Ich mußte noch den ganzen Sonntag über dieses letzte Ereignis nachdenken. — Der alte Kapitän war vom Pfarrer zu Tisch geladen worden, und er saß mir da bei Tisch gegenüber wie ein lebender Vorwurf meiner gestrigen Gedankenlosigkeit. Er sprach aber nicht von gestern und dachte auch sicher kaum noch an unser Versehen. Aber mein Herz ließ nicht los, mit ihm im stillen darüber zu sprechen.
Und er antwortete mir vieles im stillen zurück, der kleine vertrocknete mumienhafte Kapitän. Äußerlich aber befand er sich mit sich wie in einem Sturm. Zwei Jahre hatte er kein grünes Blatt und keinen grünen Halm gesehen. Zwei Jahre hatte er keine Stille in seinen Ohren genossen.
Er sagte nach dem Essen zum Pfarrer, er wäre gekommen, um die Nachmittagskirche zu besuchen. Und er ging vom Tisch fort und murmelte noch etwas. Die Glocke läutete dann, und als alle zur Kirche gegangen waren und ich in den Garten ging, um mich am Gartenende mit einem Buch auf die Moosbank zu setzen, staunte ich über die ab- und zufliegenden Elstern, die in den Erlenbäumen an der Südseite des Gartens gar keine Ruhe gaben. Auch sah ich über den langen Gartenweg mehr Eichhörnchen als sonst den Weg kreuzen. Auch die wilden Bienen summten heftiger unter den eben erblühten Apfelbäumen und über den Köpfen der hochgeschossenen Pfingstrosen.
Etwas war nicht in Ordnung im Garten. Nun kamen mir auch die drei Katzen des Hauses entgegen, die weiße, die schwarze und die graue. Sie gingen nicht, sie strichen, hohe Buckel machend, an den Stämmchen der jungen Bäume hin und hopsten nach rückwärts. Sie waren also besonders vergnügt und zufrieden. Wären junge Vögel irgendwo gelegen, die aus dem Nest gefallen waren, und hätten diese die Katzen angelockt, so wäre ihr Gang geduckt, zielbewußter und bei meinem Anblick scheu und bestürzt gewesen. Aber die drei Katzen gingen nur gemütlich spazieren, erzählten mir aber irgend etwas, das ich mit meinem innersten Ohr noch nicht deutlich hörte, weil ich noch zu überrascht war.
Das Auge muß fühlen und nicht bloß sehen, wenn man mit dem Weltalleben Gedankensprache austauschen will. Die eigenen Wünsche müssen verstummen können. So wie man nicht ohne Übung fremde Sprachen sprechen kann, so muß man auch im Weltallverkehr ein wenig unauffällig Selbstzucht an sich üben. Aber nicht mehr, als man braucht, um telephonieren zu lernen.
Ich ging zur Moosbank hin und setzte mich und wollte lesen, aber die Elstern flogen zu und flogen fort, doch nicht ängstlich und auch nicht aufgebracht. Nur unterhaltsam, als wären sie in angeregtestem Gespräch.
Nun jagte auch ein großer weißer Vogel tief über den Garten, eine Möwe. Das war selten, daß im Sommer eine Möwe so weit ins Land hereinflog. Und ich mußte an die Seehunde denken, die gestern neugierig dem alten Kapitän nachgeschwommen waren. War nun auch diese Möwe ihm neugierig nachgeflogen?
Nach einer Weile ging ich an den roten Pfingstrosen vorbei, und ein paar Goldkäfer, die an den Blüten hingen, blitzten mich goldgrün an, und ich mußte an die Fenster des Klippenhauses in jener grünen Meernacht denken, in der der Himmel nicht dunkel wurde. Und ich mußte bei den Rosen an den purpurroten Tang denken, der draußen um die Möwenbrutstätten in dickem Kranze schwamm.
Ich habe eine Weile so vor mich hingeträumt und dachte: Wie wunderbar einschläfernd summen die Bienen! Wenn die Erde nicht so frühlingsfeucht wäre, müßte es gut sein, hier im Garten auf einer Grasböschung auf dem Rücken zu liegen, den blauen Himmel anzublinzeln und sich von den Bienen einschläfern zu lassen.
Dann läutete es wieder von der Kirche her, und ich war erstaunt, wie schnell die Zeit vergangen war. Die Kirche war aus. Aber daß Zeit vergangen war, das merkte ich nur an dem Gartenweg. Die Schatten der Bäume waren gewachsen, und der Weg sah mich nicht mehr grell sonnig an. Die Schatten zogen alle, länger geworden, sichtbar nach einer Richtung quer über den Garten fort.