Und als wir am Abend zur Stunde, da der Landwind sich legte und kein Lufthauch die Segel antrieb — so daß wir die Leinwand vom Mast abnehmen und abwechselnd rudern mußten —, als wir da in den spiegelglatten Gassen, wo nur unsere Ruder im Takt Wasser schaufelten, an jener Stelle vorbeikamen, wo an einem Sonntagnachmittag die beiden jungen siebzehn- und achtzehnjährigen Burschen ertrunken waren, da wurden um uns die Sonne und der Wind und die Wasserströmung tot.

Da zeigte sich kein Vogel, da waren auch die farbigen Lichter, die wie buntes Glas am Morgen im Wasser geleuchtet hatten, verschwunden. Da waren die tiefen Gassen wie große Grüfte. Da war unser Boot, das ohne Segel mühsam vorwärts kam, wie ein schwerer Holzsarg. Und es fiel von den Felswänden eine eisige Kälte über uns.

Der Schwede und ich ruderten und schaufelten, aber das Boot schien nicht vorwärts zu rücken.

Kein Fisch war im Wasser zu sehen, und die Gassen schienen enger geworden zu sein und schienen uns irre zu führen in ihrem Labyrinth, denn die Stunden vergingen, und wir kamen nicht fort. Die Stunden waren nicht mehr wie am Vormittag unergründliche vorüberkreiselnde Jahrtausende. Es waren schwere unvergängliche Stunden geworden.

„Um diese Stunde mögen sie hier untergegangen sein,“ sagte der Schwede, und er meinte die Söhne der Fischerfrau.

Da hörte ich die Mutter hinter mir im Boot sagen: „Ja.“ Aber ich sah mich nicht um. Die Frau dachte wahrscheinlich daheim gar nicht daran, uns in Gedanken zu folgen. Sie bereitete zu Hause jetzt wohl das Abendbrot und melkte wieder die Ziege. Aber hier an der Stelle, wo ihre Söhne sich am umgekippten Boot angeklammert hatten, hier war das innerste weltferne Leben jener Mutter immer, und das war zu uns ins Boot gekommen.

Und so konnte auch ihre Stimme in meinem Ohr „Ja“ sagen. Hier um diese Stunde mußte die Mutter, so lange sie in ihrem Häuschen lebte, viele Male des Tages unbewußt mit ihrem innersten Leben um die Wasserstelle kreisen, und dann zog sie die Söhne beide mit Mutterkräften von dem untergehenden Boot fort und schritt mit ihnen über das Wasser heim. Und die Söhne folgten ihr in die Hütte, wo sie umhergingen und ihr Tagewerk vor den Augen der Mutter lautlos vollbrachten. —


Dieses war das Erlebnis meines ersten Segeltages. Am zweiten Tag fuhren wir nach einer großen Lotseninsel, von wo wir, nachdem wir im Hause des Oberlotsen übernachtet hatten, am anderen Tag zur äußersten Insel im Skagerak weitersegelten.

Diese letzte bewohnte Insel heißt Väderbod, das bedeutet Wetterschutz. Ich war vorher nie auf einem so seltsamen Fleck Erde gewesen. Die Insel hatte einen mächtigen Leuchtturm, und außer dem Leuchtturmwärter, der ein alter abgedankter Kapitän war, befanden sich nur noch ein zweiter Leuchtturmwächter und dessen Frau auf dieser kleinen Klippe. Diese Leute hatten im Schutz einer Klippenwand, auf einer Klippenanhöhe, alle drei ein kleines Holzhaus und daneben einen Stall für eine Kuh.