Fängt nun das Quecksilber, sowohl der Querrinnen oben als der Berdans, an krümelig zu werden, so ist dies ein Zeichen, dass es grösstentheils zu Amalgam geworden und nahezu mit Gold gesättigt ist. Das Quecksilber hat seine Pflicht gethan und kann gehen, oder vielmehr es wird schnöde zum Gehen gezwungen, indem man das Amalgam in eisernen Retorten erhitzt, bis das Quecksilber als Dampf in die untergestellten Wassergefässe entweicht und wieder in seinen alten goldlosen Zustand zurückkehrt, um von Neuem dem Gold nachzustellen und in die Dienste des Menschen zu pressen.

Das in der Retorte zurückbleibende rohe Gold kommt dann auf die Bank um durch einen feineren chemischen Prozess geläutert und von dem Silber, das sich fast stets in seiner Begleitung findet, geschieden zu werden.

Ich kletterte, von einem Bediensteten der Caledonia-Gesellschaft, der gerade die Runde zu machen hatte, geführt, einen halben Tag lang in den Stollen und Schächten der Minen herum, jeder eine Stearinkerze in der Hand. Diese sind nämlich hier das allgemein übliche, sonst nicht für bergmännisch geltende Beleuchtungsmittel. Jeder Arbeiter, den wir auf unseren dunklen Wanderungen einsam oder in kleinen Gesellschaften trafen, hatte eine Stearinkerze mittels eines Lehmknollens neben sich an den Felsen geklebt. Man pflegt hier zwei Stearinkerzen lang, das heisst sechs Stunden täglich zu arbeiten. Die Arbeiter wurden entweder im Taglohn mit 6 Shilling bezahlt oder hatten eine Ader gepachtet und arbeiteten auf eigenes Risiko. Es wurde gerade sehr wenig Gold gefunden, nur eben so viel als sich verlohnte überhaupt zu graben. Deshalb waren die Stollen auch alle offen, und die schweren Thüren mit grossen Schlössern an den Eingängen erinnerten nur mehr an die vergangene Blüthezeit der Goldgräberei, in welcher eine strenge Kontrole nöthig und nützlich war.

Aufwärts und abwärts, horizontal und in allen Graden der Neigung sind Schächte und Stollen durcheinander gewühlt. Nur an den allergefährlichsten Punkten sind Stützen angebracht, von all den Vorsichtsmassregeln unserer europäischen Bergwerke keine Rede. Beinahe wäre ich in einen Verbindungsschacht gefallen, der plötzlich mitten im Wege ohne Bedeckung sich aufthat. Mein Führer schien mir Respekt vor seinem Geschäft beibringen zu wollen und hetzte mich durch alle möglichen Schwierigkeiten – endlose morsche Leitern hinab, auf denen oft meterlang die Sprossen fehlten, und der Fuss vergeblich nach einer Stütze im ungewissen Abgrund unten herumtastete, während oben die zerbröckelnde Erde nachstürzte, durch enge Löcher, durch die man nur auf dem Bauche rutschend sich durchzwängen konnte, auf Schienenwegen entlang, auf denen jeden Augenblick schwerbeladene Wagen aus dem schwarzen Inneren allein und ohne Aufsicht gepoltert kamen und den Leib aufzuschlitzen drohten, falls man sich nicht platt genug an die Wand drückte.

Fast alles Holzwerk in den Gängen war halbverfault. Wasser triefte von der Decke herab, und ungemein zarte flockige Schimmelbildungen, zarter als die zarteste Baumwolle, schmückten die Ecken. An einigen Stellen überraschte mich ein anmuthiges Phänomen zoologischer Natur. Die Decke erschien übersät mit Hunderten kleiner grünlich phosphoreszirender Sterne – Glühwürmchen, die auf der Rückenseite der drei vorletzten Ringe einen verhältnissmässig grossen länglichen Leuchtapparat trugen. Sie sassen in kleinen schlauchförmigen Gespinnsten etwa viermal so lang wie sie selbst, welche horizontal an den Rauhigkeiten des Gesteins befestigt waren, und von welchen feine Fäden, mit zierlichen Thauperlen besetzt, herabhingen. Näherte man ihnen das Licht, so fingen sie in ihren Schläuchen zu marschiren an und retirirten nach geschützteren Winkeln. Hie und da fand ich in alten Gespinnsten kleine todte Käfer hängen, vielleicht die Imago jener Würmchen.

Den anderen Tag besuchte ich den 200 Meter tiefen Schacht der »United Pumping Association« – für den richtigen deutschen Studenten gewiss ein Name von ausgezeichnetem Wohlklang. Das grossartige Werk dient dazu, die im Umkreis liegenden Minen zu drainiren. Im Grunde des Schachtes als dem tiefsten Punkt sammelt sich das Wasser des Bodens und wird durch Pumpwerke zu Tage gefördert.

Vergebens suchten mich die Beamten von meinem Vorhaben abzubringen, indem sie mir die schlechte Qualität der Luft, die Hitze und den Ueberfluss an Wasser dort unten in den lebhaftesten Farben schilderten. Ihre Vorstellungen waren auch, wie ich erfahren sollte, nicht übertrieben.

Ich steckte mich in die von Lehm starrenden Kleider eines Arbeiters, betrat in Gesellschaft eines Aufsehers den Fahrkorb und liess mich in den dunklen Schlund hinabsenken. Wir fuhren so rasch, dass man das unangenehme Gefühl des Fallens empfand. Immer kleiner wurde das viereckige Licht über uns, immer wärmer die Luft und immer stärker der dichte und gewaltsame Regen, welcher von den mit Kalkinkrustationen überzogenen Wänden herabstürzte. Neben uns liefen die Röhren und die aus halbmeterdicken Kauribalken zusammengesetzten Pumpenstangen, und das Brausen von Wasserfällen ertönte, so oft wir eines der vielen Reservoirs passirten, durch welche das Wasser von einem zum anderen gegeben wird. Mein Führer zog mehrmals an der Leine und stoppte die Fahrt, um mir das Werk zu erklären. Noch ehe wir unten ankamen, waren wir innen und aussen in Schweiss und Regen gebadet. Die drückend schwüle Luft war mit Feuchtigkeit vollständig gesättigt, das Athmen wurde beschwerlich.

Wir hielten an unserem Ziele, der Schwebekorb stiess auf den Grund des Schachtes. Wir stiegen aus in den schmutzigen Sumpf, welcher knietief den Boden bedeckte. Die Beamten hatten Recht gehabt, hier unten war es fürchterlich. Ich hatte das Gefühl zu ersticken in der unerträglichen Hitze, nur die halbe Atmosphäre war Luft, die andere Hälfte Wasser, welches widerlich lauwarm von allen Seiten herabschoss.

Und hier unten in diesem qualvollen Aufenthalt mühten sich sechs Menschen um ihr tägliches Brot. Der Raum, den sie erweitern sollten, war so eng, dass wir beide kaum mehr Platz hatten. Bis zu den Knieen im Schlamme stehend und strömend von Wasser, heftig athmend und mit dunkelgerötheten Gesichtern verrichteten sie schweigend ihre Arbeit. Ein aus Holz gezimmerter Kanal führte kühlere Luft von den Ventilationsvorrichtungen herbei. Dort das Antlitz hineinzuhalten und einige Züge zu schöpfen war ihre einzige Erholung.