Der kleine lebhafte, ganz vertrocknete Kapitän plauderte mit uns zärtlich und kindisch vergnügt, wie ein Knabe, dem man zwei junge Katzen geschenkt hatte. Und er schob in seinem Zimmer viele Stühle an den Tisch, so viele Stühle als er hatte, als wären nicht bloß zwei Menschen, sondern wenigstens das halbe Fjellbacka zu ihm gekommen.
„Die Einsamkeit hat ihn etwas närrisch gemacht, den Alten,“ sagte der junge Schwede zu mir, und er bot dem Kapitän von seinen Zigarren an. Beim Rauch der Zigarre begann der Alte gleich von seinen Reisen nach Westindien und von Havanna zu erzählen. Und er erzählte, er wäre auch viele Male im „echten“ Indien gewesen, in Bombay, in Kalkutta und Colombo. Und er war oft in China, in Java und Australien gewesen und viele Male rund um Afrika und rund um Kap Horn in Südamerika, war teils mit großen Segelbooten, teils mit Lastdampfern gefahren. Er kannte alle Küsten der Erde.
Er war auf allen Weltmeeren mit Dutzenden von Schiffen herumgetanzt, und er konnte jetzt noch nicht stillsitzen. Trotzdem er schon zehn Jahre auf dieser Klippe lebte, um seine alten Tage nützlich zu verwenden, hatte er doch nicht Ruhe lieben gelernt. Seine Zunge stand so wenig still wie seine Beine, und nur seine Hände steckten nach alter Seemannsgewohnheit in den Taschen.
Vierzehn Schiffbrüche hatte er mitgemacht. Vier eigene Schiffe hatte er verloren, und jetzt war er arm wie der Meerwind. Er hatte auf Ansuchen diese armselige Stellung von der Regierung bekommen und war jetzt Feuerturmwächter hier draußen auf dem letzten bewohnten Klippenstein im Skagerak. Und weil er die Unruhe liebte, liebte er auch den Meereslärm, der hier rund um die Steine war, und er hörte den Lärm schon fast gar nicht mehr.
Obwohl bei jedem Tür- und Fensteröffnen das Meeresgeschrei hereinstürzte, als wenn draußen ein ewiger Mord und Totschlag wäre, war es ihm doch in den Zimmern oft zu still, und er hatte sich deshalb eine Unzahl von laut tickenden Uhren angeschafft. Er schien seinen Jahresgehalt für den Einkauf neuer großer Standuhren auszugeben. Die Wände waren voll von Standuhren, und diese tickten alle zu gleicher Zeit, und ihr Räderwerk schnurrte durcheinander. Und der Kapitän hatte seine Freude daran in seiner Einsamkeit, die Uhren schlagen zu lassen, ihre Gewichte aufzuziehen und ihre Zeiten miteinander zu vergleichen.
Mir aber war vor den vielen lauten Uhren, als wenn da Katzen an den Wänden säßen und schnurrten, und im dämmerigen Abend sahen auch alle die vielen weißen Zifferblätter weißen dickbackigen Katzengesichtern ähnlich.
Die Magd brachte zum Abend einen gekochten mächtigen Hummer und geräucherte Fische, gesalzene Fische und gekochte Fische und eine Schüssel voll mit dampfenden Kartoffeln. Aber in der vollständig geruchlosen Luft hier draußen im Meere, wo kein Halm und kein Laub und kein grünendes Maienholz duftete, und Häuser und Menschen vom Wind stündlich ausgepeitscht wurden, so daß kein Geruch an den Kleidern und den Wänden haften blieb, dufteten auch die Speisen nicht.
Es roch während der Mahlzeit nicht nach Fisch und roch nicht nach Kartoffeln, und es roch auch nicht nach Zigarren, wenn man rauchte. Und man hatte das Gefühl, als wären die angerichteten Speisen alle nur Schaugerichte aus Pappendeckel, wie man solche auf der Bühne in Theaterstücken verwendet. Man merkte nur auf der Zunge, ob man etwas Warmes oder etwas Kaltes hinunterschluckte. Der Geschmack aber war gleich null.
Der warme Kaffee schmeckte wie warmes Wasser, die kalte Milch wie kaltes Wasser. Der Branntwein brannte und gesalzenes Fleisch und Fisch unterschieden sich nur durch den stärkeren oder schwächeren Salzgeschmack. Man aß und schmeckte nichts und war eigentlich um einen Lebenssinn, den Geschmackssinn, betrogen. Man horchte und hörte nur Lärm, immer wieder Lärm, nie einen gesteigerten und nie einen verminderten Lärm. Man horchte auf den unendlich vielen Lärm und hörte doch nichts und kam sich vor wie einer, der an beständigem Ohrensausen leidet. So war man wieder um einen Sinn genarrt, um das Gehör.
Trat man an ein Fenster, da sah man draußen nichts als eine Linie zwischen Wasser und Himmel. Und trat man an ein zweites Fenster und sah nach einer anderen Himmelsrichtung, so sah man wieder nichts als dieselbe Linie, und so war es bei jeder Himmelsrichtung. Man sah nichts als eine Linie zwischen einer dunklen Leere und einer etwas helleren Leere hingezogen. Und man wußte nicht, was man am Fenster mit den Augen anfangen sollte, und warum die Fenster Scheiben hatten und hinaussahen. Und man mußte einsehen, man war auch noch um den dritten Sinn hier bestohlen, um das Gesicht. Denn, so weit man auch die Augen und die Fenster aufriß, man sah nur immer wieder eine zweifache Leere und in deren Mitte eine einzige dünne Linie.