Solche Einfalt, welche gläubig ist und nichts für unmöglich hält, konnte dem Menschenherzen nur in diesem einsamen Steinwinkel zufliegen.
Zwei von den Fensterchen des Zimmers, die gegen die Meergasse hin lagen, waren trüb, und noch vom letzten Sturm, der am Tag vorher gewütet hatte, mit Salzkristallen beklebt. Im Herbst, wenn die Stürme immer tobten, wurden oft alle Fenster des Hauses blind von der Salzkruste, die die Wellen an die Scheiben klebten.
Ich konnte auch bald verstehen, warum jener Frau Gesicht fast unbeweglich blieb, wenn sie von den ertrunkenen Söhnen sprach, und weshalb kein Schmerz darin zuckte. Sie sah nämlich oft ihre Söhne in der Einsamkeit deutlich in dem kleinen Boot wiederkommen und wieder fortgehen. Die Mützen der toten jungen Leute hingen noch bei der Tür am Nagel, und die Frau bürstete sie täglich ab. Auch die Bücher, in denen die Söhne gelernt hatten, standen säuberlich abgestaubt auf einem Wandbrett.
In den ersten Tagen nach dem Unglück hatte die Mutter wohl manchmal geweint, aber dann waren die toten Söhne wiedergekommen. Sie hörte sie oft abends die Leiter zur Bodenkammer hinaufklettern und hörte morgens zur Stunde, da sie bei Lebzeiten das Boot gerüstet hatten, ihre Zurufe.
Und die Frau ging oft in Gedanken hinaus an die Anfahrtsrampe und sprach ein paar Worte ins Leere. Aber daß niemand da war und daß beide Jungens ertrunken waren, wenn ihr das einfiel, das störte sie gar nicht. Der Todesfall der Söhne war ihr nur wie eine kurze Krankheit gewesen.
Vom Tod waren für die Mutter beide Söhne längst wieder genesen. Sie kamen auch oft herein und sagten der Mutter, daß es Zeit sei, die Ziege zu melken, und sie erinnerten sie auch an verschiedene Sachen, die ihr nützlich waren. „Es sind gute Söhne,“ meinte sie und nickte mir zu. —
Diese ihre innersten Gedanken aber erzählte uns die Frau nicht. Die hörten wir erst am Abend, als wir nach Fjellbacka zurückkamen, von Leuten, denen es der Mann jener Frau erzählt hatte.
Da ich meine Verwunderung darüber aussprach, daß die Frau die Mützen der ertrunkenen Söhne immer am Türnagel hängen haben wollte, und weil ich damals als junger Mensch glaubte, sie müsse dadurch täglich von neuem an Verlust und Tod erinnert werden, erklärte man mir in Fjellbacka, daß die Frau immer ihre ertrunkenen Söhne kommen und gehen sehe und ihre Toten mehr lebendig als tot fühle.
Die Stille machte die Menschen auf den Inseln hellsehend. Denn alle, die auf den todstillen Inseln wohnen, sie sind so nahe Nachbarn des Todes, daß sie seine Geschöpfe kaum noch von den Geschöpfen des Lebens zu trennen vermögen. —