Die Insel stand ziemlich schroff wie ein Riesenwürfel aus dem Meer. Nachdem wir das Boot an Steine angebunden, warf man uns Seile zu, denn die drei Bewohner hatten unser Kommen längst bemerkt, und sie hißten uns an Seilen zu sich hinauf auf die Felsenplatte.
Dort oben wurde es einem fast schwindlig, wenn man sich umsah. Man hatte das Gefühl, als würde einen der Meerwind forttragen. Da oben war kein Baum und kein Strauch und kein Halm und keine Blume und nicht das kleinste Kräutlein, sondern nur eine Steinfläche und in ihr eingehauen einige gähnende Felsenspalten und Risse, die da klafften.
Rundum kreiste das leere Meer. Die ferne Küste lag im Abend außer Sehweite, und nur einige der letzten Inseln sah man wie winzige graue Wölkchen ganz fern, in der Richtung gegen die Küste, auf dem pechschwarzen Wasser liegen. Aber man konnte nicht unterscheiden, ob diese grauen Flecken im Meer Erde oder Nebel waren.
Unendlich toste das Meer hier draußen. Ich fühlte mich anfangs betäubt auf diesem zu furchtbarer Meereinsamkeit verdammten Stein. Es war mir, als sprächen die Felsenplatten, über die ich trat, vor Sehnsucht zart werdend, vor Sehnsucht nach der Küste, mit meinen Füßen, bei jedem Schritt, den ich tat. Und die Felsenplatten wußten nicht, was sie tun sollten, um ihre Freude zu zeigen, weil sie von Füßen berührt wurden, die vom riesigen Mutterfestland kamen.
Es war etwas wie Ratlosigkeit über dem kahlen Inselstein, der nie Fremde sah, vom Augenblick an, da der junge Schwede und ich erschienen. Aber es war eine freundliche, aus Beglückung stammende Ratlosigkeit.
Ratlos war der kleine, alte, vertrocknete Kapitän, dessen Körperchen flach und dürr war, von Sonne und Wind und Meersalz gebeizt und gedörrt wie ein getrockneter Stockfisch. Und ratlos war die Magd, die Frau des zweiten Wächters, und der Wächter selbst.
Als wir oben bei ihnen auf der Klippe standen, schüttelten sie uns abwechselnd bald die linke, bald die rechte Hand mit ihren beiden Händen. Sie streichelten den Kleiderstoff an unseren Schultern und Armen, und sie lachten, und sie bückten sich, und sie schlugen die Hände zusammen, und sie lachten wieder, und sie sprachen alle drei zu gleicher Zeit, und sie lachten alle drei zu gleicher Zeit, und sie schüttelten sich selber gegenseitig die Hände, denn es war ihnen ganz wunderbar, daß sie zwei Lebende, wirkliche, lebende junge Männer an den Seilen emporgezogen hatten, sie, die sonst während des ganzen Jahres nur das traurige Geschäft zu verrichten hatten, Leichen von Schiffbrüchigen, die vorüberschwammen, aufzufischen. Leichen waren ihre Menschenbesuche. Andere Besucher kannten sie kaum. Andere als tote Menschen fanden sich hier selten ein.
Im Frühjahr und im Herbst, nur zweimal im Jahre, kam der Regierungsdampfer gefahren, der ihnen den Mundvorrat für das nächste halbe Jahr in Kisten ausschiffte, und der alle Leuchttürme an der Küste zu versorgen hatte. Aber dieser Dampfer legte nur ein paar Stunden kurz an, und dann fuhr er weiter. Dann fischten die Einsamen wieder Leichen, wenn im Herbst oder Frühjahr zu den Gezeiten ein unglücklicher Schoner oder ein segelnder Dreimaster vom Orkan an die Klippe geschleudert wurde. Sie hatten oft nur ein paar gellende Schreie oder ein paar Zurufe in der Nacht gehört und sahen am nächsten Morgen Tote schwimmen, Menschenleichen, und vielleicht nur noch ein paar Schiffsbretter.
Diese Klippe war ein Unglücksblock, düster umstanden von jahrhundertealten Schrecknissen. Und der Riesenblock erzitterte immer. So ungeheuerlich war der Meeresdruck hier, daß der große Felsenwürfel Tag und Nacht bebte.