Am nächsten Morgen rückte der kleine vertrocknete Kapitän, während er alle seine Uhren aufzog, mit dem Wunsch heraus, einmal wieder eine Kirche besuchen zu dürfen. Es war Sonnabend, und wir verstanden, daß er gerne mit uns hinüber zur Küste segeln wollte.
Wir dachten nicht weiter darüber nach, ob ihn auch noch etwas anderes zur Fahrt nach der Küste locken könnte, und der junge Schwede sagte zu mir:
„Wenn der Kapitän mitfahren will, dann ist es nicht nötig, daß wir gleich in den Vormittagsstunden zurückkehren. Dann können wir auch erst nachmittags fahren. Und sollte der Wind abflauen, dann wird der Kapitän, der ein ausgezeichneter Ruderer ist, uns beim Rudern helfen, und wir brauchen nicht zu befürchten, von der Nacht überrascht zu werden.
Den Vormittag können wir dann damit ausfüllen, daß wir erst noch hinaus nach den letzten Inselsteinen eine kleine Segelfahrt wagen. Es sind da Steine draußen im Skagerak, wo keine Menschen wohnen, aber wo Tausende von Möwen jetzt nisten.“
Wir segelten dann in den Morgenstunden über das blauschwarze Morgenmeer, das uns mit weißköpfigen kleinen Wellen entgegengeschwommen kam. Es war, als zeigte jede Welle ein blankes Gebiß.
Das Boot glitt spielend in die Wassertäler und wurde auf halber Talfahrt schon wieder von einem Wasserberg, der unter ihm anwuchs, in die Luft gehoben, und das Aufsteigen und Versinken des Wassers wurde immer mächtiger, je weiter wir hinauskamen in den offenen Skagerak. Das Meer überspritzte uns, und wir kamen in die Nähe von hohen aufsprudelnden Wellenspringbrunnen, die sich über unterirdischen Klippen wie Geisire weißschäumend aufbäumten.
Aber es war seltsam: je mehr Gefahren da ringsum wurden, und je weiter wir vom letzten bewohnten Klippenstein fortkamen, desto ruhiger und gefahrloser, einfacher und natürlicher fühlte sich mein Herz werden. Die Allmacht des Meerelementes schien eins geworden mit der Unergründlichkeit meines eigenen Wesens. Und der Weg des Bootes schien mir ebener, weil mir der Weg des Meeres ebener, unverfälschter und unverdorbener vorkam, je weiter ich mich von den Irrsinnigkeiten des verfälschten Menschenlebens entfernte.
Die Magd hatte uns ein paar hartgesottene Eier, Salz und Zwieback mitgegeben. Das Frühstück wollten wir, wenn wir auf einer der Inseln gelandet waren, verzehren. Aber wir wußten nicht, wohin wir uns wenden sollten. Die Inseln, die da aus dem Meere sahen, waren keine Anhöhen, keine Klippen, sondern lagen wie flache große Steinlinsen, jede in einem weißen Brandungskranz.
Der Schwede kannte den Weg nicht und hatte noch nicht hier draußen gesegelt. So kreuzten wir ziellos, und das Meer erschien mir, je höher die Sonne stieg, die es blauer färbte, wie ein stahlblauer Garten, in welchem die Brandungen wie rauschende weiße Blütenbäume standen. Weißen Palmen ähnlich, schäumten die verschiedenen Meerspringbrunnen über den unterirdischen Klippen, und um die Inseln ereiferten sich die Schaumwellen und waren ähnlich wirren weißblühenden Hecken.