Jene adelige Dame nahm zu jenen Nachtprozessionen ihr kleines Mädchen mit, in der Hoffnung, der Mond würde dem Kind Haare wachsen lassen. Aber die Prozessionen nützten nichts, und die Mutter war gezwungen, dem Kind Perücken machen zu lassen. Das Mädchen wurde damals von allen Leuten in Kioto «Mondköpfchen» genannt, weil es so kahl war wie der Vollmond.
Als Mondköpfchen verheiratet wurde, wußte der junge Mann, der sie zur Frau nahm, daß er eine kahlköpfige Frau heiratete. Aber es lag ihm nichts daran, denn er hatte Mondköpfchen immer in schöner gutsitzender Perücke gesehen. Und er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wie eine kahlköpfige Frau ohne Perücke aussehen kann.
Die Hochzeitsnacht verlief, wie die meisten Hochzeitsnächte, für die beiden Neuvermählten mit geschlossenen Augen, und das Liebesglück ward nicht gestört.
Aber schon in der zweiten Nacht verschob der junge Ehemann erst zufällig, dann scherzend Mondköpfchens schwarze Perücke. Er spaßte und schob sie ihr bald auf das linke Ohr, bald auf das rechte, bald auf die Nase, bald auf den Nacken zurück, und er kollerte sich neben seiner jungen Frau vor Lachen. Immer, wenn die Frau ernst und liebend ihre Arme ausbreitete, juckte den Mann ein Kobold an den Fingern, so daß er der Perücke erst jedesmal einen kleinen Puff gab, ehe er seine Frau in die Arme schloß.
Dieses geschah in der zweiten Nacht. Aber in der dritten war es überhaupt nicht mehr zum Aushalten. Der junge Mann setzte sich selbst die Perücke auf, so daß die Frau böse wurde, nicht mehr im Zimmer bleiben wollte und sich auf den Altan setzte. Es war dunkel draußen, und er lief ihr mit einem Licht nach. Als er sie perückenlos mit helleuchtendem Schädel am Altanrand sitzen sah, prustete er vor Lachen, kollerte ins Zimmer zurück und rief:
«Ich habe den Vollmond geheiratet.»
Bisher hatte Mondköpfchen ihren Namen immer harmlos hingenommen und sich nie darüber erschreckt. Aber nun brach sie in Weinen aus.
Am dritten Tage nach der Hochzeit ist es in Japan Sitte, daß die Frau ihre Eltern besucht. Mondköpfchen ließ sich am nächsten Morgen in einer Sänfte in ihr Vaterhaus tragen, weinte sich bei ihrem Vater und ihrer Mutter aus und wollte nicht mehr zu dem Mann zurückkehren, der mit ihrer Perücke spielte und statt der Liebe Gelächter über sie ausschüttete.
Aber Vater und Mutter überredeten Mondköpfchen, wieder zu ihrem Mann zurückzukehren, und versprachen, alles daran zu setzen, ein Mittel ausfindig zu machen, damit ihre Haare wüchsen. Sie sollte sich nur noch eine kurze Wartezeit auferlegen.
Mondköpfchens Eltern hatten diesen Rat nur aus Verzweiflung gegeben und mußten jetzt selbst weinen, als ihr Kind zu seinem Mann zurückgekehrt war; sie waren ratlos.