«Sag mal, wie kommt das, daß Fräulein Hasenauge dreitausend Geschichten allein vom Mondaufgang über Ishiyama erzählen kann? Kommt es daher, daß du nirgends so schön wie am Biwasee aufgehst? Ich glaube, du bist Fräulein Hasenauges Geliebter.»
Da rascheln alle Eschenbäume im Mond, und sie fragen dich:
«Hat dir Fräulein Hasenauge heute ihre dreitausend Geschichten erzählt?»
«Ja, ungefähr dreitausend», antwortest du, ohne dich zu besinnen.
Und am nächsten Abend geht der Mond über dem Biwasee bei Ishiyama noch geschichtenreicher auf als sonst. –
«Liebe und der aufgehende Mond machen das Haar wachsen. Darüber will ich dir gleich eine Geschichte erzählen», sagte Hasenauge zu mir und reichte mir ein Schälchen frischen Tee und einen großen Brocken Pfefferminzzucker dazu und drückte mir eine kleine Prise frischen Tabak in die kleine silberne Tabakpfeife. –
Als einer der schönsten Tempel in Kioto gebaut werden sollte, erwiesen sich alle Stricke, die den bronzenen Dachfirst auf die Gerüste hinaufwinden sollten, als zu schwach. Darum entschlossen sich alle die Tausende von Frauen in Kioto, dem Tempel ein Opfer zu bringen und ihr Haar dicht am Kopf abschneiden zu lassen, damit daraus Stricke für den Tempelbau gedreht würden. Es wurde auch wirklich ein dreihundert Meter langer Haarstrick aus den geopferten Haaren gedreht, und dieser schwarze Strick, der die Dicke eines Männerarms hat, wird noch heute in einer Lacktonne im Tempel von Kioto aufbewahrt.
Die Frau eines japanischen Adligen, die auch ihr Haar zum Tempelopfer abgeschnitten hatte, und die in jener Zeit schwanger war und nahe vor der Stunde des Gebärens stand, erschrak so sehr, als sie sich im Handspiegel sah und ihr Kopf ihr kahlrasiert entgegenglänzte, daß sie sich der Tränen nicht erwehren konnte.
Die Tempelgötter nahmen die Schwachheit dieser Frau übel und straften sie an dem Kinde, das sie gebar. Sie schenkten ihr ein kleines Mädchen, aber diesem wuchs nicht ein einziges Haar auf dem Kopf; und wie eine Elfenbeinkugel so glatt, weiß und haarlos blieb die Schädelschale des Kindes.
Die Frauen von Kioto, denen allen daran gelegen war, daß ihr Haar bald wieder wüchse, und die wußten, daß der zunehmende Vollmond den Haarwuchs beschleunigt, taten sich zu Vollmondprozessionen zusammen und wallfahrteten in langen Zügen im Mondschein zu den verschiedenen Kiototempeln.