Die Königin stand auf, trat an den Bootrand und ließ sich ins Meer fallen und verschwand in der Flut. Als der König die Königin am Morgen nicht fand, versuchten ihn die Weisen mit ihrer Weisheit zu trösten und sagten:

«Die Prophezeiung lautete, o König, du solltest ein Meerweib drei Tage und drei Nächte lieben, aber nicht eine vierte Nacht dazu.»

Doch der König war erschüttert von Trauer und wild und aufgebracht von Verzweiflung über die Torheit der Weisen, die ihn nicht einen König hatten sein lassen, sondern ihn zu einem Gott hatten machen wollen. Denn ihm war klar: es hatte der Königin vor dem Tageslicht gegraut, das sie einsam machen sollte, weil die Weisen gesagt hatten, das Tagesherz des Königs gehöre nur der Weisheit und nicht der Liebe.

Eine furchtbare Wut überfiel den verlassenen Mann. Er riß mit einer Faust die Segel von den Tauen und wollte mit der andern Faust den Mastbaum ausreißen, um alle Weisen damit zu erschlagen.

Diese aber, erschrocken, heuchelten Demut und riefen:

«O Herr, die Königin wird wiederkommen, wenn Ihr es befehlt, sobald der Mond heute abend aufsteigt. Ehe Ihr uns jetzt ungerecht umbringt, wartet wenigstens mit Eurem Urteil über uns bis zum Abend. Kommt die Königin nicht mit dem aufgehenden Mond, so könnt Ihr uns immer noch töten.»

Mit solchen Worten schläferten sie des Königs Wut ein, denn sein Schmerz war größer als sein Zorn. Und als er hörte, daß die Königin vielleicht am Abend wiederkommen könnte, glaubte er daran, wie jeder Liebende gern an Wunder glaubt. Und er hoffte, die Königin würde vielleicht als Fischweib am Abend wiederkommen und sich von ihm wieder in ein Menschenweib verwandeln lassen, wenn der Mond aufginge.

In der Mittaghitze, als die Sonne aus dem Meer und aus dem Himmel zugleich brannte und der König auf einem Haufen Segeltuch am Bootrand einschlief, schlichen sich die schlauen Weisen seines Landes an den Schlafenden heran und stießen den Haufen Segeltuch samt dem schlafenden König ins Meer. Denn alle hatten beratschlagt, daß sie den wütenden König noch vor Abend töten müßten, um nicht selbst getötet zu werden.

Als die Sonne den König nicht mehr auf dem Deck sah, stieg sie früher als sonst von der Mastspitze herunter, und verwundert sahen die Weisen, daß der Tag schneller zu Ende war als je. In dieser Nacht warteten sie vergeblich auf den Mond. Es war kein Mondaufgang, und es schien eine endlose Nacht angebrochen zu sein; denn die Sonne ging auch nicht mehr auf zu der Zeit, da sie erwartet wurde.

Danach verwirrte sich die Weisheit in allen ihren Hirnen; die Weisen des Landes hatten die Liebe im Reich umgebracht, und mit der Liebe blieben Sonne und Mond aus dem Reich verschwunden. Denn die Liebe ist allmächtiger als die Weisheit. Alle, die im Boot waren, wurden wahnsinnig und stürzten sich ins Meer, dem toten König nach. –