Immer vertraulicher wurde mir des Meeres Anblick. Der weite Morgenäther war mir wie ein altbekanntes Hausinnere, und das heilige Meer war wie ein altbekannter jauchzender unendlicher Garten. Das Boot wiegte uns zwischen der Lust der Gefahr und der Lust des unendlichen Friedens.

Es war eine Fahrt durch unwirkliches Leben, denn die Größen der Gefahren verflüchtigten das wirkliche Dasein derart, daß man sich über Tod und Leben gleichmäßig erhaben fühlen mußte.

Von der Küste sahen wir kaum einen Nebelrand, und die Klippe, auf der wir übernachtet hatten, war nur als ein weißes Schaumpünktchen fern im schwarzblauen Meer zu sehen. Wäre unser Boot in einen Meerstrudel gekommen, deren es viele rundum gab, so wären wir im Kreis getrieben, mit dem Boot eingesogen worden und verschwunden wie ein Bissen in der Gurgel eines Tieres. Nirgends hätte man es bemerkt, und niemand hätte Rettung bringen können.

Aber darüber dachten wir kaum sekundenweise nach. Das Meer hatte uns eingeladen, und wir fühlten uns als sein Gast, und wir genossen das Bewußtsein der Gefahr und waren ganz Aug’ und Ohr für die Meerfestlichkeit ringsum.

Endlich näherten wir uns einer der Inseln, nachdem wir eine Lücke in der umgebenden Brandung entdeckt hatten, eine Lücke in der weißen Schaumhecke, wo das Wasser stiller war. Es war schwierig, das Boot zu befestigen. Nachdem wir ans Land gesprungen waren, drohte uns die Möglichkeit, daß die zerrenden Wassermassen das Bootseil, auf das wir ein paar Steine gelegt hatten, lockern würden. Und wir mußten uns bei jedem Schritt auf dem kleinen Eiland immer wieder nach unserem Bootsmast umsehen, ob er noch zu sehen war, oder ob das Meer das Boot vielleicht schon fortgetrieben hatte. Es war das kein angenehmer Gedanke, hier ohne Boot ausgesetzt zu sein, auf der Insel, die nur wie ein ovaler Steinfußboden ohne Erhebung und ohne Schutzwand platt wie ein etwas buckeliger, zerbeulter Zinnteller flach in der Wasserwüste lag und bei Sturm im Meer verschwand.

Schon als wir uns der Insel näherten, hatte sich ein Klagegeschrei erhoben, und viele Möwen waren fortgeschossen. Jetzt aber bei unserem ersten Schritt auf dem Stein brauste plötzlich die Luft um unsere Köpfe, als schlüge der Meerschaum haushoch und weißflockig wie ein dickes Schneegestöber über uns zusammen. Es waren Tausende der brütenden Möwenpärchen, die aufflogen, und ihr Geschrei war wie das von tausend Klageweibern. Sie blieben wie ein flatterndes, kreischendes und rauschendes großes Federgespenst alle zusammen oben im Äther über der Insel hängen. Sie ächzten und stöhnten. Sie verfluchten uns und beschworen uns, sie flehten und jammerten. Sie stießen gellende langgedehnte Angstschreie aus. Sie beschworen das Meer und die Wolken, uns Eindringlinge zu vernichten.

Niemals, so lange Möwen hier gebrütet hatten, waren zwei Menschentiere aus dem Meer hier auf das Eiland gekommen. Es war, als verhexten wir ihren Urweltfrieden, an dem nie gerüttelt wurde, so lange Möwen denken konnten.

In den langen, nur handtiefen Rissen und Sprüngen, die sich über die Inselplatte hinzogen, hatten die Möwenscharen dort in den getrockneten Tang unzählige, unauffällige, graugrüne Eier gelegt. Die tausend Mütter, die da, abwechselnd mit den tausend Vätern, gebrütet hatten, besprachen sich jetzt über uns im Himmel unausgesetzt fliegend und durcheinanderkreischend in dichtem Knäuel, und besprachen alles, was wir taten.

Sie sahen uns beim Frühstücken und beim schnellen Baden zu. Und als wir dann auf den sonnengewärmten Steinplatten auf dem Rücken lagen und uns von der Sonne trocknen ließen, da erst ließen sich die Aufgescheuchten in Gruppen bei uns nieder. Denn daß wir uns sonnen wollten, verstanden sie. Das taten die Seehunde manchmal auch, wenn einer aus dem Meer stieg und zu ihnen auf die Steine gerutscht kam und mit offenen Augen schlief, bis der Mittag vorüber war.