Das Panorama, welches sich zu Füssen des Berges entrollt, muss bei schönem klaren Wetter zu den schönsten der Erde gehören. Nordwärts der Haurakigolf mit den vielen Inseln und Halbinseln, über die der Rangitoto gebieterisch hervorragt, dessen merkwürdige scharfgeschnittene Gestalt mit den beiden symmetrisch links und rechts angefügten kleinen Vulkanen gerade aussieht wie ein idealer Durchschnitt der verschiedenen Kegel eines Vulkans in Hochstetters Buch über Neuseeland. Südwärts die Felsenkulissen des Manukauhafens. In der Mitte der Isthmus mit seinen zahlreichen grossen und kleinen isolirten und gruppirten vulkanischen Kegeln und düsteren Lavafeldern, zwischen denen zerstreute Saatäcker sich emporzudrängen begonnen haben. Die einzelnen Grundstücke sind mit Zyklopenmauern von Lavablöcken eingefasst, was der Landschaft etwas Festungsartiges verleiht. Unten an der Ostseite haben sich zahlreiche elegante Cottages mit wohlgepflegten Gärten angesiedelt, und da wo die Strasse nach Manukau sich hinzieht, sind mehrere Steinbrüche aufgeschlossen, aus denen dichter, schwerer Basalt gewonnen wird.
Reiseprojekte und die Bibliothek des Mechanics Institute waren fortan meine Hauptbeschäftigung. Ich studirte die zahlreichen Neuseeländischen Zeitungen und fand darin manches Neue und Interessante. Auch hier in diesem schönen Lande wird viel geschimpft. Schimpfen scheint ein natürliches Bedürfniss des Menschen zu sein.
Vorzugsweise waren es zwei Punkte, über die es fast nie an heftigen Artikeln fehlte, die Maoris und die Verfassung.
Wie sehr erstaunte ich zu vernehmen, dass es auf der Nordinsel Neuseelands noch immer einen Distrikt giebt, King Country genannt, in welchem etwa 10 000 Eingeborene unter einem eigenen selbstgewählten König leben und den Weissen jeglichen Zutritt verwehren. Nach dem neuesten Zensus vom Dezember 1875 besitzt die Kolonie, welche einen Flächenraum von 271 677 Quadratkilometer (= 104 900 englischen Quadratmeilen) also circa 41 000 Quadratkilometer mehr als Grossbritannien ohne Irland umfasst, eine Bevölkerung von 375 800 Weissen und 45 400 Maoris. Und mitten in dieser fast vierzigfachen Majorität von Weissen darf es ein Häuflein von 10 000 Eingeborenen wagen, dem britischen Banner zu trotzen! Ich fand die King Country auf keiner Karte angegeben. Ein Beamter der Behörde für Maoriangelegenheiten hatte die Güte, mir dieselbe in die meinige einzuzeichnen. Sie soll etwa 1 000 000 Acres (= 4050 Quadratkilometer) bedecken und liegt nordwestlich vom Tauposee. Gegen Westen ist ihre Grenze das Meer zwischen dem Aotea-Hafen und dem Mokau-Fluss. Von diesem letzteren geht sie beinahe parallel dem Breitengrad nach dem Tauposee, an dessen nordwestlicher Ausbuchtung entlang bis fast zum Waikato, hierauf parallel dem linken Ufer des Waikato bis zu seinem Mittellauf, von wo sie eine Strecke weit von ihm selbst gebildet wird, um etwa in gleicher Breite von Aotea wieder nach West abzubiegen. Auf der Poststrasse von Tapuaeharuru nach Ohinemutu war ich also nur wenige Kilometer von ihr entfernt gewesen.
Tawhiao heisst der König, der dort herrscht, Te Kuite ist sein Hauptdorf. Es sollen sich einige Europäer als Rathgeber bei ihm befinden, welche sich förmlich zu Maoris naturalisirt haben, sich wie Maoris kleiden und wie Maoris leben und deshalb Pakeha-Maoris genannt werden. Die während des zehnjährigen Krieges entstandene, aus Christenthum, Judenthum und Heidenthum zusammengemischte Maori-Staatsreligion oder »Hau Hau-Religion« (der Ausruf »Hau hau« spielte in den Gebeten und als Kriegsgeschrei eine hervorragende Rolle) ist von Tawhiao zur »Taraeo-Religion« modifizirt worden.
Diese King Country nun schien den oppositionellen Blättern ein arger Dorn im Auge zu sein, und nicht mit Unrecht, wenn folgender Passus, den ich aus einer Neuseeländischen Korrespondenz in der Sydney Mail vom 4. März 1876 wörtlich wiedergebe, und der die ganze Litanei von Klagen am bündigsten zusammenfasst, sich auf Wahrheit gründet, woran nicht zu zweifeln ist: »Die Eingeborenen kennen sehr wohl die Schwäche der Regierung ihnen gegenüber und geben sich keine Mühe, ihre Verachtung derselben zu verbergen. Jeder eingeborene Spitzbube und Verbrecher findet stets Zuflucht und Schutz in der King Country, und nichts desto weniger halten die Behörden es vereinbar mit der Ehre des britischen Namens, dem Tawhiao, unter dessen Zustimmung solches geschieht, eine halboffizielle Anerkennung zu gewähren.« Fast jede Nummer, die ich damals in die Hand nahm, enthielt lange Geschichten von Mördern und Räubern, welche sich den Gesetzen durch Uebersiedlung nach der King Country entzogen hatten.
Die Duldsamkeit der Kolonialregierung ist gewiss nicht glorreich, aber praktisch und ein Stück jener schlauen Politik, der England seine grossen Erfolge im Kolonisiren verdankt. Mit starrem Festhalten an hohlen Prinzipien und Schablonen würde man viel weniger weit gekommen sein. Wegen einer geringfügigen Sache eine Menge Geld und Soldaten zu opfern, die sie nicht werth ist, dazu sind die Engländer zu klug. Sie überlassen die Maoris der Zeit und dem Schnapse, welche beiden Faktoren sicherer und gründlicher mit ihnen aufräumen werden, als die Kriegskunst irgend einer Nation in den dichten Urwäldern Neuseelands jemals vermöchte.
Was nun die Verfassung der Kolonie anbelangt, so war damals eine starke Bewegung im Gange, die acht Provinzen mit den acht Provinzialregierungen abzuschaffen. Der Premierminister Sir Julius Vogel, ein deutscher Jude, stand an der Spitze derselben. Die Provinzen hatten eine ähnliche Selbstständigkeit wie die einzelnen Staaten der nordamerikanischen Republik, jede besass ihren Provincial Council von 20 bis 40 Mitgliedern, welche auf je vier Jahre gewählt wurden, und eine eigene Regierung mit dem entsprechenden Stab von Beamten. Sie alle zusammen waren dann vereinigt unter dem Gouverneur Marquis of Normanby, dem sieben Minister und ein zweikammeriges Parlament, dessen Oberhaus 45 vom Gouverneur auf Lebenszeit ernannte Mitglieder und dessen Unterhaus 78 Abgeordnete zählte, nebst einem neunten noch grösseren Stab von Beamten zur Seite standen. Entschieden liess sich nicht leugnen, dass Neuseeland, ein Land von noch nicht einer halben Million, auf diese Weise überregiert war. Für die Abolition waren namentlich die durch den Maorikrieg am meisten geschädigten und ärmeren Provinzen der Nordinsel Auckland, Taranaki, Wellington und Hawkes Bay, weil sie bei einer Verschmelzung der Lasten nur gewinnen konnten, gegen die Abolition agitirten jene der Südinsel Otago, Canterbury, Marlborough und Nelson, die ihre blühende Prosperität nicht mit den heruntergekommenen nördlichen Nachbaren theilen wollten. Es war ein Kampf des Kommunismus im Grossen, und es tauchten bereits Stimmen auf, dass man die ganze Kolonie lieber gleich in zwei theilen möchte.
Die Südinsel und besonders die Provinz Otago scheint eine grosse Zukunft zu haben. Dorthin zieht sich die überwiegende Menge der Einwanderer, dort sind Ackerbaudistrikte, in denen bereits soviel Getreide produzirt wird, dass exportirt werden kann. Wie viele bei uns wissen etwas von Dunedin, der Hauptstadt Otagos. Und doch ist Dunedin eine Stadt von bereits nahezu 19 000 Einwohnern, die in Bälde Auckland mit seinen 21 000 überflügelt haben wird. –
Meine Südseereiseprojekte schwanden immer mehr zusammen, je mehr ich von der Spärlichkeit und der Unsicherheit der Verbindungen kennen lernen musste. Wer nicht über eine eigene Yacht oder über eine unbeschränkte Anzahl von Monaten zu gebieten hat, möge darauf verzichten, in der Südsee abseits von den Dampferlinien zu reisen.