Vor dir auf der Diele stehen offene Lackschachteln. In diesen sind gebackene Fische, Reis, Makronen, Wurzelgemüse und Geflügelstücke soeben heiß vor uns aufgetischt. Elfenbeinerne Eßstäbe liegen, wie lange Damenhutnadeln, daneben; und Hasenauge, welche dir Gesellschaft leisten soll, verpflichtet sich, dir eine ihrer Geschichten vom aufgehenden Mond zu erzählen, ehe das Essen kalt ist, ehe sich der Essensdampf verflüchtigt hat und ehe die große goldene Mondscheibe so hoch über den Seerand gestiegen ist, daß sie die Seelinie losläßt. Dabei sollst du dazwischen von den zwei Eßstäbchen, die sie ergreift, und aus der dünnen Porzellanschale, die sie mit Reis und anderen Speisen füllt, von Hasenauge selbst wie ein Kind immer mit ein paar Bissen gefüttert werden, und du bekommst aus einer Fingerhuttasse Tee und aus einer Fingerhuttasse Reisschnaps oder aus einem europäischen Glas japanisches Bier aus einer Flasche eingegossen, von bayerischen Brauern in Tokio gebraut. Vom Fenster kommt die Abendluft und der Fischgeruch des Sees herein, aber der parfümierte Puder von Hasenauges weißgetünchtem Gesicht ist stärker als der Seegeruch.

Hasenauge erzählt:

Der König hatte einst in Hakatate im Norden Japans einem Fischzug beigewohnt, bei dem man unter anderen großen Fischen auch ein Meerweib fing. Aber nicht eines jener guten Meerfräulein, die am Strand mit den Fröschen und Unken singen, sondern ein Tiefseeweib, das noch nie an der Wasseroberfläche gewesen war, das nie Land, nie Sonne, Mond und Wolken gesehen hatte.

Das gefangene Meerweib hatte einen mächtigen Goldfischschweif statt der Füße, ihr Haar war schwarz wie Schreibtusche und ihre Augen rot wie Kaninchenaugen. Es war dem König geweissagt worden, daß er drei Nächte ein Weib lieben müßte, das weder Sonne noch Mond gesehen hätte. Deshalb war er zum Fischzug mit seinen Leuten nach Hakatate ausgezogen, hatte besonders große Netze auswerfen lassen, um ein Meerweib der Tiefsee zu fangen. Der König wird sein Reich verlieren, wenn er ein solches Weib nicht drei Tage lieben will, lautete eine alte Prophezeiung.

Aber damit, daß man das Weib gefangen hatte, war nicht die größte Sorge vom König genommen. Jenes Weib, das ihn mit den roten Augen scheinbar blind ansah, das mit dem roten Schweif um sich schlug und ein paar Kähne des Königs zertrümmerte, jenes Weib, das nicht sprechen, nicht lachen und nicht seufzen konnte, drei Tage zu lieben, – dies war eine so heroische Aufgabe, daß sich alle, die um den König waren, entsetzten.

Nur der König war ruhig, stellte sich am Ufer vor die Weisen seines Landes hin und fragte:

«Wie weit reicht meine Macht?»

«Deine Macht, o Herr, reicht über Himmel, Erde und Wasser.»

«Über alles, was darinnen ist?» fragte der König.