Da auch die Steine vor der Türe keinen Duft hatten, so schienen hier alle Sinne überflüssig zu sein. Man hätte ebenso gut als Leichnam hier ankommen können. Man hätte nichts dabei verloren. Denn alle Sinne gingen hier leer aus. Das Menschenleben ist hier draußen überflüssig! Das schien der Höllenlärm rundum jedem Ankömmling zuzuschreien. Hier wollen nur Wasser, Luft, Sonne und Stein zusammenkommen! So schrie es aus dem Trubel und aus dem vielfachen Echo und Getöse der Brandung und des Windes.

Und man wird verstehen, daß die Menschen hier alle etwas verrückt wurden, wenn sie lange auf dem Inselstein blieben. Sie mußten deshalb abgelöst werden. Sonst lösten sie sich eines Tages selbst ab und stürzten sich im Irrsinn von der Klippe hinunter in das Meergeschrei, um nur einmal zu versuchen, ob sie diesen Lärm nicht überschreien könnten, auch wenn sie ihr Leben dabei einsetzten. Und siehe, der Lärm hörte plötzlich dann in ihnen auf und wich einer lang ersehnten tiefen Stille.

Aber bis die Menschen dazu kamen, sagten sie sich dort alle immer vor, daß sie den Lärm nicht hörten. Aber das sagten sie nur, weil sie den Lärm hören mußten und ihm nirgends ausweichen konnten. Der Meerlärm war tags mit ihnen um ihre Arbeit und setzte sich mit ihnen zu Tisch und legte sich mit ihnen zu Bett, und es gab für sie keine Nachtruhe. Wenn die Leute hier schliefen, war der Lärm doch in ihren Ohren, und die Ohren durften nie schlafen. Und der Lärm zerrüttete allmählich die Gehirne, so wie die Brandung mit der Zeit Felsenblöcke absprengte.

Da in den Holzstuben des Hauses wenig Raum war, hatten dort keine Betten Platz, wie in anderen Häusern, und man schlief in großen Schubladen, die unter Schränken nachts herausgezogen wurden, und worin nur die Hälfte des Körpers Ruhe hatte. Und es sah aus, als meinte man, weil der Lärm den Geist nur zur Hälfte schlafen ließ, sollte auch der Körper nur ein halbes Bett haben.

Ich konnte mich in jener Nacht mit meiner Lagerstelle nicht in Frieden auseinandersetzen, und ich lag mit offenen Augen und horchte neben dem Meeresgeräusch noch auf die vielen irrsinnig tickenden Uhren, die im Zimmer und hinter den Wänden ihre Pendel rastlos arbeiten ließen. Als müßten sie hier die Zeiten anfertigen, die über das Weltall verteilt werden sollten, so arbeiteten alle Uhrenpendel hastig tickend darauf los.

Die Frühlingsnächte waren bereits hell hier oben im Norden. Aber das hatte ich an der Küste im Pfarrhause, wo der dunkle Granit den hellen Nachthimmel nicht widerspiegelte, noch nicht auffallend bemerkt. Hier draußen aber im Meer, wo Wasser und Himmel sich beleuchteten, blieb es während der ganzen Nacht bereits so hell, daß man um Mitternacht am Fenster hätte lesen können.

Da ich nicht schlafen konnte, stand ich aus meiner Schublade in jeder Stunde ein paarmal auf und setzte mich an eines der Fenster. Der Himmel war gelbgrünlich, so wie die Blätter der Pflanzen leuchten, die in Kellern gewachsen sind. Die Sonne war im Norden um zwölf Uhr nachts im Meeresrand ein wenig untergetaucht. Aber es blieb so hell dort, als sähe man die Sonne blaß unterm Wasser liegen. Und um halb ein Uhr kam die Sonne schon wieder wie eine große Elfenbeinkugel aus dem Meer empor. Übernächtig und leblos sah sie aus und glich mehr einem Klumpen Teig, einem großen Mondleib, und zeigte nichts von ihrer sonstigen Herrlichkeit. Sie schien von allem Licht entkleidet zu sein und lag kahl und verlassen da draußen, als bettelte sie selbst um Licht.

Eine Stunde später entzündete sie sich ganz allmählich. Aber der Himmel blieb noch lange hellgrün, als müßte er den Klippensteinen nachts hier draußen im Meer den grünen Schein der Küstenwälder ersetzen, das Grün jener Wälder und Bäume, nach denen die Steine im Frühling zu hungern schienen, das Grün, das ihnen die Sonne nicht geben konnte.

Wohl sind die Nächte hell im Norden, und man spricht viel von ihrer Schönheit, aber mir schienen sie immer krankhaft, jene hellen Nächte, nicht wie eine Verschönerung, sondern wie eine Entstellung der Natur. Sie waren wie Einäugige traurig anzusehen. Man bekam nicht den vollen Blick, sondern nur einen halb lebenden, halb getöteten Blick vom Licht dieser hellen Nächte. Man erlebte sich selbst in dieser halben Helle als ein Zwischending von Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Man saß nicht ruhig in seinem Körper. Man konnte sich aber auch nicht stark im Geist erheben, da man von dem hinschmachtenden Licht in seinen innersten Kräften unsicher gemacht wurde.

Ich wünschte oft die Dunkelheit herbei. Ich kann mir gut vorstellen, daß die Berserkerwut, die früher unversehens bei den nordischen Völkern einzeln und in Massen ausbrach, und daß auch der große Wanderzug, der die Normannen bis zum Mittelmeer nach Sizilien und nach Island und nach Nordamerika getrieben hat, von den hellen Nächten angeregt wurde, die keine Ruhe geben, und die nach den langen Winternächten mit übermäßigem Lichtbesitz auch übermäßigen Machtbesitz vorspiegelten und die Männer in die Meerräume hinauslockten, wo das Gold der Welt und nicht die Sonne jene Nächte aufzuhellen schien.