen gelingen sich durch die Rinnen zu schmuggeln, so ist es noch lange nicht vor der Affinität des Quecksilbers gerettet. Es verfällt nur etwas später den Umarmungen dieses nach der Paarung mit ihm lüsternen Elementes. Der ganze Schlamm wird nochmal und zwar viel gewaltsamer mit dem Quecksilber zusammengebracht. Man lässt ihn zuerst in den grossen Bottichen sich absetzen, in welche von Zeit zu Zeit auch die Wollendecken der geneigten Ebenen ausgewaschen werden. Das geklärte Wasser fliesst oben über, unten sammeln sich alle die suspendirten Stoffe, um schliesslich in die nach ihrem Erfinder so genannten Berdans gebracht zu werden. Unter diesen versteht man riesige eiserne Reibschalen, die mit Wasser gefüllt sind und auf deren Grunde abermals Quecksilber lauert. Drei grosse und schwere Kanonenkugeln werden darin herumgerührt und pressen auf diese Weise jegliches Theilchen in intimen Kontakt mit dem Quecksilber.