Da ging über der Königin Gesicht ein zuckender Schreck; sie sah an sich herab und wußte nicht, wer sie verwandelt hätte, und sie erkannte sich als Menschenweib und schauderte über ihre Verwandlung.

Der König wurde über die Rede des Weisen vor Zorn rot wie die Mondscheibe.

Da warf sich rasch ein dritter Weiser vor ihm nieder, ihn und die verwirrte Königin zu beschwichtigen:

«Nein, hoher Herr, hohe Herrin, das ist nicht der Mond, den Ihr dort aufgehen seht. Das ist des Königs Herz, das nicht in des Königs Brust, sondern in des Königs Reich wohnt, des Königs Nachtherz, das abends rot aus dem Meere steigt, und das nur Euch gehört, o Königin. Aber der König hat auch ein Tagherz. Das werdet Ihr morgen früh sehen, o Königin. Das gehört uns, uns Weisen, denn es ist hell wie die Weisheit selbst und teilt Klarheit aus und nennt sich die Sonne.»

Als dieser Weise so gesprochen hatte, daß ihn keiner mehr überbieten konnte, zog er sich selbstzufrieden mit den andern in die Bootstiefe zurück. Dort saßen sie in langer Reihe, jeder mit dem Kopf auf der Schulter des andern und schliefen ein.

Der König aber legte seine Brust an die Brust der Königin, und während das Schiff mit gespannten Segeln durch die Nacht strich, nach Süden, umarmte der König die Königin wie ein brünstiger Adler.

Das Meer aber zischte und raschelte, als wären die Wellen bis an den Weltrand des Königs Flügel, und als schlügen sie laut an den Himmel, während der König die Königin umschlungen hielt.

Gegen Morgen wurde das Meer still. Der König schlummerte ein, und seine Arme ließen im Schlaf die Königin los. Diese richtete sich auf, als eben der Mond gelblich-grau vom Himmelsbogen herabstieg und im Meer verschwinden wollte.

Da des Königs Augen geschlossen waren und er schlief, erkannte ihn die Königin nicht mehr, denn sie hatte nie einen schlafenden Menschen gesehen. Weil auch die Weisen unten im Schiff sich nicht rührten und die Bootswachen lautlos unter dem Mast kauerten, glaubte sich die Königin ganz allein und verlassen. Und sie sprach zum Monde, der schon zur Hälfte im Meer versunken war, und den sie für des Königs Herz hielt:

«O, Nachtherz, das mir gehört, ich will nicht des Königs zweites Herz erwarten, das den andern gehört. Ich will bei dir bleiben und mit dir gehen, wohin du gehst.»