Nun kam der Kronprinz um die Ecke gefahren, und Omiya sollte die Hand an den Mützenschild führen und den russischen Zarensohn grüßen. Aber die Leute auf der Straße sahen plötzlich den russischen Prinzen im heftigsten Handgemenge mit Omiya; Omiyas kurzer Säbel blitzte und zerbrach dann wie ein Stück Glas und flog im Bogen in zwei Stücken über die Köpfe der Zuschauer in eine Seitenstraße.

Russische Uniformen und abendländische Fäuste sah man im Gewühl einen Augenblick danach um Omiya toben. Dann verbreitete sich die Nachricht von Mund zu Mund, von Haus zu Haus, von Ufer zu Ufer rund um den Biwasee, über ganz Japan, über Rußland und über Europa, – die Schreckensnachricht, daß der Kronprinz Nikolaus von einem japanischen Polizisten in Ozu am Biwasee angefallen und durch einen leichten Dolchstich am Arm verwundet worden sei. Man erklärte diesen seltsamen Fall damit, daß der japanische Polizist in plötzlichem Irrsinn und unter dem Einfluß der Tobsucht gehandelt habe.

Der Irrsinnige sei dann nach der Tat aus seinem Haftlokal ausgebrochen und habe sich in einem Kahn auf den Biwasee geflüchtet. Und da alle Nachforschungen vergeblich blieben, und da es ein heißer, glühender Tag war, sagten die Leute, die Brise von Amazu habe den Attentäter in den See gelockt.

Omiyas kleiner Sohn wurde an diesem Tage gerade fünfzehn Jahre alt. Das ist das Alter, in dem die japanischen Kinder ihren Kinderrufnamen ablegen und einen Namen für ihre Mannesjahre erhalten. Aber Omiyas Frau verschob wegen des schrecklichen Ereignisses an diesem Tage das Namensfest ihres Knaben, bis sie Kunde haben würde von dem Verbleib ihres irrsinnig gewordenen Mannes.

Einige Tage später, eines Mittags, als die Frau den Reis am Herd rührte, flog ein Kieselstein von der Straße her in den Reistopf.

Die Frau streckte den Kopf über die Altane des Hauses und sah einen in Lappen und Lumpen gewickelten Mann, der ein großes Bündel gemähtes Schilf auf dem Kopfe trug. Die Schilfhalme hingen so dicht vor seinem Gesicht und um seinen Kopf, bis auf die Schultern, daß Omiyas Frau nur ein riesiges Schilfbündel auf zwei Beinen wandelnd die Straße hinabgehen sah.

Sie schüttelte verwundert den Kopf. Die Seestraße war zur Mittagsstunde leer, und die Frau konnte nicht begreifen, wer den Stein durchs Fenster geschleudert hätte. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Sie fährt noch einmal mit dem Kopf über den Altanenrand und betrachtet nochmals den Gang der Männerbeine, die unter dem gelben Schilfbündel die staubweiße Straße entlangschleichen. Sie nickt und murmelt: «Das war Omiya.»

Den Stein, den sie schon vorher aus dem Reistopf herausgenommen hatte, wäscht sie jetzt rasch im Wasserbottich rein und betrachtet den Biwakiesel von allen Seiten. Sie erkennt darauf, als sie den Stein über dem Herdfeuer getrocknet hat, eingeritzte winzige Schriftzeichen und liest:

«Tue mit deinem Sohn, der nicht mein Sohn, sondern Amagatas Kind ist, dasselbe, was ich mit Amagata getan habe: töte ihn. Dann halte dich heute um Mitternacht bereit. Du mußt mit mir auswandern. Hätte ich den ausländischen Prinzen getötet und nicht bloß verwundet, so hätte ich Japan einen so großen Dienst getan, daß meine Vergangenheit reingewaschen wäre, reiner als dieser Kiesel des Biwasees. Das Attentat ist mir mißlungen, und ich bin der Mörder Amagatas geblieben und der Mörder der Schulkinder von Ozu. Ich bin aus Eifersucht um deinen Besitz mit Amagata vor Jahren auf der Seehöhe in Streit geraten, und er schlug seinen Kahn und ich meinen Kahn im Kampf um, und alle Schulkinder ertranken. Das hast du bis heute nicht gewußt. Du wußtest nur, daß ich dich zu deinem und meinem Verderben lieben muß. Ich habe dir vorgelogen, daß Amagatas letzter Wunsch war, daß du mich heiraten solltest, wenn er tot wäre. Er hatte mir zwar gesagt, daß er dich in Amazu besucht und verführt habe. Aber ich hatte doch nie geglaubt, daß ich den Anblick seines Kindes nicht vertragen könnte. Tötest du das Kind nicht, so werde ich es töten. – Gehorche jetzt und rotte Amagata vollständig aus unserm Leben aus, indem du sein Kind beseitigst. Der Kampf zwischen mir und Amagata brach aus, als er mir in den Booten auf dem See erzählte, daß er dich besitze, wann er wolle, und dich bald aus Amazu holen und zu seiner Frau machen werde. Nachdem wir uns im Wasser müde gekämpft hatten, er und ich, und ich sah, daß alle Kinder ertrunken waren und mich selbst beinahe die Kräfte verließen, veranlaßte ich ihn, mich vom Ertrinken zu retten, indem ich sagte, der Verlust der Schulkinder sei mir größer als dein Verlust, und indem ich eine Gleichgültigkeit heuchelte, die ich niemals fühlte, und dabei erklärte, daß ich auf dich verzichten wollte. Amagata, der kräftiger war als ich, nahm mich dann auf seinen Rücken und schwamm mit mir stundenlang viele Seemeilen, bis ans Ufer.

In Ozu verbreiteten wir das Märchen von der Brise von Amazu, das aber trotzdem kein Märchen ist, denn ich habe wirklich einen Augenblick mitten in der Mittaghitze die Erscheinung der Kirschbäume und der tanzenden Mädchen draußen zwischen Wasser und Himmel gehabt. Du kamst mir über das Wasser entgegen, und ich hielt dich glücklich in meinem Arm und verlebte in dieser Vision die unschuldig seligsten Augenblicke meines Lebens, bis plötzlich Amagata neben mir, eingeschlafen und traumredend, das Geheimnis deiner Verführung verriet. Ich versuchte ihn damals zu erwürgen, so wie ich ihn, trotzdem er mich gerettet hatte, noch in derselben Nacht in Ozu wegen der Liebe zu dir erwürgt habe.