Wie ich dann Mövenpärchen bei Pärchen all die silbergrauen schönen Vögel beieinander sitzen sah, da fühlte ich, daß wir Menschen uns nicht so gut auf das Glück verstehen wie die Tiere. Jeder Vogel, jeder männliche, wenn er liebesreif wird, sucht sich sein Weibchen, und ein wenig Tang in einer Felsenspalte genügt ihnen für das ganze Leben als Brutplatz. Und die Möwenfrau und der Möwenmann brüten beide abwechselnd, und beide lehren später den jungen Möwenkindern zu fliegen und Fische zu fangen. Wie einfach ist das!
Aber welch eine Unwelt von Hindernissen wissen die Menschen dagegen vor ihrem Liebesglück aufzubauen! Eine Hölle von Unnotwendigkeiten setzen sie sich in den Weg, die das Lebensglück schwächt, das in der höchsten Lebenseinfachheit am edelsten und reichsten sich darbieten will. —
Die Steinfläche, auf der wir uns befanden, wurde bei hohen Stürmen von den großen Wellen überrollt, und es konnte sich auch im Sommer ereignen, daß bei plötzlichen Wetterstürzen der Seegang mächtig hoch wurde, so daß die brütenden Möwen fliehen und ihre Eier im Stiche lassen mußten.
Am Himmel waren viele Wolken aufgestiegen, und trotzdem wir heute nichts Ähnliches befürchteten, konnten wir uns doch nicht einiger Unruhe erwehren. Das Klagegeschrei der Möwenmütter war in uns so tief eingedrungen, daß wir am liebsten mitgeklagt hätten. Es war, als könnten uns die Schreie allmählich selber in Möwen verwandeln; und wäre plötzlich jeder von uns ein weißer Vogel geworden, es hätte uns nicht erstaunt. Im Geist flogen wir mit den Scharen immer über dem Inselstein hin und her und schrieen mit.
Derart verhexend wirkte in der Meereinsamkeit die Aufregung auf dem Möwenbrutplatz, daß wir beinahe Unruhe hatten, unsere Vernunft für immer verlieren zu können. Denn verwirrend und irremachend war das Angstgeschrei und das Geächze und das Gestöhne, das aus den Rissen und Steinspalten zu uns kam. Wir wußten zwar, daß dort Vögel versteckt saßen, aber es klang, als seufze und stöhne die sich grämende Brutstätte selbst, und wir eilten endlich, fortzukommen von dem Stein, auf dem wir von tausend Verwünschungen überschüttet wurden.
Zurückgekommen nach Väderbod, nahmen wir dort den Kapitän ins Boot, der uns gleich zurief, es würde heute noch schlechtes Wetter geben. Zugleich donnerte es schon draußen am Meeresrand.
Der Wind war günstig, und wir segelten stundenlang eiligst der Küste zu. Einige dunkle Wolken holten uns aber doch ein und sandten uns einige kurze Regenschauer auf den Rücken. Wir erzählten unterwegs dem Kapitän, daß wir vorhin auf einer der Möweninseln mit dem Segelboot angelegt hatten.
Der Meergreis schüttelte mißmutig den Kopf und meinte, das hätten wir nicht tun sollen. Die Brutplätze darf man nicht stören. Das sind heilige Plätze, sagte er, und außerdem ist es mit so viel Gefahr verbunden, auf jenen Inselflecken zu landen und loszukommen, daß deshalb schon niemals einer dort hingeht.
„Wenn ich gewußt hätte, daß Sie dort landen wollten, hätte ich Sie vorher gewarnt. Denn die Tiere wollen, wenn sie in Familie sind, allein sein und mögen bei ihren Wochenbetten keine Menschen sehen.“